Dicksein / Fettsein und Unsterblichkeitswahn

„Manchmal macht mir all dieses Gerede von Adipositas Angst. Niemand möchte sterben. Das Gerede tut so als ob es in der eigenen Hand läge unsterblich zu werden. Das stimmt aber nicht. Wir werden alle sterben und niemand von uns hat in der Hand wann das sein wird – außer ein Selbstmörder. Und NEIN Adipositas ist nicht eine langsame Version eines Selbstmordes. Dicksein/Fettsein heißt einfach mit anderen Lebensumständen zu leben als andere, bzw. mit anderen Körpereigenschaften als andere. Es kann sein das man fürs Leben andere Bedürfnisse hat und an das Leben andere Erwartungen stellt bzw. stellen muss. Der Tod und das Sterben machen aber keinen Unterschied – es trifft uns alle mal.“ Mitglied der ARGE Dicke Weiber

Ideale wählen: Das Wahlprogramm der KPÖ PLUS

geschrieben von Anita Drexler

 

Wahlprogramme-KPÖ-COVER

 

 

Gleich eingangs überrascht die KPÖ PLUS mit einem im Vergleich zu anderen Kleinparteien relativ ausführlichen und ausformulierten Parteiprogramm. Auf 17 Seiten ohne Fotos erläutert sie ihre Standpunkte; zu unserer Freude waren sowohl Frauen*- als auch Behinderten-, LGBTIQA- und, wenn auch implizit, Körperpolitik darunter vertreten.

Als Beispiel für Letzteres sei die folgende Passage aus dem Wahlprogramm angeführt:

 

 

 

Viele Menschen finden aufgrund ihres Namens oder ihres Aussehens keine Anstellung. Sie werden im Bus, beim Einkaufen oder beim Ausgehen Opfer von Beschimpfungen und Gewalt. Sie werden in ihrer Freiheit durch zahlreiche Barrieren eingeschränkt. Oft wird in Krisenzeiten die Spaltung unserer Gesellschaft vorangetrieben und werden Menschen gegeneinander ausgespielt.

KPÖ PLUS kämpft für eine Gesellschaft, in der sich alle Menschen in ihrer Vielfalt und Individualität frei entfalten können. Daher treten wir gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung auf.“

Anhand dieses Auszuges erkennt man gut, wie sehr Diskriminierungserfahrungen ineinander verschränkt sein können. Auch wenn dieses Thema selten in den öffentlichen Diskurs gelangt, bleibt es eine Tatsache, dass dicke und fette Menschen aufgrund ihres Äußeren häufig Zielscheibe von Anfeindungen und Benachteiligung werden. Sei es im Berufsleben, im medizinischen Bereich oder im öffentlichen Raum. Damit unterscheiden wir uns nicht von Menschen, die in den Augen der Mehrheitsgesellschaft „die falsche Hautfarbe“, „die falsche sexuelle Identität“ oder „den falschen Namen“ haben. Wir haben eben – und hier gibt es Überschneidungen zur Behindertenpolitik – „den falschen Körper“. Insofern können die von der KPÖ angeführten Argumente durchaus auch auf die Körperpolitik umgelegt werden.

Will man sich ein Bild der Maßnahmen machen, die den Bereich der Körperpolitik berühren, kommt man gleich ganz tief in die Behindertenpolitik hinein. Da möchte man unter anderem:

  • Aktionsprogramme gegen Rassismus, Antisemitismus, Minderheitenfeindlichkeit und andere menschenfeindliche Haltungen in allen gesellschaftlichen Bereichen

 

  • Höheres Tempo bei der Herstellung baulicher Barrierefreiheit

 

  • Ausbau der Freizeitassistenz, Ermöglichung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Menschen mit Beeinträchtigung

 

  • Ein Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, das einklagbare Rechte einschließt

 

  • Senkung der Einstiegshürde für Pflegegeld und jährliche Valorisierung

Es gibt unter diesem Punkt also einige interessante Forderungen, wenngleich man sich konkretere Vorschläge besonders an der Schnittstelle Behinderung/Arbeit wünschen würde.

Bei der LGBTIQA-Politik setzt die KPÖ PLUS auf ein klares Bekenntnis zu Diskriminierungsschutz beispielsweise in den Bereichen Wohnen und Ehe für alle. Zusätzlich fordert man ein Ende der Förderung von Vereinen, die sich nicht von Minderheitenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und antidemokratischen Haltungen distanzieren wollen.

