Spiegelbilder

Momentaufnahme 11 (06.06.2015 18-54)

ARGE Dicke Weiber

Rücken an Rücken

„Als dicker Mensch fällt es mir schwer mich fallen zu lassen, denn wer kann mich schon halten? Wer kann mein Gewicht schon tragen? Diese Last auf dem Rücken drückte mich nieder. Dann kam diese Körperübung und ich stand Rücken an Rücken zu einem anderen Menschen. Und da war auf einmal ein Mensch, der mir den Rücken stützt. Ich konnte endlich los lassen und mich fallen lassen und wurde getragen. Rücken an Rücken gelehnt war es möglich endlich gehalten zu werden. Ich musste meine Last nicht mehr alleine tragen. Es war eine solche Erleichterung. Ich war nicht mehr alleine. Es war ein wunderbares Gefühl.“

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

Gastbeitrag: Mehr als eine Hand voll – Fetter Sex

von Sara Ablinger

*~*

Mehr als eine Hand voll – Fetter Sex

Ich rede und schreibe gern über Sex und arbeite auch mit Sexualität, Sinnlichkeit und Selbstliebe. Und doch fällt es immer wieder schwer Worte zu finden wenn es um Dicksein und Sex geht.
Sex kann eine schöne Kraftquelle im Leben sein. Den Körper spüren, Intimität aufbauen, Energie freisetzen, Lust erfahren, Schmerzen mindern, Spaß haben – all das kann Sex sein. Sei es jetzt für Frauen*, Männer*, trans*idente oder inter*geschlechtliche, dünne oder dicke/fette Menschen, Menschen mit Behinderungen. All das was Sex sein kann, hat mit der Art des Sex zu tun – also wie er gemacht wird – und mit mit dem Körper, der ihn macht.

Als dicke Person, die im Prozess ist sich u.a. mit tantrischer Körperarbeit selbstständig zu machen, kann ich sagen, dass es immer wieder eine Herausforderung ist als dicker Mensch zur eigenen Sinnlichkeit zu stehen. Natürllich ist das in einer Gesellschaft wo selbstbestimmte Sinnlichkeit und Sexualität ohnehin ein Tabu sind (und damit meine ich nicht die misogyne Hypersexualisierung) schonmal eine schlechte Voraussetzung. Menschen, die nicht der Norm entsprechen (welcher Art auch immer), wird ein lustvolles Leben abgesprochen oder die Sexualität sogar kriminalisiert.

Ich habe für diesen Artikel lange überlegt wie in den Medien, Filmen zum Beispiel, dicke Menschen – sofern sie sexuell dargestellt werden – auftreten. Mir fallen Bilder und Szenen aus Filmen ein, wo die fetten Rollen auch gleichsam die einsamen Loser sind, die unerfahrenen Jungfern oder aber wo sie hypersexuell, derb oder aggressiv präsentiert werden (z.B. Fat Amy in Pitch Perfect). Das ist dann Sex, den niemand sehen oder hören will, weil er ja so ekelerregend ist. Und dann kommt mir die erotische, post-Sex Szene von Gabourey Sidibe aus Empire in den Sinn, die einen Ansturm von fettphoben Statements zur Folge hatte. Als ich die Szene sah, war ich berührt wie authentisch und einzigartig diese Szene gedreht wurde.

„After we were shooting it, the camera guy came over, and he said, ‚I’ve never shot a scene like this. And I’ve never seen a scene like this.‘ “ Sidibe said. „I was really happy to be part of something that’s never been seen on primetime television before. And you don’t notice it because you don’t have to notice it, but there’s never been someone of my skin color, my size, with somebody else of the same skin color in a love scene on primetime television.“[1]

Ich habe sowohl im Spitz-Magazin[2] als auch auf meinem Blog darüber geschrieben wie sehr dicke/fette Menschen noch immer als unfuckables gelten.
Darin erzähle ich von Kommentaren hinterm Rücken wie denn der Sex mit ner fetten Person überhaupt gehen soll.

