Schlagwort: Gesundheit

geschrieben von Malena Glück

Gesundheit ist ein großes Schlagwort. Im wahrsten Sinne des Wortes wird jeder damit erschlagen der sich nicht diktieren lassen will wie er/sie lebt und aussieht. Gesundheit wird hier getarnt als persönlicher Wunsch, den doch jeder zu haben hat, ist aber in Wahrheit ein Zwang sich „nützlich“ zu machen für die Gesellschaft in die man geboren wird bzw. in der man lebt. Gesundheit wird zum Wert, den wir einbringen um unserer Gemeinschaft zu dienen, mitunter als wertvolle Arbeitskraft oder Ressource. Wenn in den Medien,  in der Politik, ja selbst in kleinen Internetblogs von Gesundheit und über Gesundheit geschrieben wird – dann immer nur getarnt als ganz persönlicher Anreiz und Ziel (denn wer ist nicht gerne gesund?) aber in Wirklichkeit geht es um den Wert des Lebens – das was uns (also der Gemeinschaft) dieses Leben einbringt. Deswegen war auch und ist auch immer wieder von den Kosten des Gesundheitssystems die Rede und es werden Menschen hinterfragt, die mehr nehmen als geben – in jeglicher Hinsicht – so werden Sozialhilfebezieher, Arbeitslose, Kranke, Behinderte, Migranten, Dicke/Fette gerne als Schmarotzer dargestellt. Der Wert des einzelnen Lebens beschränkt sich dann auf seinen Wert für die Gesellschaft und von Menschenwürde ist dann keine Rede mehr. Gesundheit wird zum Machtwort über Menschen. Damit werden sie kontrolliert und kontrollieren sich gegenseitig selbst. Wer gesund ist trägt noch etwas bei, zumindest schwächt er die Gesellschaft nicht durch „Krankheit“ und im weiteren Sinne durch anfällige Kosten, die diese „Krankheit“ nach sich zieht.

 

Die Debatte um die Gesundheit insbesondere dicker/fetter Menschen

Die Debatte suggeriert, dass jeder immer und zu jeder Zeit die volle Kontrolle und Selbstbestimmung über die eigene Gesundheit hat. Sie unterstellt, dass der Mensch gesund zu sein hat und Dicke nicht gesund sein wollen. Sie wollen so die Annahme der Gesundheitsfanatiker gar nicht gesund sein, sie wollen nicht an der Gesellschaft teilhaben, sie wollen gar nicht Leben – sie sind ja morbid adipös – also auf lange Sicht Selbstmörder, die alle samt ihre Leben hassen und lieber tot wären. So erklären sich ja dann auch Kommentare von dünnen Menschen wie „also wenn ich so aussehen würde wäre ich lieber tot!“ Würden sie gesund sein wollen, so die weitere Annahme, dann würden sie ja etwas ändern und nicht mehr dick/fett sein. Sie verfestigt das Vorurteil dicke Menschen seien selbst schuld, unaufgeklärt, depressiv, faul und am Leben nicht mehr interessiert. Sie wären traurige Jammergestalten sonst wären sie ja nicht dick. Sie haben sich ja alle schon aufgegeben.

 

Gehirnwäsche?

Natürlich kann unsere Sicht auf Gesundheit in einer kapitalistischen auf materiellen Werten beruhenden Gesellschaft nur wirtschaftlich, statistisch und unterdrückend seien. Wir befinden uns im Zeitalter wo durch unhinterfragtes Konsumieren von Inhalten jeglicher Art via Internet, Smartphone, Fernsehen, Tablet, sogenannten „Infoscreens“ (in den öffentlichen Verkehrsmitteln), etc., die Beeinflussung menschlicher Gedanken und Meinungen immer einfacher geworden ist. Man kann sich nun fragen ob den Menschen, die etwas berichten, schreiben, veröffentlichen und screenen eigentlich klar ist wieviel Macht sie haben? Ob sie sich ihrer eigenen Vorurteile bewusst sind? Jene Vorurteile, die sich vervielfältigen, durch die Vielzahl an Menschen, die sie unhinterfragt einfach irgendwo in ihrem Unterbewusstsein abspeichern?