Klang das alles schon ganz gut, freut man sich über die Frauen*politik fast noch mehr. Diese scheint ein Kernanliegen der KPÖ zu sein, was man auch daran bemerkt, dass ihr, neben ihrer Präsenz in anderen Themenbereichen zusätzlich noch ein eigener Unterpunkt gewidmet wurde. Die Einleitung dazu liest sich so gut, dass ich sie ungekürzt hier anführen möchte:

Viele Frauen verdienen in Österreich weniger als ihre männlichen Kollegen, sie haben schlechtere Aufstiegschancen und leisten den überwiegenden Teil der unbezahlten Arbeit. Immer noch müssen Frauen sowohl Arbeit als auch Kindererziehung übernehmen. Teilzeitjobs und unsichere Arbeitsverhältnisse verschlimmern die Altersarmut und machen Frauen von Sozialleistungen sowie vom Partner abhängig. Alle Menschen werden durch veraltete Geschlechterrollen in ihrer Selbstbestimmung und ihrer Sexualität eingeschränkt. KPÖ PLUS engagiert sich für sofortige Gleichberechtigung und die freie Entfaltung aller, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung. Unbezahlte Haushalts- und Erziehungsarbeit muss geschlechtergerecht aufgeteilt werden. Ein eigenständiges Leben muss für Frauen in jedem Alter möglich sein. Frauenförderungs- und Diversitätsprogramme sollen in allen Bereichen der Gesellschaft durchgeführt werden. Menschen müssen sich frei von geschlechtlichen Zuschreibungen und Orientierungen gleichberechtigt und selbstbestimmt begegnen können. Gleichberechtigung darf kein Lippenbekenntnis sein!“

Wer weiterliest, stößt auf eine wahre Wunschliste an progressiven Forderungen, die das Potenzial hätten, das Leben von Frauen* zu verbessern. Darunter etwa:

  • Sicherung des eigenständigen Lebens für Frauen in jedem Alter

 

  • Ausbau und finanzielle Absicherung von Frauen- und Mädcheneinrichtungen – Frauenhäuser stärken, nicht schwächen

 

  • Verbesserung und Ausbau des Aufklärungsunterrichts in den Schulen

 

  • Frauenförderungs- und Diversitätsprogramme auf allen Ebenen der Gesellschaft

 

  • 50-prozentige Frauenquote in Vorständen, Aufsichtsräten und im öffentlichen Dienst

 

  • Einführung von geschlechtergerechter Budgetgestaltung (Gender Budgeting) im öffentlichen Bereich

 

  • Recht auf Selbstbestimmung, Abtreibung raus aus dem Strafrecht

 

  • Gratis-Verhütungsmittel für alle

Nicht in der Liste enthalten, aber an anderer Stelle in diesem Wahlprogramm Erwähnung finden etwa die intendierte Förderung der Gendermedizin, die Reduzierung von Teilzeitarbeit und Implementierung eines gesetzlichen Anspruches auf Vollzeitstellen bei gleichzeitiger Forderung einer 30-Stunden-Woche, Maßnahmen zur verstärkten Unterstützung von EPUs sowie die Eindämmung der Leiharbeit und ein Recht auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem sechsten Monat.

Beim Lesen des Programmes wird klar: Ob einem die Idee gefällt oder nicht – die KPÖ bietet derzeit, gemeinsam mit den Grünen, die besten Angebote für Wähler_innen im linken Spektrum sowie für Frauen* ganz allgemein.

Wahlprogramme-KPÖ-Gleichstellung

Dabei findet sich nur ein Nachteil: Das Programm der KPÖ liest sich ein bisschen wie ein Wunschzettel ans Christkind. Man will alles, was gut ist, ohne konkrete Vorschläge zu liefern, wie die entsprechende Maßnahme finanzierbar wäre oder welche Negativkonsequenzen der jeweilige Schritt nach sich ziehen würde. Fordert man z.B. den „Gender-Pay-Gap-Day als arbeitsfreien Tag für Frauen, bis gleicher Lohn für gleiche Arbeit durchgesetzt ist“, so ist das eine sehr schöne und in der Theorie auch begrüßenswerte Idee. Bei Umsetzung würde sie allerdings das Leben von Frauen* im Arbeitsmarkt weiter erschweren, da ein zusätzlicher Urlaubstag natürlich eine größere Hürde bei Einstellungen bedeuten würde.

