Dickenhass online!!!11

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(Dieser Text befasst sich spezifisch mit dem Hass, der dicken Frauen in Medien wie z.B. dem Internet entgegengebracht wird. Ein kritischer Umgang mit Medienkonsum betrifft aber natürlich nicht nur Dicke.)

Ein Beispiel von vielen: Ragen Chastain ist eine amerikanische Bloggerin und Tänzerin. Auf ihrem Blog setzt sie sich u.a. mit den Themen Körpervielfalt und Dickenaktivismus auseinander. Die Welle an Hass, die ihr bei dieser Arbeit entgegenschlägt, ist erschreckend. Sie schreibt selbst davon, wie sie von anonymen Internetusern beschimpft und im realen Leben verfolgt wird. Es gibt eigene Blogs, die sich ihrer vermeintlichen Heuchelei widmen und seitenweise Artikel posten, in denen die „Wahrheit“ über diese freche dicke Frau aufgedeckt wird. Hier einer ihrer Blogeinträge über die Stalkingvorfälle.

Für meinen persönlichen Umgang mit Medien allgemein, aber insbesondere ONLINE habe ich 1. langsam gelernt meinen Körper von der Dummheit, Boshaftigkeit und dem Hass anderer Menschen zu trennen 2. gelernt meine Medienerfahrung bewusst zu steuern, zu sortieren und unnötige Wut/Enttäuschung über „The Biggest Loser“ usw. zu vermeiden und 3. durch die Arbeit für die ARGE versucht meinen kleinen Teil beitragen, um Veränderung zu bewirken.

Diese Methoden kommen nach vielen Jahren des nicht regulierten Konsumierens von Körper- und Lebensidealen, die ich nicht erfüllen kann. Ich bin ein Popkultur-Opfer. Konsumentin von vielen Mainstream Filmen, Fernsehserien, Büchern, Musikvideos, Blogs und Magazinen.

Diese Medien bieten nicht viel Platz für dicke Frauen, außer als herablassende Pointe oder Objekt des Mitleids. Die Tatsache, dass mein Körper als verächtlich gilt, war mir schon lange klar.
Wenn ich als Kind im Fernsehen dicke Frauen gesehen habe, die ihre massigen Körper mit schwerem Atem durchs Bild hieven, um dann auf der Couch mit einer Packung Chips zusammenzubrechen, dann war klar: das ist das Allerletzte! Niemand will diese Frau. Wenn ich Bücher gelesen habe, in denen im Nebensatz auf die unglückliche, dicke Freundin verwiesen wurde, war klar: das will ich niemals sein. Ich will keine Nebenrolle in meinem eigenen Leben spielen. Wenn Heidi Klum erklärt hat, dass Schönheit harte Arbeit ist und ihre Mädchen daraufhin unter Tränen vom Laufband zur Waage und zurück rennen, war klar: so gehört sich das. Ich will nicht weinen müssen, weil niemand meinen dicken Körper sehen will.

Hundert Filme und Fernsehserien, Seitenblicke Magazine und Bravo-Mädchen Hefte später und ich hatte die Nachricht verinnerlicht. Dicksein ist die größte Schande, die sich eine Frau leisten kann. Oder nicht?

Wie kann das alles stimmen? Wieso kann ich nicht einfach sein ohne dauernd an Besserung, Veränderung oder Verwandlung denken zu müssen? Wie kann es nur einen guten Körper geben? Wie kann ich mich genug hassen, um mich irgendwann schön zu finden? Wieso dürfen andere Leute solche Entscheidungen über mich treffen? Warum bin ich nicht wütend?

Ich kann die Meinung anderer nicht ändern (und ich habe auch nicht die Kraft oder das Interesse Leuten zu erklären, warum es nicht OK ist mich als fette Sau zu beschimpfen und mir den Tod zu wünschen), aber ich weigere mich zu glauben, dass mein Körper das Problem ist.

Im Internet darf man ja bekanntlich eh alles sagen und jeder hat eine Stimme und Meinungen sind Fakten. Deswegen bewege ich mich online fast ausschließlich auf intersektional feministischen, body positiven Blogs und Kanälen, konsumiere Videos, Bilder und Texte, die sich dem Leben konventionell ignorierter und verachteter Körper und Menschen widmen. Siehe z. B. die Ressourcen auf unserem Blog unter „Links“.

Ich sehe die Gestaltung meiner Online-Erfahrung als aktive Handlung gegen Hass. Ich kann die Realität meines Körpers so oder so nicht vermeiden, dafür muss ich mich nur in die U-Bahn setzen oder meine Mutter anrufen. Ich nehme mir aber das Recht heraus, mich zuhause vorm Computer sicher und bestärkt zu fühlen.

