Warum Dicke auch dickenfeindlich sein können!

Indirekte, implizierte oder mitgedachte Dickenfeindlichkeit

Zuerst möchte ich gerne auf unseren Artikel Dickenfeindlichkeit ist… verweisen – es mag darin aber nicht genug herauskommen, dass auch dicke Frauen dickenfeindlich sein können und zwar dadurch, dass sie den Dickenhass schon so automatisiert haben, dass er ihnen nicht einmal mehr auffällt. Indirekter Dickenhass wird nicht als Dickenhass erkannt, sondern wird oft als positive Selbstliebe getarnt – indem frau schließlich ja nur etwas für sich tue und sich »gesund« halte durch das »Abnehmen« (in welcher Form nun auch immer abgenommen wird). Persönliche Übergriffe und Angriffe sind dann nicht selten die Reaktion auf die Feststellung der impliziten und indirekten Dickenfeindlichkeit.

Implizite und indirekte Dickenfeindlichkeit ist im Sprachgebrauch sowie in unhinterfragten und unreflektierten Vorstellungen erkennbar, die Vorurteile gegenüber dem Dicksein und Dickerwerden bedienen. Als diskriminierenden Sprachgebrauch verstehen wir alle Verlächerlichungen des dicken Körpers sowie alle verallgemeinernde Aussagen, die dem dicken Körper an sich seine Schönheit, seine Gesundheit und seine Beweglichkeit absprechen. Ebenso zählt dazu jede Bemerkung, die Ekel gegenüber dem dicken Körper (dem Dickerwerden, dem Dicksein) ausdrückt bzw. den dicken Körper an sich als ekelhaft darstellt. (Zum Beispiel: »Mein schwabbeliges Fett muss jetzt endlich weg, es macht schon so komische Beulen und ist überhaupt einfach lasch.«) Jede Herabwürdigung des dicken Körpers sowie jede Herabwürdigung des Dickseins bzw. Dickerwerdens an sich ist eine dickenfeindliche Aussage.

Jede Aussage, die darauf beruht, »dass Dicksein an sich schlecht ist« ist dickenfeindlich. Verallgemeinerungen, die jeder Dicken eine Essstörung andichten sowie jeder Dicken mindestens eine Krankheit unterstellen, allein aufgrund der Tatsache, dass sie dick ist, sind dickenfeindlich.

Vorstellungen, die jedem Menschen, der an sich dünn ist, der abgenommen hat oder gerade abnimmt, eine moralische Überlegenheit unterstellen sind dickenfeindlich. – Warum ist das dickenfeindlich? Hier sind mehrere Annahmen die Ursache: Erstens das Vorurteil alle Dicken wären disziplinlos und daher selbst verschuldet dick und da zweitens Dicksein schlecht ist, ist es – gleichgültig welchen Preis frau dafür zahlt – unbedingt besser dünn zu sein und abzunehmen.

Die Vorstellung, dass jede für den Versuch abzunehmen bzw. für das Abnehmen an sich gelobt werden muss ist dickenfeindlich. – Warum ist das dickenfeindlich? Hinter dem Lob für das Abnehmen steckt die Annahme, »dass Dicksein an sich schlecht ist« – solange der Körper dick ist, ist er schlecht, insofern ist es immer besser, wenn abgenommen wird! Es bedarf weder eines Lobes für das Zunehmen noch das Abnehmen. Wir können jeden Körper an sich loben.

Dickenfeindlich sind auch alle Dicken, die glauben, weil sie abgenommen haben bzw. gerade dabei sind abzunehmen, anderen Dicken nun aufzwingen zu können wie viel besser ein dünner Körper ist und damit das Abnehmen an sich.

Die individuelle Entscheidung weniger zu wiegen obliegt jeder einzelnen selbst. Die ARGE Dicke Weiber bezweifelt nur, dass eine solche individuelle Entscheidung frei entschieden wird – schließlich leben wir in einer Gesellschaft, die öffentlich Krieg gegen Adipositas führt. Mit einem solchen Hintergrund bleibt eine freie Wahl wohl eine Farce. Die ARGE Dicke Weiber steht dafür ein, dass jeder Körper ein guter Körper ist – wir bevorzugen keine Körper. Wir beurteilen das Körpergewicht nicht, noch verurteilen wir den Wunsch abzunehmen. Wir bezweifeln zwar, dass Abnehmen auf Dauer funktioniert und glauben, dass es teilweise sogar gefährlich ist, aber Dickenfeindlichkeit wird nicht wegen dem Abnehmen an sich unterstellt.

Dickenfeindlich sind Dünne sowie Dicke, die sich neben eine noch dickere Person stellen, und mit kritischem Blick ihren Körper nach dem »Zuviel« untersuchen. Dünne wie Dicke, die nun neben dieser noch dickeren Person beginnen das Dicksein an sich als schlecht darzustellen und ihren »dicken« Körper kritisch und verachtend betrachten – weil es anscheinend nichts Ekelhafteres geben kann als dieses Speckröllchen. Hier fällt gar nicht mehr auf, dass damit auch gleichzeitig das Dicksein der anderen implizit angesprochen und für schlecht empfunden wird. Beginnen wir hier doch einander in unserer Einzigartigkeit zu bestärken und uns zu ermutigen alles an uns zu lieben – eben auch dieses wundervolle Speckröllchen.