Auch der Vorschlag „über den Kapitalismus reden“ zu müssen wird bei dem_der einen oder anderen vielleicht sogar Anklang finden – umsetzbar ist er aber nicht. Man wird den Eindruck nicht los, dass die KPÖ PLUS es sich zu Strategie gemacht hat, alle Problembereiche dieser Gesellschaft in ihrem Programm abzudecken, um so vielleicht doch die nötigen Stimmen für den Einzug ins Parlament zu erreichen. Ein wirklich stimmiges System, die Vorschläge umzusetzen, bleibt sie dabei schuldig, wobei man hier fairerweise einwenden sollte, dass eine Kleinpartei, die es zum jetzigen Zeitpunkt maximal gerade so ins Parlament schaffen kann, das auch nicht leisten muss. Rein inhaltlich bietet dieses Wahlprogramm auch so mehr, als die Programme der sonstigen kleinen und manch einer großen Partei.

Bleibt als Fazit: Die KPÖ PLUS präsentiert sich als Alternative für all jene, denen die Grünen zu bürgerlich, die Liste Pilz zu unberechenbar (bzw. zu dickenfeindlich) und die SPÖ zu unehrlich ist. Unterm Strich bleibt ein bisschen das Gefühl von „Leider geil“. Klar sind einige der vorgestellten Maßnahmen in der Praxis schwer umsetzbar, aber andererseits deckt die KPÖ, nüchtern betrachtet, in höchstem Ausmaß jene Aspekte ab, die auch uns ein Anliegen sind. Vielleicht würde ja ein bisschen mehr Idealismus auch unserem Nationalrat gut tun.

Das komplette Wahlprogramm der KPÖ PLUS kann man hier nachlesen.

 

Keep it to yourself

„It’s simply not your place to tell people what they are allowed to look like. Fat people have the right to exist, in fat bodies, without shame stigma, bullying, or oppression and it doesn’t matter why we’re fat, what the “consequences” of being fat might be, or if we could (or even want to) become less fat/not fat. The rights to life, liberty and the pursuit of happiness (including not being concern trolled by sizeist strangers) are not size, or health, dependent.

So if you have an opinion on fat people’s health then congratulations, and keep it to yourself.“

Ragen Chastain

„Eine Grundannahme im Anschluss an Foucault ist, das Körper nicht a priori, als eine Naturtatsachen vorhanden sind, sondern durhc Diskurse und in Diskursen konstruiert werden. Vor allem die Humanwissenschaften wie Medizin, Psychologie und Pädagogik produzieren Wissensordnungen die entscheidend mitbestimmen, wie Körper wahrgenommen werden. (….) Diskurse regulieren und beschränken das Wissen vom Körper, sie konstruieren Körperbilder und beeinflussen Körpererfahrung, gleichzeitig generieren sie – im Sinne einer Produktivität und Positivität von Macht – immer auch Neues, beispielsweise neuartige Grenzziehungen zwischem dem, was als ›ganz normal‹, als ›noch normal‹ oder als ›anormal‹ zu gelten hat.“

Anne Waldschmidt

(‘Behinderte Körper:Stigmatheorie, Diskurstheorie und Disability Stduies im Vergleich’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, Torsten Junge/ Imke Schminke Hg., UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.34f)

Medialer Raum

Wo ist wilde dicke Rotzgöre in den Filmen,
die auf all die Klischees scheißt,
wo ist das dicke, fette Vorbild für einen Körper,
wie den meinen,
wo sind die reichen, starken und unabhängigen Filmfiguren,
die dick ihr Leben meistern,
wo sind die dicken, fetten Menschen in Serien,
die ein positives Körperbild und Körpergefühl vermitteln,
keine selbstzerfleischenden und selbstverzweifelnden
unglücklichen Trauergestalten, keine selbstmitleidigen Witzfiguren,
keine selbsthassenden Persönlichkeiten und Nebensächlichkeiten,
sondern selbstbewusste, lebendige Rollen für dicke, fette Menschen,
die uns auch gerecht werden?

Wir sind keine weinerlichen Jammerer, wir sind keine vorurteilbeladene Klischees,
wir haben Partner, wir haben Kinder, wir haben Berufe, wir sind Menschen,
keine Nebenrollen sondern auch Hauptfiguren,
keine der Diätkeule ausgelieferten Selbstzweifler sondern starke Persönlichkeiten,
wir sind mehr als eure Vorurteile,
wir verdienen mehr als verächtliche Gesten,
dummes Gerede und die bildliche Manifestation des Dickenhasses,
wir haben auch Liebesbeziehungen, wie haben auch Sex,
wir haben auch Erfolg, wir haben auch ein Leben,
wir sind nicht nur lieb oder freundlich oder traurig oder witzig,
wir sind nicht nur die böse, hässliche oder skurrile Gestalt,
wir können alle Rollen spielen und wir können alle Rollen verkörpern,
und das wollen wir auch sehen,
– wir wollen mehr Dicke, Fette mit positiven Körperbezug in Medien sehen.