Facebook und Konsorten werden heutzutage von Journalisten angeprangert unsere politische Meinung und unser Wählerverhalten zu beeinflussen, dabei machen die Journalisten und Nachrichten etc. es ja gar nicht anders. Medien und ihre Vertreter sind sich anscheinend ihrer Beeinflussung gar nicht bewusst. Jede Nachricht und jede Schlagzeile beeinflusst. Themen werden so aufgearbeitet, dass sie reißerisch sind und sich gut verkaufen. Interviews werden zurechtgeschnitten. Fragen so gestellt, dass man passende Antworten erhält. Durchkalkulation und Wiedergabe dessen was sich gut verkaufen lässt. Sätze aus dem Zusammenhang gerissen, aber wer hat schon die Zeit oder Platz ein langes Kommentar vollkommen wiederzugeben. Die Wortwahl, Satzbetonung und Mimik beeinflussen den Inhalt enorm. Nehmen wir das Thema: „Übergewicht“. Allein die Wortwahl „Übergewicht“ und meist auch die Betonung des Wortes „Übergewicht“ mit der leicht angewiderten Mimik und der tiefen Überzeugung der Furchtbarkeit von „Übergewicht“ – und schon haben wir eine Panik oder wie Medien gerne nahelegen eine „Epidemie“ (eine Seuche). Meine Güte wirklich Dicksein ist furchtbar ansteckend. Also ich greif mir dabei auf den Kopf. Und dieselben Medien und Medienmacher echauffieren sich jetzt weil Facebook und Co das auch so machen. Tja man will halt nicht, dass jemand anderer im Geschäft mitmischt. Aber was verkauft sich gut? Vorurteile verkaufen sich gut, Angst verkauft sich gut, Wut verkauft sich gut. Alles was interessant ist, ablenkt und über das nicht viel nachgedacht werden muss. Einfach alles was leicht konsumiert werden kann ohne sich mehr damit auseinandersetzen zu müssen. Es verkauft sich gut, was leicht und unkritisch wiedergegeben werden kann und auch mal als Anekdote beim Abendessen oder als Kaffeeklatsch herhalten kann!

 

Aber es ist doch wirklich ungesund!?

Und ja, das alles hat mit dem Gesundheitsbild von heute zu tun. Mit dem Vorwurf, dass die ARGE Dicke Weiber leider allzu oft zu hören bekommt: „Dicksein ist aber einfach ungesund“ – Mit diesem Satz versuchen uns andere Mundtot zu machen. Es ist ihr schlagendes Argument um uns zum Schweigen zu bringen. Sie fühlen sich bemächtigt es uns um die Ohren zu hauen als wären die Stempel „Gesund“ und „Ungesund“ ausschlaggebend für unser Recht in und mit Würde zu leben. Als würde es über unser Menschsein bestimmen ob wir gesund oder ungesund sind. Die Menschen glauben, es gibt wirklich einen Unterschied, ob man Dicke wegen ihrer Gesundheit diskriminiert oder wegen ihrer Schönheit – zu dem einen fühlen sie sich berechtigt, denn das mächtige Diktat der Gesundheit stärkt ihnen das fehlende Rückgrat, dass ihnen ein schlechtes Gewissen einreden will wenn sie uns einfach nicht schön finden! Dicke aufgrund ihrer Gesundheit bzw. angeblich fehlenden Gesundheit zu diskriminieren ist anerkanntes Mobbing, das auch noch gefeiert wird – schließlich tut man den dummen Dicken etwas Gutes wenn man sie darauf hinweist, dass sie nicht gesund sind! Meiner Meinung nach ist das nur eine weitere Art seinen Dickenhass auszuleben. Denn die eigene Gesundheit ist keine Sache der Allgemeinheit. Auch wenn die Mehrheit der Menschen das längst unhinterfragt konsumiert hat und die Unterscheidung gar nicht mehr vornehmen will zwischen persönlichem Recht auf Gesundheit und gesellschaftlichem Zwang zur Gesundheit.

 

Body-Positivity? & Medizinische Fachbegriffe des Grauens?