Und trotzdem: der Hass bleibt mir nicht erspart. Er bleibt keiner dicken Frau erspart. Deswegen spielt die ARGE für mich eine große Rolle in der Bewältigung des Alltagswahnsinns. Hier kann ich durch Blogeinträge, Treffen mit anderen Frauen, Teilnahme an diversen Aktionen/Parties/Modemärkten aus dem Schatten treten und mich aktiv an Veränderung beteiligen.

 

 

 

Gewalt an Dicken – ein Erfahrungsbericht auf Facebook und was er auslöste

geschrieben und zusammengestellt von Anita Drexler

 

Spezifische Gewalt gegen Dicke wird in den Medien ( sozial oder sonstwelche) kaum thematisiert – ich wage sogar zu behaupten, den meisten Menschen, die nie akut davon betroffen waren, ist das Phänomen  überhaupt nicht bekannt.

Wenn es einmal an die Oberfläche tritt, man vielleicht sogar selbst zum/zur Täter_in wird, wird das Gesagte / Getane gerne als „Nichtigkeit“ oder als „gerechtfertigt“ abgetan – manchmal sogar seitens der Opfer selbst. Als vor ein paar Tagen, am 8.Juni,  die Autorin und Aktivistin Stefanie Sprengnagel ( alias Stefanie Sargnagel ) auf ihrem Facebook-Account auf eine derartige Erfahrung ihrerseits aufmerksam machte, löste das eine bemerkenswerte Diskussion aus.

Natürlich gab es die facebooküblichen Berg- und Talfahrten was das Niveau der Beiträge anbelangte, aber neben erstaunlich fettpositiven Einzelstatements und Erfahrungsberichten waren auch die Reaktionen auf Postings selbsternannter „Befürworter_innen eines gesunden Lebensstils“ vielseitig und teilweise wirklich lesenswert.

Da der Ursprungs- gemeinsam mit dem Folgebeitrag um die 100 Kommentare zur Folge hatte, findet ihr hier eine kleine Auslese.

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Dicker Kommentar: My Big Fat Fabulous Life

Positive Darstellungen von dicken Frauen (und Männern) in den Medien sind dünn gesät.  Da nehme ich schon mal das amerikanische Reality TV-Format in Kauf, um eine dicke Frau tanzen zu sehen.

Es klingt eigentlich ganz einfach: die dicke Tänzerin Whitney Way Thore stellt Videos auf Youtube, Fernsehproduzenten erkennen das Marketingpotential und so entsteht ein US-amerikanisches Reality Format, das mit Vorbehalt fat postitve ist.
Es wäre zu einfach die Sendung als typischen Reality Müll abzutun. Die Serie meint es (oft) gut, die Hauptdarstellerin wirkt sympathisch, mit gehörigem Südstaatencharme und ehrlich um Aufklärungsarbeit rund ums Dicksein und Body Positivity bemüht.

Gut ist die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Alltag des Dickseins. So müht sich Whitney mit Sitzgurten ab, sucht nach passenden Bikinis und Badezimmern im neuen Haus und bittet ihre Mutter bei der Beinrasur zu helfen, weil sie selbst nicht alle Stellen erreicht. Nichtsdestotrotz rutscht die vermeintlich bedingungslose Ehrlichkeit immer wieder in das typische voyeuristische Guckstdu-Dicke Genre ab. Whitneys Not wird mit Kameras festgehalten und Witze und Augenzwinkern können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier sehr intime Momente für Quoten ausgenutzt werden.

Gut ist die Tatsache, dass die Männer, die an Whitney interessiert sind, nicht aus Scham mit Pornobalken über den Augen anonymisiert werden. Natürlich bleibt unklar, ob das Interesse aufrichtig ist, aber sie wird zumindest nicht zur sexlosen Karikatur gemacht. (Teil des Reality-Formats ist auch hier natürlich das Finden Der Wahren Liebe.)

Schlecht ist der Tränendrüsenfaktor inklusive dramatischer Musik bei der zur Hiobsbotschaft stilisierten Diagnose Prä-Diabetes. Damit will ich gesundheitliche Probleme nicht herunterspielen, aber hier wird ganz ordentlich mit der Angst aller Beteiligten und Zuschauer zum Stereotyp der dicken Diabetikerin (die negativen Klischees könnten mehrere Artikel füllen) gespielt.