Dicke/Fette, die sich eben nicht ihres Körpers schämen,
sondern die zu sich stehen,
Dicke/Fette, denen ihr Gewicht egal ist,
denen egal ist ob sie ab oder zunehmen,
die sich so annehmen wie sie sind,
Dicke/Fette, die sich verlieben, die Beziehungen haben,
die geliebt werden, die stark sind, erfolgreich sind,
die frech sind und alle möglichen Rollen spielen,
nicht nur eine beschränkte, sehr diskriminierende Darstellung ständig wiederholen.

Und wir wollen eine Berichterstattung, die sich nicht den Klischees bedient,
die keine Panikmache oder Dickenhetze darstellt,
wir wollen keine manipulierenden und populistischen Artikel über angebliche „Epidemien“,
die das Feindbild des Dicken/Fetten schaffen,
der kein Mensch mehr ist
sondern je nach Belieben der Nachrichten
nur mehr eine Krankheit, Dummheit oder Disziplinlosigkeit,
wir wollen Medien, die unsere Menschenwürde achten und vertreten,
die uns nicht aus der Gesellschaft ausschließen sondern Dicke/Fette inkludieren,
die Raum geben: jedem Körper, jedem Menschen.
Wir wollen eine Gemeinschaft, ein raumgebendes Miteinander.
Und Medien können viel dazu beitragen ein solches zu erschaffen.
Also wo ist die wilde dicke Rotzgöre?

verfasst von Malena Glück

Schön, gesund, erfolgreich: Das Hochglanz-Wahlprogramm der ÖVP

geschrieben von Anita Drexler

 

 

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„Leistung muss sich wieder auszahlen“ und „Kampf der Zuwanderung“ – diese beiden Botschaften sind es, mit denen die ÖVP, neuerdings operierend unter der Selbstbezeichnung „Liste Sebastian Kurz“, schon seit Monaten versucht, sich in den Medien zu profilieren.

Wie auch schon beim Programm der SPÖ mussten wir feststellen, dass im Wahlprogramm der ÖVP, seines beachtlichen Umfangs zum Trotz, Körperpolitik keinen Platz gefunden hat.

Sogenannte „Frauen*themen“ werden von der ÖVP zwar häufig angeschnitten, sei es im Kontext der Familienpolitik, des Gewaltschutzes oder von Gesundheitsfragen, schade ist aber, dass der „Frauen*politik“ kein eigenständiges Kapitel gewidmet wurde.

Dafür widmet sich ein  nicht unbeträchtlicher Teil des diesjährigen ÖVP-Wahlprogrammes Steuer- und Arbeitsmarktreformen. In diesem Zusammenhang stößt man auf vielversprechende Teststellen wie diese:

„Schlimm genug, dass man darüber noch diskutieren muss – aber leider ist es so: Frauen verdienen im Durchschnitt immer noch weniger als Männer und Frauen in Top-Führungspositionen sind noch immer eine Seltenheit.

Auch außerhalb der Arbeitswelt ist der Status der Frau in der Gesellschaft noch immer unterschiedlichen ideologischen und religiösen Standpunkten unterworfen.Für uns ist Frauenpolitik nicht nur ein weiteres Thema von vielen, sondern integraler Bestandteil in allen Bereichen des Lebens – das geht von Gesundheit über Bildung bis hin zum besonderen Schutz von Frauen, die Gewaltsituationen ausgesetzt sind. Frauen müssen die gleichen Chancen am Arbeitsmarkt haben wie Männer – und ihr Beitrag zur Gesellschaft muss besonders geschätzt werden.“

Das Bedauern stellt sich ein, wenn man beim Weiterlesen feststellen muss, dass Probleme zwar erkannt werden, es den präsentierten Lösungsansätzen aber häufig an Durchschlagskraft und Randschärfe fehlt. So wird beispielsweise als Mittel zur Gewaltprävention in erster Linie „Strafmaßerhöhung“ gefordert, was sicher Gewaltopfern mehr Genugtuung und in manchen Fällen längeren Schutz bietet, aber auch den Resozialisierungsgedanken, der unser Justizsystem seit den 1970er-Jahren trägt, untergräbt.Das Problem der Gehaltsschere will man hauptsächlich durch den Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen verringern. Dazu heißt es im Wahlprogramm:

„Es braucht daher einen verstärkten Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen, auch schon für unter Dreijährige, und eine bessere Orientierung an den Bedürfnissen der Eltern – vor allem, was die Öffnungszeiten und die Qualität der Kinderbetreuung betrifft.