Oder als dicke Person in einem Tantrakurs im Nachhinein ein Lob zu bekommen, dass die Übungen überhaupt durchgezogen wurden, weil es ja so – mit dem dicken Körper – nicht so einfach wäre. Dieses letzte Erlebnis traf mich nicht, weil ich mich durch meine Erfahrung in diesem Bereich nicht so leicht einschüchtern lasse, aber sie machte mich wütend. Warum war ich in der Situation mich beweisen zu müssen: nämlich, dass ich es eh auch kann. Obwohl tantrische Arbeit heilsam sein soll, war diese Seminarleiterin so beschränkt in ihrem Körperbild, dass sie für die Vielfalt von Körpern gar keine richtige Werschätzung aufbringen konnte. Ich bin wütend auf Menschen, die vermeintlich heilsame Arbeit machen und mit ihrer Ignoranz, in Verletzlichkeiten und offenen Herzen noch mehr Selbstzweifel, Selbsthass und Scham legen. Und dafür sind unsere Leben wirklich zu kurz und zu wertvoll.

Jeder Körper kann wunderbar sinnlich und sexuell sein, wenn sich die Person zur eigenen Sinnlichkeit, zum eigenen Begehren stehen und begehrt zu werden zulassen kann.
Ich lebe Poly und habe derzeit drei sexuelle Liebesbeziehung – jede_r meiner Partner_innen hat einen anderen Körper: einer davon dick und sehr stark, einer etwas schlanker und als behindert gelabelt, einer schlank und der Norm entsprechend. Nichts davon sagt aus wie es der jeweiligen Person im eigenen Körper geht, geschweige denn wie der Sex aussieht.

Für mich ist es relativ neu mit einer so schlanken Person Sex zu haben und es ist durchaus eine Herausforderung – aber auf einer emotionalen Ebene. Ich erlebe Wellen von normativen Bildern und dem Gefühl von Ungenügen, Momente von Zurückhaltung, weil ich mich viel weniger fähig fühle mit meinem Körper. So war es ganz am Anfang für mich. Und dann hörte ich wie schön es sei auf welche Art ich umarme – aus einer Tiefe und ganz voll. Und ich merkte wie sehr ich mich in meinem eigenen Begehren und begehrt Werden eingeschränkt hatte durch meine Filme. Gleichzeitig ist es wichtig, dass den Partner_innen klar ist woher wir als dicke Personen kommen. Was es bedeutet für das Gefühl im Körper was wir erlebt haben, welchen Platz wir in der Gesellschaft bekommen und wie uns begegnet wird. Dickenaktivistin Virgie Tovar[3] hat das beim Curvienna Talk[4] ganz wunderbar ausgeführt, dass das Begehren des dicken Körpers allein nicht reicht, wenn dem Gegenüber nicht klar ist welche langfristigen Konsequenzen Dickendiskriminierung auf die dicke Person hat.

Als Dickenaktvistin, aber auch als Tantrika ist eins meiner obersten Ziele mehr Selbstliebe in mir und mit anderen zu erschaffen. Das heißt, aus der Komfortzone zu treten, mich in meiner Sinnlichkeit wahrzunehmen und sein zu lassen, mir allen Raum zu nehmen, den ich dafür möchte, mich auszutauschen und alles zu genießen was mir gut tut. Es gibt auch gute Bücher wie Big Big Love[5], Fat Sex[6] oder Virgie Tovars Hot & Heavy[7], die ich sehr stärkend fand. In diesen Büchern gibt´s auch praktische Tipps welche Positionen oder Betätigungen mit welchen Tricks leichter von der Hüfte gehen.

Lasst uns gemeinsam über den Sex, den wir haben oder gern hätten, reden! Lasst uns jeden sinnlich-erotischen Raum einnehmen, den wir einnehmen wollen.

Wir sind alle mehr als ne Hand voll und das ist wunderbar!

