„Die frühen Klimatheroien arbeiten an einer Verortung des Menschen, die davon ausgeht, dass man nicht nur Körper, sondern auch Kulturen, Charaktere und sogar die Form des Gemeinwesens nur vor dem Hintergrund dieser Verortung denken kann. Der Mensch ist, wo er wohnt. Klimatheorie ist damit allerding keine frühe Theorie der Umwelt, denn sie denkt nicht in Kategorien eines Organismus im Zentrum und seiner Um-Welt drumherum. Sie ist vielmehr eine Theorie des An-einem-Ort-Seins, eine Theorie, die einen Blick auf menschliche Lebensbedingungen mit einem Interesse an Kulturen, Mentalitäten und politischen Formen verbindet – und zwar im Plural. Denn so wie es nicht den einen Ort gibt, gibt es für sie nicht den einen Menschen oder eine Norm des Menschseins, sondern nur verschiedene Typen, nicht eine Kultur, nur Kulturen. Klimatheroie ist damit eine Theorie des Vergleichens von menschlichen Lebensformen. Das hindert sie natürlich nicht daran, sehr häufig zu werten: Es gibt bessere und schlechtere Klimata und so natürlich immer auch bessere und schlechtere, höher oder niedriger stehende Kulturen. Aber ihre Pointe liegt, so meine ich, in einer anderen Einsicht: der in die Verortung des Menschen in einer Atmosphäre, die ihn unausweichlich umfängt, durchdringt und formt.“

Eva Horn

(Philosophicum Lech. Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren. Konrad Paul Liessmann Hg., Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016, S.81f)

„Seit dem Ende des 18.Jahrhunderts produzierten Anthropologie, Medizin und Biowissenschaften am Körper naturalisierte Vorstellungen von Normalität und Devianz, die dann in konkrete Politik umgesetzt wurden. Unter den mikroskopischen Blicken der sich konstituierenden Wissenschaften wurden soziale Klassifizierungen auf körperliche Merkmale projiziert und diese dann wiederum zur Legitimation sozialer Ungleichheit herangezogen.“

Imke Schmincke

(‘Außergewöhnliche Körper’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.15)

But it could be

„The world is not built for fat people, and the larger we are the more things are inaccessible (and this often intersects with the oppression of other marginalized identities that some fat people hold, including racism, ableism, healthism, ageism, classism, homophobia, transphobia and more.) Sometimes it’s annoying – like when there’s a restaurant we want to try, but they only have booths that are too small.  Sometimes it affects us professionally – like if a conference room only has chairs with arms that don’t accommodate us. Sometimes it limits our ability to move around our world – like fat people who aren’t able or are unwilling to pay twice as much as thin people for the same airline trip.  Sometimes it affects our health – like when the doctor doesn’t have the proper sized cuff to take our blood pressure. Sometimes it affects our survival – like when they don’t have an ambulance built to transport us or medical equipment made to save us, or we have surgeons who don’t have any training working on fat bodies.  Sometimes it affects our death, like when we find out that the reasons doctors don’t have training on fat bodies is that they won’t accept our donation of our bodies into medical programs.“

Ragen Chastain

Dicksein / Fettsein und Eis essen

„Also ich esse gerne Eis im Sommer und ich würde es auch gerne in einem Eisgeschäft verspeisen aber meistens sind da die Sitze viel zu eng, aus Plastik oder so geformt das sie schon vom hinsehen kaputt gehen. Nein auf soetwas würde ich mich nie setzen. Aber das ist nicht nur bei Eisgeschäften so, viele Café oder Restaurants bieten draußen nur diese klapprigen Gartensessel an – dabei gibt es die auch ohne Lehnen und sehr stabil. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich das eines Tages ändern wird. Schließlich wäre es ein Zeichen, dass auch mein dicker/fetter Körper in der Gesellschaft einen Platz hat. Des wäre ein Zeichen, dass auch dicke/fette Menschen von ganz alltäglichen und für andere selbstverständlichen Gegebenheiten und Lebensfreuden nicht ausgeschlossen werden. Ein Zeichen dafür, dass wir als Menschen anerkannt werden. Das strebe ich an und dafür stehe ich ein.“

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

Schwimmend leicht

Im Wasser treiben,
die wärmende Sonne auf der Haut,
frei schwebend oben auf liegen,
wohlige kühle umspült den erhitzten Körper,
alles schwabbelt, alles wabbelt,
ich höre das Lachen der planschenden Kinder,
und lasse mich treiben im wohligen Nass,
dick und rund gleite ich durch die Wellen,
fett und ausgelassen genieße ich den Sommer,
Leichtigkeit erfüllt meinen Körper,
die Schwere fällt ab,
und ich blicke in den wunderbar blauen Himmel über mir,

es wird leichter zu ertragen,
die verstohlenen Seitenblicke, das aufdringliche Starren,
es wird leichter zu ertragen,
hier in den Wellen, in dem Plätschern des Wassers,
zum Himmel blickend, im Wasser liegend,
sich entspannend,
es wird leichter zu ertragen,
angefeindet zu werden – nur aufgrund meines Aussehens,
hier im Wasser bin ich Mensch, bin ich einfach nur ich,
ich bewege mich leicht und frei,
voller Glückseligkeit erfreue ich mich meines Körpers,

der Weg ins Wasser und zurück mag schwierig sein,
braucht Überwindung,
an starrenden Blicken vorbei,
entblößt, mein Körper unverhüllt,
die Kommentare und abwertenden Gesten,
all das schallte ich ab,
hier im Wasser entschwinde ich der Hitze,
und auch all dem Hass,
es ist zu heiß um mich einschränken zu lassen,
zu heiß um mich in meiner Wohnung zu verstecken,
ich brauche die Sonne, das Licht, die Luft,
ich brauche den blauen Himmel,
ich brauche die Kühle des Wassers,
und ich lasse es mir auch nicht nehmen,
mutig überwinde ich mich,
zeige mich, zeige meinen Körper,
husch ins Wasser und lange, lange nicht hinaus.

verfasst von Malena Glück