Auch hier aber wieder das Problem, dass viele Details ungeklärt bleiben. So wird beispielsweise nicht hinreichend erläutert, ob ein Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz geplant ist, wie leistbar die Plätze sein sollen oder ob eine soziale Staffelung der Tarife vorgesehen ist. Gerade bei einem so zukunftsentscheidenden Thema möchte man sich aber eine genauere Ausformulierung und Konkretisierung der vorgestellten Lösungsansätze erwarten können.

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Generell fällt auf, dass das Spannungsfeld zwischen Arbeitsmarkt-, Familien- und Steuerpolitik ein Bereich ist, in dem sich die ÖVP besonders emsig um Veränderungen bemüht. Darunter gab es zwei Ideen, die mir als vom frauen*politischen Standpunkt aus als besonders nachteilig aufgefallen sind.

Zum Einen geht es um die Idee, den Dienstgeberbeitrag zum Familienlastenausgleichsfonds halbieren zu wollen. Nun dient der Familienlastenausgleichsfonds aber dem Zweck, die Kinder- bzw. Familienbeihilfe zu finanzieren. Es stellt sich die Frage, wie man diese Posten dann künftig bedienen möchte. Die Antwort ist: gar nicht.

Alternativ dazu schlägt die ÖVP vor, besonders Mütter stärker in den Arbeitsmarkt zu involvieren, was durch den Transfer von direkten Geldleistungen hin zu zusätzlichen Steuerboni für Familien geschehen soll. Folgerichtig würde es so zu einer Umverteilung der Kinderzuschüsse von allen Familien hin zu Familien mit idealerweise zwei arbeitenden Elternteilen kommen. Das unterstützt jene, die fit und erfolgreich im System navigieren können. Doppelverdiener und „Leistungsträger“ eben.

Wie mit alleinerziehenden Elternteilen umgegangen werden soll, wird nicht erwähnt. Fielen diese dann um einen Teil der Steuerboni um, weil sie alleine den Haushalt führen, oder würde das durch Sonderregelungen entschärft?

Auch, was mit jenen gering qualifizierten Alleinerziehenden passieren soll, die in schlecht bezahlten Jobs, vielleicht sogar nur Teilzeit, arbeiten können, bleibt im Dunkeln. Wird die ausgeweitete Kinderbetreuung für diese Familien überhaupt leistbar sein?

Wer nun agumentieren möchte, dass „jede_r seines_ihres eigenen Glückes Schmied“ ist und der Staat die Kosten für solche Härtefälle nicht tragen kann, dem sei die Frage gestellt, was ein Kind dafür kann, dass im Leben seiner Eltern etwas nicht rund gelaufen ist und ob man es unterstützenswert findet, dass Kindern weniger leistungsbereiter Eltern noch weniger Förderung zuteil werden soll, als das auch jetzt ohnehin schon der Fall ist.

ProgrammOVPFamilie

Der zweite frauen*politisch bedenkliche Vorschlag ist der, dass man Unternehmen ermöglichen will die Vollkosten für ihre Mitarbeiter_innen auf dem Lohnzettel abzubilden. Eine solche Maßnahme dient natürlich nicht primär dazu „mehr Bewusstsein für die hohen staatlichen Kosten zu schaffen, die Unternehmen für Arbeitskräfte entstehen“, sondern eher dem Zweck, bei Lohnverhandlungen psychologisch Druck durch einen poteziellen Arbeitgeber aufbauen zu können. Ein Vorgehen, das verstärkt Frauen* benachteiligen würde, die, wahrscheinlich sozialisierungsbedingt, schon jetzt häufiger als Männer* Schwierigkeiten damit haben, hart in Sachen Lohn zu verhandeln.