Sara Ablinger aka queerfatfeminist http://www.lebensspiralen.com

[1]http://www.people.com/article/gabourey-sidibe-owns-empire-sex-scene

[2]Spitz – Queer in Wien http://spitz.portfoliobox.io/

[3]http://www.virgietovar.com/

[4]https://curvienna.wordpress.com/

[5]http://www.amazon.com/Big-Love-Revised-Relationships-People/dp/158761085X

[6]http://www.amazon.com/Fat-Sex-Naked-Truth-Books/dp/0825307759/ref=pd_sim_14_2/182-1592160-9162859?ie=UTF8&dpID=51pxsKKP%2BjL&dpSrc=sims&preST=_AC_UL320_SR214%2C320_&refRID=198SZ8G26BPY2YFB6DQA

[7]http://www.amazon.com/Hot-Heavy-Fierce-Girls-Fashion/dp/1580054382/ref=pd_bxgy_14_3/182-1592160-9162859?ie=UTF8&refRID=198SZ8G26BPY2YFB6DQA

 

Impressionen von der diesjährigen (ersten!) CurVienna

Mit der „CurVienna“ startete vergangenen Sonntag nun endlich Wiens, wenn nicht gar Österreichs, einzige größere Veranstaltung zu den  Themen Dickenaktivismus und „Body Positivity“.
Organisiert vom Team rund um die Performancekünstlerin und Dickenaktivistin Veronika Merklein , die sich nicht nur künstlerisch mit dem Thema auseindersetzt, sondern auch den öffentlichen Diskurs zum Thema zu fördern sucht.


Eröffnet wurde das Event mit einem Modemarkt, in dem über zwanzig Aussteller_innen – privat sowie Händler_innen ihr Angebot präsentieren konnten.
Natürlich waren auch wir von der ARGE Dicke Weiber mit einem eigenen Stand dabei!


Im kleinen aber feinen Rahmenprogramm standen eine Lesung von Rhea Krcmárová aus ihrem sehr gelungenen Buch „Venus in echt“, sowie eine hochinterssante Gesprächsrunde zwischen Veronika Merklein und dem amerikanischen Stargast Virgie Tovar zu Schlagwörtern und Themen wie  „FAT FEMALE ARTISTS“ „FATPHOBIA“ oder „ROMANCE“ im Mittelpunkt.

 

Uns hat es gefallen – wir freuen uns auf mehr!

 

Dicke Kleidung: Zu Besuch im Stocksale Pop-up-Store

geschrieben von Anita Drexler

 

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Pop-up-Stores boomen ja zur Zeit, Lagerabverkäufe sind generell eine gute Sache und nachhaltig produzierte Mode, so wichtig sie ist, immer noch viel zu selten – und in Plusgrößen leider sowieso kaum vorhanden.

Stocksale kombiniert seit 2013 diese drei magischen Ingredienzien, abwechselnd bei Verkaufsevents für Kinder- und für Erwachsenenmode.

Nach dem Lesen der Anzeige auf der Webpräsenz der Zeitschrift „Woman“, war ich aber erst einmal frustriert.  „ Für Frauen in den Größen 34-44 und Männer in den Größen 48-54“ schmetterte mir der Artikel entgegen. Das machte mich ein bisschen traurig, denn ich mag Lagerabverkäufe sehr und nachhaltige Mode würde ich auch gerne viel mehr kaufen.

Da ich im Händler_innenverzeichis aber auch auf Labels gestoßen bin, deren Mode ich selbst regelmäßig kaufe, habe ich, obwohl ich längst keine 44 mehr trage, den Versuch gewagt, hinzugehen und die Veranstaltung gleich auf ihre Dickenfreundlichkeit zu prüfen.

Der Pop-up-Store findet in wechselnden Locations statt, diesmal in der Schloßgasse im 5.Bezirk. Der Veranstaltungsort, ein an der Baufälligkeit schrammendes Gebäude, liegt etwas versteckt in einer Seitengasse. Auf Grund des regen Besucher_innenandranges  wurde ich gleich vom Strom der Meute ans Ziel gespült, was sehr praktisch war.

Über die Treppe hinauf gelangte man in den zweiten Stock. Dort reihten sich dann, auf zwei mittelgroße Räume verteilt, ganz puristisch Kleidungsstücke auf etwas abgenutzten Stangen aneinander. Die Ware wurde sowohl nach Größen, als nach Kategorien und nach Geschlecht unterteilt, nicht jedoch nach Herstellerfirmen. Dabei war das Publikum bürgerlich-alternativ, darunter viele junge Leute. Trotz des Andranges war die Stimmung sehr freundlich, Gepöbel habe ich während meiner Zeit dort nicht erlebt.