Es ist soweit gekommen, dass es schon reicht dick zu sein, um jeden Vorwurf des Dickenhasses von sich zu weisen. Es reicht eine einzige dicke Freundin, um nicht dickenfeindlich zu sein. Die Verlächerlichung von Dickenfeindlichkeit und Dickenhass ist gefährlich.

Der Vorwurf der Dickenfeindlichkeit wird oft als persönlicher Angriff und Schimpfwort missverstanden oder als moralische Aufwertung der ARGE Dicke Weiber Aktivistinnen gegenüber anderen Dicken – dabei liegt uns nichts daran andere Dicke anzugreifen, sie noch mehr zu diskriminieren als sie unseres Wissens schon diskriminiert werden. Das Kennzeichen der Dickenfeindlichkeit soll uns allen dienen – uns und unsere impliziten Gedanken selbstkritisch zu hinterfragen, sich gegen Verallgemeinerungen und gesellschaftliche Unterdrückungen, welche wir automatisiert anerzogen und medial aufgezwungen bekamen, zu wehren und uns gemeinsam zusammenzuschließen als eine geschlossene Dickenfront.

Die ARGE Dicke Weiber ist sich dieser impliziten und indirekten Dickenfeindlichkeit bewusst und versucht auch hier aktiv auf den Dickenhass aufmerksam zu machen, um erst wahre bedingungslose Selbstliebe zu ermöglichen. Jede Aktivistin der ARGE Dicke Weiber arbeitet auch an sich selbst um der Gehirnwäsche, der wir alle ausgeliefert sind, Bewusstheit entgegenzustellen. Die ARGE Dicke Weiber ist der Überzeugung, dass wir »Dicke« uns selbst nicht die größten FeindInnen sein sollten. Daher ist jede Aktivistin bemüht auch die unhinterfragten Gedanken und Vorstellungen jedes einzelnen Menschens zu hinterfragen und als das bewusst zu machen was sie sind: erstens unhinterfragt und zweitens dickenfeindlich. Nur wer sich seine Dickenfeindlichkeit bewusst macht kann dagegen etwas unternehmen. Sie blind abzustreiten und wild um sich zu schlagen nur um zu beweisen, dass an dem Vorwurf nichts dran ist, kann nicht dazu beitragen den Dickenhass und die Dickenfeindlichkeit zu stoppen. Das schadet nur jeder einzelnen selbst – im Endeffekt bleibt jede Dicke damit ihre eigene Feindin, sie bleibt das Opfer in einem Krieg gegen sich selbst. Als Dickenaktivistinnen haben wir nicht nur beschlossen Dickenfeindlichkeit bewusst zu machen, sondern auch uns selbst vor der unnötigen Überschwemmung mit dickenfeindlichem Gedankengut und Sprachgebrauch zu schützen.

Was uns auffällt: dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Dicksein und Dickenfeindlichkeit eigentlich unerwünscht ist.

Den Dickenaktivismus darauf zu beschränken, dass es keine Magermodels mehr gibt, ist ein Herabwürdigen der gesellschaftlichen Situation eines jeden dicken Menschens. Die ARGE Dicke Weiber setzt sich vehement dagegen ein, dass das Dicksein der neue Austragungsort des gesellschaftlichen akzeptablen Krieges wird. Wir wehren uns gegen die Vereinnahmung als Kriegsschauplatz der Politik und Wirtschaft missbraucht zu werden genauso wie wir uns wehren gegen die Verlächerlichung aus den eigenen dicken Reihen – die sich blind und verzweifelt ihrem angeblichen »Schicksal« als Sündenbock, Krankheitsträger und Kriegsschauplatz ergeben haben. Dickenaktivismus heißt für Dicke wieder Raum zu schaffen. Dies erreichen wir nur indem uns allen bewusst wird, dass die Vorstellung »Dicksein ist schlecht« willkürlich festgelegt und gesellschaftlich sowie medial generiert ist. Brechen wir diese Vorstellung und ersetzen wir sie durch die Vorstellung »Jeder Körper ist ein guter Körper. Dicksein ist nichts Schlechtes sondern Teil der menschlichen Vielfalt.«

Jede einzelne Aktivistin der ARGE Dicke Weiber setzt sich für positive Selbstbilder und bedingungslose Selbstliebe ein. Wir setzen uns ein für ein Umdenken und Hinterfragen der eigenen Gehirnwäsche und ein Umdenken und Hinterfragen des Dickenhasses. Jeder Aufruf dient lediglich als Aufruf sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen und die Gehirnwäsche zu brechen. Und wir werden damit erst aufhören, wenn wir es geschafft haben.

Malena Glück, Aktivistin der ARGE Dicke Weiber

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