Lenken wir den Blick weg vom Themenbereich „Frauen*“, hin zur Vielfältigkeit, insbesondere dem Angebot für die LGBTIQA-Wähler_innen, sticht der folgende Passus aus dem Wahlprogramm ins Auge:

„Unser Weg ist klar: Wir wollen jedem von uns – unabhängig von Alter, gesellschaftlichem Status, Geschlecht und sozialer Herkunft – ein zufriedenes und selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Für eine starke Gesellschaft – und ein starkes Österreich.“

Manchmal sind die Leerstellen das wahrhaft Bezeichnende an einer Äußerung. Wenn Begriffe wie „Religionszugehörigkeit“, „Ethnie“ und „Sexuelle Orientierung“ in einer solchen Grundsatzaussage nicht inkludiert sind, wird dadurch klar ersichtlich, wie rückwärtsgewandt sich das Weltbild der „neuen“ ÖVP aller Umfärberei zum Trotz gestaltet. Es entsteht zudem der Eindruck, dass es den Verfasser_innen des Programmes um einen strategisch motivierten Balanceakt geht. Einerseits will man die religiös-konservative Stammwählerschaft nicht vergraulen, andererseits die jungen, teils urbanen Wähler_innen, die Sebastian Kurz verstärkt anzusprechen versucht und die diesem Themenbereich aufgeschlossener gegenüberstehen, nicht verärgern.

Unterm Stich bleibt das schale Gefühl, zurück, dass sich die ÖVP für jene Bürger_innen, die einer sexuellen Minderheit angehören, nicht interessiert. Was man von der Tagespolitik her bereits kennt, bestätigt sich auch auf dem Papier.

Deutlich ansprechender lesen sich glücklicherweise die ÖVP-Vorschläge im Bereich der Gesundheitspolitik. Hier plädiert man beispielsweise für den verstärkten Einsatz der Gendermedizin, eine Überlegung, die vernünftig und begrüßenswert ist.

Auch in Sachen Behindertenpolitik wirkt manches Angebot ansprechend, wenn man auch konkrete Vorschläge für eine Verbesserung der Ist-Situation abseits von Wohnen und Spitzensport, besonders in Bereichen „Bildung“ und „Arbeitsmarkt“, vergeblich sucht.

 Kommen wir zum Abschluss dieser langen Analyse eines sehr langen Wahlprogrammes zu einigen Anmerkung bezüglich dessen optischer Gestaltung und Lesbarkeit.

Was die grafische Gestaltung anbelangt, so hat sich die von der ÖVP beauftragte Werbeagentur selbst übertroffen. Ich denke nicht, dass Österreich je ein gestalterisch schöneres, stringenter designtes Wahlprogramm gesehen hat. Dass es bisweilen zu pompös ist und schon mehr an einen Museumskatalog oder an die jeweils neueste Ausgabe der „Lettre International“ erinnert, darüber mag man hinwegsehen. Auch dass man, wenn auch nicht ganz durchgehend, gendergerechte Sprache versucht zu verwenden, freut uns.

ProgrammOVPBehinderung

Kritik zu äußern gibt es an der Wahl der Foto- und Bildmotive. Geht es nach diesem  Programm der ÖVP sind alle Österreicher_innen weiß; sieht man von genau einer Person mit dunkler Haut im ersten Teil ab, die sich beim Erlernen einer „Blue Collar“-Tätigkeit helfen lässt. Auch verschiedene Körpertypen sucht man vergebens und als Testimonial für Behindertenpolitik dient einzig Kira Grünberg, die sich als junge, erfolgreiche Frau nahtlos in den Wertekanon der jungen ÖVP einfügt.

Als Fazit bleibt aus unserer Sicht:

Das ÖVP-Wahlprogramm versteht sich als Angebot an jene gesunden und erfolgreichen Österreicher_innen, die ihr Hauptaugenmerk darauf richten, den eigenen Wohlstand zu halten und idealerweise zu vergrößern – wenn es sein muss, auch auf Kosten jener, die halt weniger Kraft oder Glück hatten.

Abgesehen von vielversprechenden Punkten in der Gesundheits- und eventuell in der Behindertenpolitik, liegt hier ein Programm vor, dass sich nach außen formschön und glatt präsentiert, inhaltlich aber doch einige Lücken aufweist und dem es an mehreren Punkten, zumindest unter den hier betrachteten Aspekten, an sozialer Wärme mangelt.

Wer sich selbst ein Bild vom Wahlprogramm der ÖVP machen möchte, der kann das hier tun:

Wahlprogramm 1.Teil

Wahlprogramm 2.Teil

Wahlprogramm 3. Teil