Die Body-positiv-Bewegung wird hinterfragt wenn es um Menschen ab 120 Kilo aufwärts geht. Gut wir könnten die Grenze auf jede X-beliebige Zahl setzen ab der man von Medizinern als „Adipös“ oder gar noch viel schlimmer als „Morbid Adipös“ bezeichnet wird. So allein bei dem Satz kam mir das Grausen. Diese widerlichen Worte und der Kontext (als Epidemie/Seuche, etc.) in dem sie oft benutzt werden zeugen von abgrundtiefen Dickenhass, sie entmenschlichen und entwürdigen alle Dicken/Fetten – und gehören eigentlich aus dem Sprachgebrauch und Wortschatz entfernt. Dennoch gehört es zu den Schlagworten im Zusammenhang mit dem Machtwort Gesundheit. Diese entmenschlichenden Worte werden benutzt um Dicke/Fette klein zu reden, sie herabzuwürdigen, ihnen ihr Recht auf Selbstbestimmung abzusprechen, sie zu mobben und ihnen Selbstzweifel, Selbsthass, Schamgefühle und Schuldgefühle einzureden. Und das alles damit sie gehorchen lernen! Um sie zu unterdrücken und Macht auf sie auszuüben. Denn damit kann man Dicke/Fette zu allem bewegen und anders Denkende auch gerne zum Schweigen bringen. Denn diese Worte haben auch sehr viel Macht, so wie Gesundheit heutzutage Macht hat. Am besten nutzt man das Wort Gesundheit um es allen, die anderer Meinung sind, einmal kräftig um die Ohren zu schlagen! Denn wenn es um Gesundheit geht hat doch jeder Recht oder? Denn ach es ist ja „Fakt“, dass ein „gesunder Lebenswandel“ ab „120 Kilo“ nicht mehr möglich ist?

Und deswegen sieht man sich ja ganz im Recht dahingehend die Body-positiv-Bewegung anzukreiden?  Aber dabei wird vergessen, darum geht es gar nicht bei dieser Bewegung! Es geht der Bewegung um Selbstliebe und um Menschenwürde. Also sagen sie nichts anderes als Selbstliebe ist ab sagen wir „120 Kilo“ nicht mehr angebracht?? Selbstliebe und Menschenwürde haben ab „120 Kilo“ keinen Platz mehr??? Und nein es ist ganz sicher nicht Mobbing oder Diskriminierung wenn man Menschen ab sagen wir „120 Kilo“ einfach ihre Selbstliebe und die Menschenwürde abspricht, denn wir sind ja so besorgt um ihre Gesundheit!!!!!!!! Oder um wessen Gesundheit sind wir besorgt??? Dicke zu beschämen, zu beschuldigen, an den Pranger zu stellen, weil man ihnen eben „ansieht“ – dass sie anders sind – weil man ihnen ansieht das sie „ungesund“ sind, zeugt einfach nur von Dickenhass und Dickendiskriminierung!!!

Möchte denn die dünne Person gerne ihre Gesundheitsgeschichte im medialen Bereich aufgearbeitet sehen und würde sie sich dann angesprochen und unterstützt oder eher angegriffen und in ihrer Menschenwürde verletzt fühlen??? Darf ich jetzt überhaupt dünne Person schreiben (meistens fühlen sie sich da schon angegriffen, aber ich soll mir Begriffe wie oben einfach gefallen lassen bei denen mir das kotzen kommt nur weil ich dick/fett bin??) Aber ich vergesse, um das Dünnsein geht es ja nicht.

 

Anorexie?

Uns wird immer wieder vorgeworfen, dass wir von einem Extrem ins andere kommen, schließlich spräche man doch nur vom „Idealgewicht“, dem „Normgewicht“, dem „Wohlfühlgewicht“ oder eben dem Gewicht, das gesund ist? Gesundes Gewicht? Und wenn das alles nicht wirkt, dann schmeißen wir am besten noch ein paar Anorexie Vergleiche hin und meinen, das findet ja auch niemand gut und das ist ja auch ungesund. Und wie könnte man auch was anderes sagen oder ist man doch Pro-Anorexie? Das Gegenüber glaubt dann immer es hätte gewonnen, es muss nur häufig genug mit irgendwelchen Worten auf uns einschlagen und fertig. Denn wie könnte man die Anorexie-Debatte gewinnen? Denn wie kann man Pro-Anorexie sein? Da hast du dich ja schon als furchtbarer Mensch geoutet, dessen Meinung einfach nur weltfremd ist? Schließlich ging die ganze fat-acceptance und Body-positivity-Bewegung ja doch auch wegen den „furchtbaren“ Magermodels los und weil das ja so „ungesund“ war? Eigentlich wollten Dicke doch auch nur schön sein oder als schön gelten und überhaupt hat das alles mit Models zu tun und dem Gesundheitsbild, das sie verkörpern? Solche Dinge zu schreiben tut richtig weh – ich muss mir ständig an den Kopf greifen – so unfassbar ist es mit welchem Gedankengut man sich hier auseinandersetzen muss!!! Und jeder der sich ein bisschen auseinandersetzt mit den Themen und die Inhalte nicht nur konsumiert sondern hinterfragt tut es mir wohl gleich – denn nein um Magermodels geht es nicht bei fat-acceptance und Body-positivity!!!!