Ganz, ganz schlecht ist der Umgang mit Whitneys polyzystischem Ovarialsyndrom. An dieser Stelle wird Whitney als Opfer ihres eigenen Körpers präsentiert und damit von jeder „Schuld“ am dicken Körper entbunden. Die arme Frau kann nichts dafür, sie war ja früher ganz dünn (siehe Fotos von ihr als ranke Tänzerin), aber dann hat die Krankheit zugeschlagen (siehe Fotos einer traurigen dicken Whitney). Ich kann die Realität dieser Erkrankung nicht beurteilen, die Lebenserfahrung der Einzelnen entspricht vielleicht Whitneys Geschichte, aber die schamlose Darstellung der armen, guten Dicken, die ja alles tut was sie kann, ist mies. Whitney sollte sich nicht für ihren Körper entschuldigen oder erklären müssen wieso sie dick ist.

Das Format lebt letztlich vom Charisma der Protagonistin: intelligent, selbstironisch, optimistisch, fat positive. Für viele komische Momente sorgen Whitneys Eltern, besonderes Highlight ist ihre Mutter Babs.

Neben der TV-Karriere meint es die Frau gut mit sich und ihren Zuseherinnen. Ihre Arbeit ist sicherlich ein harter Kampf gegen Vorurteile, hasserfüllte Kommentare und Neider, die einer dicken Frau nicht gönnen wollen, ihren Körper zu zeigen und zu lieben so wie er ist.

Alles in allem: sehenswert, wenn auch mit Vorsicht zu genießen.

My Big Fat Fabulous Life, Staffel 1
(Folgen sind auf YouTube abrufbar, Englisch ohne UT. Mittlerweile wurde auch eine zweite Staffel produziert.)

Anmerkungen zum aktuellen Adipositas-Bericht des Wiener Programmes für Frauengesundheit

Quelle: „Wiener Programm für Frauengesundheit“

Quelle: „Wiener Programm für Frauengesundheit“

geschrieben von Anita Drexler

Das Wiener Programm für Frauengesundheit, gefördert durch die Stadt Wien ist eigentlich eine gute Sache. Seit dem Jahr 1998 nimmt man sich dort frauenspezifischer Gesundheitsthemen von Brustkrebs bis hin zum Umgang mit Gewalterfahrungen an und setzt sich sowohl mit der wissenschaftlichen Erschließung als auch der Wissensvermittlung in diesem Kontext auseinander. In der Vergangenheit sind mir die dort veröffentlichten Materialien durch eine analytische Herangehensweise und einen weitgehend ausgewogenen Umgangston positiv aufgefallen. Einen Grund mehr, einen Blick auf den aktuellen Adipositas-Bericht zu werfen der im Jänner 2016 veröffentlicht wurde. Weiterlesen

„Plus-Size-Models werden immer noch anders behandelt als dünne Models“

– eine Replik auf den Vice-Artikel von Ina Holub

geschrieben von Anita Drexler

Liebe Ina Holub,

ich habe deinen Artikel in der „Vice“ gelesen und konnte dir in einigen Punkten zustimmen. Die schwierige, uneinheitliche Definition von „Plus-Size“ etwa – Stichwort „wo beginnt Dicksein“. Auch, dass eine Schieflage herrscht was die Darstellung dicker Frauen in den Medien, so sie überhaupt präsent sind, im Vergleich zu ihren dünnen Kolleginnen anbelangt, beleuchtest du durchaus objektiv – dass es Neid und Intoleranz auf beiden Seiten gibt, ebenso.

Dann wird der Artikel für mich schwierig. Du beklagst dich darüber, dass dicke Models anders behandelt werden als dünne. Dicke würden meist weniger digital aufgehübscht, müssten stets bereit sein, vor der Kamera „das Authentische“ zu geben, auch in all seiner Hässlichkeit, und bekämen einfach andere und weniger vielfältige Aufträge als ihre gertenschlanken Kolleginnen.

Liebe Ina, das liegt ganz einfach daran, dass sie dicke Frauen sind und Ungleichbehandlung dicker und dünner Menschen in unserer Gesellschaft absolut salonfähig ist. Leider trägst auch du mit deinen Positionen in einigen Punkten nicht unbedingt dazu bei, dass sich an diesem Umstand etwas ändert.

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Interview mit der ARGE Dicke Weiber

»Dicke Dinger – Ein Heft über Größe« heißt das Abschlussmagazin der Lehrredaktion 52A der Deutschen Journalistenschule in München. Johanna Popp reiste dafür nach Wien und führte ein Interview mit drei Frauen der ARGE Dicke Weiber. Es ist online nachzulesen.

Klartext #33
Dicke Dinger – Ein Heft über Größe
»ARGE Dicke Weiber – „Man sollte Frauenmagazine verbieten!«
klartext-magazin.de/52A/arge