„Personengruppen , die qua äußerlicher Erscheinung oder aber sichtbarer Körperpraktiken als ›gefährlich‹ wahrgenommen werden, werden entsprechend aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen. Sie werden in der Stigmatisierung und dem auf diese folgenden Ausschluss zu marginalisierten Körpern. Sie werden als bedrohlich wahrgenommen, weil sie zum einen die Angst vor der Exklusion und der damit zusammenhängenden potenziellen Verelendung verkörpern. Zum anderen sichert die Angst vor der drohenden Marginalisierung das Funktionieren der Norm ab, einer flexiblen Norm der Modulation, an der sich möglichst unauffällige, konforme Körer ausrichten. Diese Norm stabilisieren die herrschenden Diskurse von Eigenverantwortung und Individualisierung  gesellschaftlich produzierter Unsicherheiten und Risiken. Abgesichert werden diese neo-liberalen Diskurse über die Konstruktion von Risiko-Populationen und damit von Risikokörpern, d.h. kranken, behinderten, alten, dicken Körper, die als gesundheitspolitisches ›Problem‹ für den reibungslosen Verwertungsprozess kollektiver Körper produziert werden. Wenn das zeitgenössische Narrativ als eines von Sicherheit und Gefahr beschrieben werden kann, in dem sich gesellschaftliche Ängste und Teilhabe codieren, dann sind die ›gefährlichen‹ Körper die außergewöhnlichen Körper von heute.“

Imke Schmincke

(‘Außergewöhnliche Körper’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.24)

„Die Bevölkerung wird nicht mehr an einer vorgegebenen Norm ausgerichtet, sie wird entlang statistischer Normen, die sich aus Berechnungen von Wahrscheinlichkeiten und Risiken ergeben, reguliert und für biopolitische Programme nutzbar gemacht.“

Imke Schmincke

(‘Außergewöhnliche Körper’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.18)

„Foucault stellt in seinen Arbeiten heraus, dass die Norm zum einen die individuellen Körper diszipliniert und zum anderen die kollektiven Körper, die Bevölkerung, reguliert. Die kapitalistische Gesellschaft hat zunächst den individuellen Körper als Produktivkraft entdeckt und in Beschlag genommen, sie hat darüber hinaus im 19.Jahrhundert die Bevölkerung mittels Programmen, die Gesundheit, Reproduktion, Mortalität und Natalität steuern, als produktiv zu machendes neues Element der Politik erschlossen.“

Imke Schmincke

(‘Außergewöhnliche Körper’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.17)

„Der Körper ist einerseits ein Produkt von Gesellschaft, er ist geformt, geprägt, zugerichtet durch die Gesellschaft. Diese und ihre Normen drücken den Körpern ihren Stempel auf. Zum anderen ist der Körper nicht nur passives Objekt dieser Prägeprozedur. Mit seinen Bewegungen hat der Körper aktiv teil an gesellschaftlichen Interaktionsprozessen, er ist die Basis menschlichen Handelns, er reproduziert und stabiliesiert die soziale Ordnung und schafft Wirklichkeit. Folglich ist er somit auch Produzent von Gesellschaft. Hinsichtlich der Thematik der Marginalität bzw. Normalität der Körper wäre also zu fragen: Wie werden Körper marginalisiert bzw. normalisiert?“

Imke Schmincke

(‘Außergewöhnliche Körper’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.11f)

„In Prozessen der Marginalisierung und Selbstmarginalisierung von Körpern scheinen mir die Beschämung und die Scham von zentraler Bedeutung zu sein. Sie stellen besonders effektive Machtmechanismen dar, die das Individuum dem normalisierenden Blick des Anderen – egal, ob in Form eines tatsächlichen oder eines generalisierten Anderen – unterwerfen. (…) Dies lässt sich in den FKK-Texten um 1900 nachlesen. Die beschriebene Umdeutung des Schambegriffs, der nun nicht mehr mit Nacktheit als solcher, sondern mit dem Verstoß gegen Körpernormen verknüpft war, macht die Scham für Prozesse der Normalisierung verfügbar. Dieser neue Schambegriff hat sich meines Erachtens letztlich durchgesetzt; ist es doch heute weniger der nackte Körper an sich als vielmehr der nicht schöne, nicht durchtrainierte, nicht bearbeitete Körper, der als peinlich empfunden wird.“

Maren Möhring

(‘››Natürliche Scham‹‹’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, Torsten Junge/ Imke Schminke Hg., UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.129f)

Die Erforschung des Dickseins

verfasst von Christine Abdel Maguid-Fiedler

In den letzten Jahren beschäftigt sich die medizinische Wissenschaft intensiver mit der Erforschung der „Volksseuche Nr.1“. Es scheint in das Bewusstsein der Forschung eingedrungen zu sein, dass nicht alle dicken Menschen einfach undisziplinierte Fresssäcke sind, deren Mägen man verkleinern muss, um sie der gültigen Körpernorm anzupassen. Natürlich wird auch das immer noch gemacht, und es gibt weltweit viele Institutionen, die Übergewichtschirurgie als das alleinige Lösungsmittel für Adipositas propagieren.

Allerdings stellt sich den Forschern immer mehr die Frage, warum es immer noch so viele dicke Menschen gibt. Von einer Endemie ist sogar die Rede, da muss es doch auch andere Ursachen geben, als nur unkontrolliertes Essen.

Ich möchte hier einen kurzen Überblick geben, was die Wissenschaft im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren so alles herausgefunden hat. Weiterlesen

Dicksein / Fettsein und Gesundheit – aktuelle Situation

Zunächst wird von Medien Dicksein bzw. Fettsein als angsteinflößender Alptraum präsentiert und als Krankheit, Seuche oder Epidemie entmenschlicht zu einem Feindbild ummodeliert. Durch diese mediale Aufarbeitung „geschult“ wird „Jedermann“ (auch jede Frau) zum Experten über die Gesundheit von Dicken und Fetten – wobei die Gesundheit Dicken, Fetten prinzipiell einmal abgesprochen wird. Schlagzeilen über die Kosten des Gesundheitssystems machen die Gesundheit Dicker und Fetter zum „angeblichen Eigentum der Allgemeinheit“. Dicke, Fette müssen sich für ihr Dicksein/Fettsein „rechtfertigen“ bzw. ihre Gesundheit stets aufs Neue vorführen und beweisen. „Abnehmen“ wird zum Heilsversprechen – und das auch bei Schnupfen und Halsweh. Dabei gibt es keinerlei Beweis dafür, dass langanhaltende Gewichtsabnahme das Leben verlängert oder verbessert bzw. überhaupt für alle möglich ist. Weiterlesen