Zur Anorexie und den „Magermodels“: mir würde im Traum nicht einfallen ein Urteil über diese Menschen und ihre Leben zu fällen. Ihre Gesundheit geht mich nichts an. Der Zwang des Models nur auf eine bestimmte Weise aussehen zu dürfen, der ist es, der hinterfragt gehört – die einzelne Person nicht! Das Schönheitsideal gehört hinterfragt, nicht die Person, die ihm entspricht. Die mediale Verbreitung des Schönheitsideals und der gesellschaftliche Druck und Zwang zur Schönheit (Leistung, Gesundheit, etc.) gehören hinterfragt und aufgehalten – deren Resultat es ist, dass Menschen alles tun um sich dem Diktat zur Schönheit und Gesundheit zu unterwerfen. Menschen, die unter dem Druck der Gesellschaft krank werden, denen gehört geholfen – indem man den gesellschaftlichen Rahmen ändert indem sie leben/ indem wir alle leben. Ich weiß nicht ob Menschen mit Anorexie hier hinein fallen und ihr Leben geht mich nichts an. Erwachsene Menschen sind mündige Menschen, die meiner Meinung nach Entscheidungen über ihr Leben selber treffen dürfen. Über ihren Tod oder ihr Sterben eine Aussage zu machen ist menschenverachtend, denn ich bin nicht Gott/Göttin und kann auch nicht in die Zukunft sehen. Menschen mit psychischen oder sonstigen Krankheiten können sich Hilfe suchen bzw. ihre Angehörigen können ihnen Hilfe und Unterstützung suchen und zwar bei Menschen, die hoffentlich ihre Menschenwürde achten und sie in ihrem Menschsein wertschätzen, sich bemühen auf den individuellen Menschen und seine Bedürfnisse einzugehen und sich in ihrem jeweiligen Bereich wirklich auskennen (also damit sich wirklich auseinander gesetzt haben) – die Allgemeinheit und die Meinung der Allgemeinheit ist diese Hilfe/Unterstützung nicht. Die Vorurteile die hier bedient werden von x-beliebigen anonymen aber auch nicht anonymen, fremden Personen im Netz sind nicht hilfreich. Sie sind entwürdigend. Sie werden den tatsächlichen Lebensumständen, Lebensbedingungen, Lebensbedürfnissen und Lebensmöglichkeiten nicht gerecht. Diese können nicht mit Verallgemeinerungen und lapidaren Aussagen erfasst werden.

 

Selbstbestimmtes Leben?

Wichtig ist für mich: Menschen dürfen auch krank sein und es hat sie dahingehend niemand zu verurteilen!!! Ob ich nun etwas für meine Gesundheit tun will oder nicht – und ob ich es tue, das kann man nicht an meinem Aussehen sehen!!!!  – egal  –   es geht niemanden etwas an!!!

Inwiefern wollen wir uns in unsere Leben eingreifen lassen? Inwiefern darf die Gesellschaft in unsere Leben, in unsere Freiheit und Selbstbestimmung eingreifen – mittels Maßnahmen wie Mobbing und Diskriminierung uns dazu disziplinieren nach einem gewissen Schema zu leben? Ist das wirklich in unserem Interesse oder nicht doch Freiheitsberaubung – Bevormundung und massive Herabwürdigung eines Menschen und seiner eigenen Vorstellungen, aber auch ein außeracht lassen der individuellen Lebensbedingungen, Lebensgeschichten und Lebensmöglichkeiten!!!? „Gesunder Lebensstil“ bedarf auch gleicher Voraussetzungen – die sind nicht gegeben, wir sind nicht gleich – body positivitiy kämpft für die Anerkennung der menschlichen Vielfalt – die Anerkennung der Vielfalt von Lebensbedingungen, Lebensbedürfnissen, Lebensgeschichten und Lebensmöglichkeiten!!!

Wohlfühlen und Selbstliebe heißt nicht, dass man sich schön fühlt – das Thema darauf zu reduzieren heißt man hat nicht verstanden was Selbstliebe ist!!!