Größenmäßig fand ich im Wesentlichen das Erwartete vor – vornehmlich kleine Größen. Allerdings wurde ich dann, unter Berücksichtigung der folgenden beiden Punkte, auch mit meiner größeren Kleidergröße fündig:

  1. Es gab eine gute Auswahl an „One Size“-Stücken – die Schnitte und Passform unterscheiden sich von Marke zu Marke, aber bis etwa Größe 52 wird frau ( die Männergrößen habe ich mir nicht im Detail angeschaut) dort sehr wahrscheinlich etwas finden können.
  1. „Kenne dein Label“ – einige der angebotenen Herstellerfirmen produzieren auch in Größen jenseits der Kleidergröße 44- meinen Recherchen nach bis zur Größe 52. Genau so war das Kleidungsangebot auch im Stocksale vertreten. Allerdings leider oft versteckt in der One-Size-Sektion oder hinter nichtnumerischen Größenangaben, daher musste man einiges an Zeit zum Suchen aufwenden. Dazu sollte man auch wissen, dass eine Größe XL bei einem Label eher einer 44 enstsprechen kann, während es beim anderen einer Konfektionsgröße 52 gleichkommt.Vorabrecherche ist der Schlüssel – das klingt mühsam und ist es auch – aber es lohnt sich.

Generell sollte man für einen Besuch beim Stocksale  Zeit und Muße mitbringen. Wo der Andrang groß ist, können Gänge eng werden und um Kleidung probieren zu können steht man gut und gerne 30 Minuten an. Dafür steht man dann in einer großen, mit Tüchern abgetrennten Massenkabine, was bedeutet: keine Privatsphäre, aber dafür viel Platz.

Am Ende habe ich für mich,  einer gewissen Frustration zum Trotz, 11 Teile gefunden und bin bei der Gelegenheit auch gleich auf ein, zwei Labels gestoßen, die ich im Auge behalten werde. Es hat sich also ausgezahlt.Unterm Strich war mein Eindruck der, dass es sich beim Stocksale um eine gelungene Veranstaltung handelt.

Aus Sicht einer dicken Frau wäre es jedoch wünschenswert, in Zukunft verstärkt auch Mode in Größen jenseits der 50 kaufen zu können.  Natürlich kann es gut sein, dass diese Lücke einfach einem Mangel an geeigneten Herstellern geschuldet ist. Meiner Erfahrung nach versteifen sich gerade junge, kleine Labels oft ausschließlich auf die Größen 36-44; vermutlich, weil die das als die wirtschaftlichste Lösung ansehen. Dass der Markt in diesem Segment ziemlich gut gesättigt ist und es durchaus geschickt sein könnte, auf  individualisierbare Konzepte oder gleich auf große Größen zu setzen, weil der Mangel an Angebot auf diesem Sektor eklatant ist , wird oft übersehen. So betrachtet ist der Stocksale einfach Spiegel einer nicht sehr dickenfreundlichen Branche. Allerdings gibt es vereinzelt Hersteller, die mit inklusiveren Größenmodellen aufwarten. In diesem Sinne die Anregung an die Veranstalter_innen, bewusst Kontakte zu Herstellern zu suchen, die auch große Größen anbieten. So könnte diese, ohnehin schon sehr gute, Veranstaltung noch mehr an Reiz gewinnen.

Zusammengefasst gesagt:

Pro: nachhaltig produzierte, hochwertige Mode zum leistbaren Preis

Contra: ziemliches Gedränge, definitiv nur für kleine Übergrößen bis max. Größe 52

Kaufempfehlung für: Büro- und Freizeitmode, nachhaltig und fair produzierte Stücke – preislich im unteren bis oberen Mittelmaß angesiedelt

Die Seite von Stocksale findet ihr hier.

Der derzeitige Verkauf geht noch bis 23. April.

self care ?

„The truth is: you can’t „love“ your body into thinness. But then it really hit me. Thinness is not only seen as a guarantee of access to romance, success, and happiness. It is also culturally seen as the ultimate way to show that you CARE about and LOVE your body. Maybe I was being naive or had my head under a rock. Maybe this has been going on for a long ass time and I just totally missed the way that body love/body acceptance language was being used to promote what I am against. (…)But let me be clear: trying to force your body to be a certain size isn’t self love.“

Virgie Tovar