Selbstliebe heißt sich so zu lieben wie man eben ist!!! Gerade in diesem Moment, gerade jetzt – nicht irgendwann – sondern sich so wie man jetzt ist anzunehmen, mit allem!!! Und das ist mehr als gesund – das ist lebenswichtig – das gibt dem Leben Würde und dem Menschsein Sinn.

 

Bewusstsein vom Tod und der eigenen Sterblichkeit?

Das Thema Gesundheit ist so weitreichend und verzweigt. Es umschließt Meinungsmacherei durch unhinterfragtes Konsumieren von verallgemeinernden Aussagen, die dazu dienen auf uns Macht auszuüben und uns zu disziplinieren (Funktionsfähigkeit, Leistungsfähigkeit, Optimierung, Arbeitskraft, Kaufkraft, Wirtschaft, Gesundheit etc.), aber auch Selbstbestimmung sowie der Zugang zu bestimmten „gesunden“ Waren, die Herstellung von „gesunden“ Waren, unser gesellschaftliches Bild, unser Bild vom Menschen und Menschsein, unseren Wertvorstellungen und Vorurteilen, unserer Vorstellung von Wissenschaft, Medizin, Politik und vielem mehr. Es bedarf einer echten Auseinandersetzung und keiner leeren Wiedergabe der vorgekauten Vorurteile anderer. Auch bei Gesundheit geht es um Geld, Macht, Angst, Leistung, Nützlichkeit, Menschen. So vielfältig Menschen sind so vielfältig ist auch dieses Thema. Ja mit diesem Wort kann man Menschen wirklich erschlagen! Man kann sie wirklich zum Schweigen bringen, nein sogar schlimmer man kann sie gefügig machen. Denn mit Gesundheit kommt der Tod getarnt in unsere Leben zurück und vor allem unser Versuch den Tod so weit weg wie möglich von uns davon zu jagen – denn wer sucht nicht die Unsterblichkeit? Wem macht es keine Angst seine Lieben nicht wieder zu sehen, nicht zu wissen was dann kommt? Wer hat keine Angst sein Leben zu verlieren? Gesundheit ist unsere neue Religion und wem kann man es verdenken, wer hat keine Angst vorm Sensenmann? Und wer würde nicht vom Sensenmann zum Schweigen gebracht werden? Unsere neue Auszeichnung, die uns besser sein lässt als andere ist – das uns der Sensenmann noch nicht geholt hat und wahrscheinlich auch nicht holen wird. Die statistischen Berechnungen von Wahrscheinlichkeiten und unsere darauf beruhenden Vorbereitungen, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, ermächtigen uns andere mit dem Zeigefinger zu ermahnen und sie in ihrem Menschsein zu entwürdigen – wir nennen es halt nicht so. Aber nichts anderes ist es, wenn wir wildfremden Menschen ihre fehlende Gesundheit und ihren fehlenden Willen zur Gesundheit vorwerfen.

 

Mut anders zu denken und für eine bessere Gesellschaft einzutreten?

Gesundheit kann man nicht einfach abhandeln. Es kann nicht einfach auf eine kleine Formel reduziert werden und ganz sicher nicht auf das Aussehen. Gesundheit darf nicht mehr ein Schlagwort sein. Ein Wort, das andere zum Schweigen bringt. Ein Wort mit dem wild herumgeschlagen wird, um auf diese Weise vieles und gar nichts auszusagen. Im Endeffekt muss sich jeder wieder selbst hinsetzen und ausdefinieren was für ihn selbst „gesund“ ist, wie er/sie selbst leben will und eigenmächtig, selbstbestimmt die Entscheidung treffen. Dazu bedarf es viel Mut und Kraft sich auch gegen die Vereinnahmung medialer Meinungen und Vorurteile zu wehren! Und es bedarf Raum dafür! Es bedarf eine Gesellschaft, die Raum geben kann und Raum gibt für die Meinungsvielfalt, die Vielfalt menschlichen Lebens und menschlicher Entscheidungen! Es bedarf einer Gesellschaft, die der menschlichen Vielfalt Raum schafft und gibt! Und da wir die Gesellschaft sind – müssen wir auch anfangen! Dazu ist die ARGE Dicke Weiber da! Wir schaffen Raum! Wir schaffen Raum für den dicken/fetten Körper! Wir schaffen Raum für die menschliche Vielfalt und selbstbestimmte Lebensentscheidungen! Und ihr alle seid auch dazu aufgerufen, Raum zu schaffen für die Vielfalt!!

Vereinsamung

geschrieben von Malena Glück

Wir unterliegen in unserem Denken sehr häufig gewissen Täuschungen. Eine große Täuschung in Zeiten von Facebook, Twitter, Instagram und Co. liegt darin eingebunden zu sein in menschliche Gemeinschaften. Es täuscht darüber hinweg, dass viele Menschen sehr vereinsamen. Ihre menschlichen Kontakte beschränken sich zunehmend auf das Lesen und Verfassen von Mitteilungen und Bekundungen im Internet.

Ist mensch kein extrovertierter Charakter fällt es einem im realen Leben nicht so einfach Freundschaften zu schließen. Es gibt dazu in der Gesellschaft Weiterlesen

Warum ich dafür plädiere das Trumps Gewicht egal ist!

geschrieben von Malena Glück

Vor ein paar Tagen im Fernsehen kam die Aussage Präsident Trump sollte sich öffentlich wiegen, weil er angeblich bei seinem Gewicht gelogen hat.

Irgendein Arzt hat ihm Gesundheit bescheinigt und alle regen sich auf wegen seinem „Übergewicht“ würde das nicht stimmen können. Auf einmal steht im Raum das ein dicker Mensch kein Präsident sein kann bzw. sollte.

Egal wie mensch zu Trump steht oder nicht, das sind dickenfeindliche Aussagen.

Egal was mensch zu der Tatsache sagt das Trump Präsident ist: jede Aussage über „Übergewicht“, die damit verbundene angebliche „Gesundheitsgefährdung“ in Verbindung mit einer Anzweiflung ob jemand für den Job/Beruf geeignet ist, ist dickenfeindlich.

Sie betätigt das gesellschaftliche Bild von Dicken als unfähig einen Job/Beruf auszuüben sowie als Gesundheitsrisiko.

Aber weil es sich hier um Trump handelt fällt es nicht weiter ins Gewicht? Alle Bewegungen die auf positive Körperbilder aus sind müssten hier aufschreien.

Was ist das für eine Aussage für unsere Kinder: ihr könnt nicht Präsident werden, weil ihr dick seid? Weil ihr den Anforderungen als dicker Mensch nicht entsprechen könnt? Weil ihr ein zu hohes Gesundheitsrisiko tragt? Ihr könnt euer Land nicht repräsentieren, weil ihr einen dicken Körper habt?

Und wir sollen angeblich gerade einen Aufschwung erleben von positiven Körperbildern und „Body positiv“-Bewegungen. Also bei mir ist da nichts zu spüren. Das ist wohl eher mehr Schein als Sein.

Die Internetkultur zeigt sich vor allem durch Flüchtigkeit und kurzem, spontanen Aufflackern ohne langlebig, aufrichtig für seine Überzeugungen einzustehen. Ein „Like“ oder „Dislike“ ist schnell angeklickt, das auch zu leben und zu verwirklichen ist schon was ganz anderes.

Verantwortungsvolles Benehmen und verantwortungsvolles, nachhaltiges Verhalten ist in Zeiten von „facebook“, „twitter“, „Instagramm“ nicht mehr angesagt – es wird geteilt, geklickt, gelikt und nach drei Tagen ist es vergessen. Gut manchmal geht es ein Jahr und dann hat es auch keine vertiefenden, gesellschaftlichen Auswirkungen. Es verändert nichts.

Gerade noch wird gelikt mensch solle nicht nach seinem Aussehen beurteilt werden schon heißt es der Präsident lügt wegen seinem „Übergewicht“ – Trump kann ja wegen vielem beurteilt werden und hinterfragt werden aber weil er wegen seinem Gewicht lügt?

Entschuldigung da muss man sich ja als Körperaktivistin an den Kopf greifen. Sein Gewicht geht niemanden etwas an. Was für einen einzelnen Menschen gilt muss auch für Trump gelten. Niemanden geht das Gewicht oder die Gesundheit eines anderen Menschen an – auch nicht wenn derjenige Präsident ist.

Nein, mensch muss nicht alles preisgeben für einen Beruf – auch nicht als Präsident. Der Präsident versinnbildlicht hier ein gesellschaftliches Bild, das auf alle anderen Menschen umgemünzt werden kann. Als Körperaktivistin setze ich mich dafür ein, dass wir nicht nach unserem Körper, Aussehen und Gewicht beurteilt werden.

Es geht also gar nicht, dass darüber diskutiert wird: ob jemand wegen seinem Körper, Aussehen und Gewicht geeignet oder nicht geeignet für einen Job/Beruf ist. Das geht definitiv gegen mein Verständnis von Menschenwürde. Wir müssen an anderen Kriterien messen ob jemand seinen Job/Beruf ausüben kann als sein „Übergewicht“ oder ob die Person der Menschheit sein Gewicht mitteilen will oder nicht (und deswegen lügt).

Ihn vorführen zu wollen indem man vorschlägt ihn öffentlich zu wiegen ist widerlich und entbehrt jegliche Menschenwürde.

Allein die Vorstellung sich öffentlich wiegen zu müssen, so wie es in Schulen oft üblich ist, ist für viele dicke Menschen grauenhaft. Es beraubt uns unserer Menschenwürde, wer so etwas in der Schule erlebt hat weiß wovon ich spreche. Auch in einer kleinen Gruppe ist das bereits öffentlich, denn für ein Kind sind bereits drei bis vier andere Mitschülerinnen oder Mitschüler viel. Vor allem kann man sich den Spott und Hohn sicher sein, der dann darauf in der ganzen Klasse folgt.

Wer den Schularzt schon erlebt hat und die dazugehörige Belustigung der anderen Kinder sowie die Beschämung und die Scham die mensch dabei fühlt eben nicht das Gewicht zu haben sondern „Übergewicht“, weiß um die menschenverachtenden Mechanismen hinter der zur Schaustellung des Wiegens eines Menschen in der Öffentlichkeit.

Aber es wird zur Kenntnis genommen. Hingenommen wie das Menschenbild das dahintersteckt. Der Körperaktivismus im Zeitalter des Internets hat keine Nachhaltigkeit im Kopf der Menschen. Vereinzelt werden Gedanken mit einem „like“ versehen aber sie greifen nicht tief, bleiben Sprüche im Kopf ohne ins Herz zu wandern. Ohne Handlungen, die darauf folgen.

Wo ist der Aufschrei nach solchen Kommentaren selbst wenn es Trump betrifft? – Denn es betrifft uns alle! Die dahinterliegenden Gesellschaftsstrukturen und gesellschaftlichen Menschenbilder betreffen uns alle! Diese gehören geändert und nicht einfach nur mit „like“ und „dislike“ versehen. Dieses Nachaußen bin ich bei der Bewegung dabei aber innerlich verändert sich nichts – ist eben mehr Schein als Sein. Wir sind dafür verantwortlich unsere Meinungen zu verwirklichen und zu leben und nicht nur schwammig im Internet dem Mainstream zu folgen und wiederzugeben. Wir müssen weniger „liken“ und mehr hinterfragen. „Body positiv“ also Körper-positive Menschenbilder gehören gelebt, auch vorgelebt.

Es kann nicht sein, dass wir wirklich jemanden auffordern (selbst im Scherz, der keiner ist – ich fand es nicht lustig, sondern erschreckend) sich öffentlich zu wiegen! Es kann aber auch nicht sein, dass wir Gesundheitsrisiko „Übergewicht“ zum Ausschlusskriterium für bestimmte Berufe machen.

Als Menschen, die erfinderisch sind und kreativ, muss es doch viele Möglichkeiten geben Berufe auch zum Beispiel für dicke Menschen zugänglich zu machen – vielleicht ist es nicht gerade im Interesse das zu tun, weil es gar nicht genug Arbeitsplätze gibt aber auch hier besteht sicher die Möglichkeit mit Kreativität und Erfindungsgeist neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Wir müssen nur endlich aus unseren festgefahrenen Gedankenmuster und Gedankenbilder herauskommen und unser volles Potential als Menschen nutzen. Dazu bedarf es aber auch den Willen es zu verwirklichen und zu leben – und eben nicht nur zu liken bzw. zu disliken oder schlimmer Hasspostings zu schreiben.

In diesem Sinne auf ein Schaffen tiefer-gehender gesellschaftlicher Veränderungen durch das kreative Denken, Verwirklichen und Leben von neuen Möglichkeiten! Auch im Sinne von einem neuen, verantwortungsvolleren und nachhaltigeren Umgang mit Medien insbesondere dem Internet! Danke!

„Etwas wird also als problematisch qualifiziert , indem es als ›unvertraut‹ und ›unselbstverständlich‹ fokussiert wird. Ein Gegenstand erscheint als Problematisch in dem Maße, wie er im Verhältnis zu einem bestimmten Kontext als zweifelhaft und fragwürdig, als ein Brennpunkt der Verunsicherung, Störung oder auch Gefährdung des Bestehenden dargestellt wird (…)“

Ulrike Klöppel

(‘Problematische Körper?’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, Torsten Junge/ Imke Schminke Hg., UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.50)

Dicksein / Fettsein in Film und Fernsehen

„Ich wünsche mir Filme und Serien in denen dicke, fette Menschen einmal nicht mit Nebensätzen abgewertet, mit Diät oder Magenband abgespeist oder selbstbemitleidend als Witzfiguren herumlaufen. Ich wünsche mir Filme und Serien in der die dicke Hauptrolle nicht sich glücklich schätzen muss, dass sie irgendwer doch noch liebt nachdem sie abgenommen hat oder sich zumindest bemühte abzunehmen. Ich wünsche mir Filme und Serien in denen Dicke vorkommen, die ganz normale Leben führen und das heißt die auch Partner haben, die auch Sex haben, die auch Erfolg haben, die auch mal die Hauptrolle haben und die Heldin oder der Held sind. Ich wünsche mir also Filme mit Vorbildern für mich und meinen Körperbau – damit ich wieder fernsehen kann oder ins Kino gehen kann ohne mich ständig beleidigt zu fühlen. Denn das ist alles was Dickenhetze in Serien und Film machen – sie bleidigen mich und alle anderen dicken, fetten Menschen und nehmen uns unsere Menschenwürde. Es wird Zeit, dass wir Dicken auf unser Menschsein beharren und es auch von Film und Serien einfordern.“

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

Raumgebendes Miteinander?

Meine Füße tun weh,
sie tragen eine große Last,
ja ich bin schwer, das weiß ich selbst,
mein Rücken der schmerzt vom zu langen Stehen,
will mich setzen, muss mich umsehen,
da ist kein Platz, kein Sitz, kein Raum für mich,
die Türen sind zu klein, die Sessel sind zu eng,

da ist ein Stuhl ohne Lehnen aber er sieht zerbrechlich aus,
ich setze mich, krach und er bricht,
ich stürze mit den Resten des Stuhls zu Boden,
jetzt habe ich blaue Flecken überall,
glück muss ich sagen, es hätte mehr brechen können,
mehr als der Stuhl, bin gut gefallen,
Schmerzen habe ich doch,

dumme Blicke, helfen nicht, verächtliches Kopfschütteln,
erschrockene Gesichter, doch keines ist erschütterter als ich,
mein Herz pumpt rasch, ich rapple mich mühsam auf,
der Stuhl ist hin, ich lebe noch,

so wie diesen Stuhl, da gibt es viele,
beim Arzt, im Kaffee oder in einem Theater,
keiner will passen, keiner hat Platz,
neben Sessel gibt es auch Betten und andere Sachen,
die mit meinem Gewicht mir keine Freude machen,
im Krankenhaus da gibt es wenig Betten,
auch kaum Operationstische, die mich tragen,
Fahrräder oder Autogurte, kann ich lange suchen,

es gibt so viele Dinge auf die ich aufpassen muss,
wo Raum fehlt, wo kein Platz ist,
wo ich mir erst Raum schaffen muss,
Raum für meinen dicken/fetten Körper,
auch in den Köpfen der anderen,
muss erst Raum geschaffen werden,
für meinen dicken/fetten Körper,
für das Dicksein, das Fettsein an sich.
Als müsste ich mir als Dicke/Fette erst einen Platz als Mensch erkämpfen.

Die Bedürfnisse sind anders als Dicke/Fette,
doch Möglichkeiten sind da,
nur als Beispiel: wenn wir nur wollen wäre es möglich Sessel zu haben,
die das Gewicht tragen,
es ist möglich Dicken/Fetten Platz zu schaffen,
und unser Menschsein zu achten.
Und zwar durch die Möglichkeit am Leben,
an der Gesellschaft Anteil zu haben.

Also gehe ich weiter,
auf meinen schmerzenden Beinen,
durch eine Welt,
die mich und meines Gleichen ausschließen will,
und versuche uns Raum zu schaffen,
indem ich ihn mir nehme,
indem ich weiter lebe
und auch mal einen Stuhl zerbreche,
das Porzellan zertrample,
die Grenzen mit meiner Körperfülle ramme,
und mir einfach den Raum nehme,
den ich brauche.

verfasst von Malena Glück