„Der Mensch, der nicht weiß, wer er ist, legt fest, wer er ist. Jede dieser Bestimmungen kann deshalb jederzeit durch eine andere ersetzt werden. (…) Aber nach welchem Bilde schaffen wir nun uns selbst? Nicht: Wer sind wir? ist die Frage, sondern: Wie sehen wir uns?“

Konrad Paul Liessmann

(Philosophicum Lech. Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren. Konrad Paul Liessmann Hg., Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016, S.11)

Platz haben, Raum haben

Ich entscheide mich das Lachen zu erwidern,
doch zum Lachen ist mir nicht,
ich entscheide mich ruhig zu bleiben,
doch ruhig bin ich nicht,
ich höre den Hass, ich höre die Worte,
und die die nicht betroffen sind sagen leicht dahin:
„das betrifft mich nicht,
es kann mich nicht treffen,
es hat nichts mit mir zu tun,
lass sie doch reden“
aber es macht etwas mit mir,
es macht mich traurig,
es macht mich wütend.

Ich gehe hinaus und kann so vieles nicht tun,
bin in so vielem beschränkt,
da ist kein Platz im Bus,
kein Platz im Theater,
kein Platz im Kino,
keiner im Café,
da ist kein Platz im Kleidergeschäft,
kein Platz für einen Körper wie meinen,
selbst beim Gehen auf der Straße,
wo ist Platz für mich?
Platz für meinen dicken/fetten Körper?
und ich atme durch und schaffe mir Platz.

Doch das ist harte Arbeit,
das ist ein echter Kampf,
einfach nur hier zu stehen und
den Raum einzunehmen, den mensch braucht,
mit der Anfeindung fertig zu werden,
und mit den eigenen Gefühlen,
das ist echt harte Arbeit,
und sie beginnt jeden Tag von neuem.

Meinen Raum zu haben,
ihn zu erfüllen, ihn auszufüllen,
dass gehört zum Menschsein dazu,
und ich lasse mir mein Menschsein nicht nehmen.

verfasst von Malena Glück

I don’t like being the victim of fatphobia

„As a queer woman I’ve been told that if I don’t like being the victim of homophobia I should date a dude. As a fat woman I’ve been told that if I don’t like being the victim of fatphobia I should become thin.  In both cases it doesn’t actually matter if it’s possible to change myself, because the cure for social stigma is ending social stigma – not for stigmatized people to try to squeeze ourselves in a mold someone else created for us. I will not try to manipulate my body size for some kind of twisted victim-blaming concept of “revenge.” I will wield my beautiful fat body like a weapon.  I will love it, I will care for it, I will move it, I will show it in public, I will viciously defend my body against anyone who seeks to classify it as anything but amazing. The problem here isn’t how we look, it’s that people bully us for how we look. I don’t care about revenge, but I do demand social change.“

Ragen Chastain

Glückliches Leben – auf meinem Sofa

„Es reicht nicht mehr glücklich zu sein mit dem was ist und sich über das Zusammensein mit Freuden/Familie/geliebten Menschen zu freuen. Es scheint uns zu klein zu sagen, da haben wir gemeinsam einen schönen Film angesehen und gelacht, geweint und uns umarmt. Und weil uns das zu klein erscheint, zu wenig um vor anderen das eigene Leben darzustellen sagen wir naja wir haben ein bisschen Ferngesehen und mehr machen wir nicht. Es tut sich bei uns nichts und naja es ist halt nicht viel los aber ich arbeite daran. Irgendwie muss mensch immer an seinem Leben arbeiten, daran arbeiten großes zu Vollbringen – am besten Wunder. Wer kein Tatmensch ist sondern einfach das Sein so genießt wie es ist – der genießt eben nicht richtig. Schließlich kann das Sitzen im eigenen Heim ja nicht erfüllend und bereichernd sein – nein, es muss schon Fallschirmspringen, Bungee-Jumping, Billard spielen und der gleichen sein. Es muss aufregend sein und ein Erlebnis wo auch etwas getan wird und mit viel Anstrengung verbunden. Da muss jeden Tag eine Party steigen und ein Drama nach dem anderen überstanden werden. Dies ist als Idealbild einfach eingeimpft worden von einer Konsumgesellschaft, die immer mehr immer schneller konsumiert und mit nichts mehr ganz zufrieden ist und auch nicht sein darf. Da schämt mensch sich zu sagen – „du ich war zu Hause“ und macht daraus ein schuldbewusstes – „du ich war nur zu Hause“. Überall das Wörtchen „nur“, dass aus dem schönen Beisammensein und ruhigen, entspannenden Fernsehabend eine beschämende Angelegenheit macht. Und Menschen, die behaupten gern zu Hause zu sein und auf dem Sofa zu sitzen, bekommen herabwürdigende Beinamen wie Couch-Potato und die damit einhergehenden negativen Vorurteile und Verurteilungen inklusive dem mitschwingenden Vorwurf das Leben zu verschwenden, das einem geschenkt wird. Denn Leben darf nicht verschwendet werden, es darf nicht faul verbracht werden oder gar nach den eigenen Vorstellungen gestaltet werden. Es hat nach einem bestimmten Idealschema zu verlaufen oder mensch hat zumindest zu versuchen, das eigene Leben diesem Schema anzupassen. Glücklich zu sein hat auf eine ganz bestimmte Weise auszusehen und Zufriedenheit und Dankbarkeit sind unnütze, veraltete Dinge – deren Bedeutung mensch heute nicht mehr kennt. So ich gestehe: Ich liebe mein Sofa und ich sehe gerne Fern – und ja ich bin dick/fett – und ja ich liebe mein Leben und zwar ganz besonders an den Tagen wo ich zu Hause bin und mit meiner Familie lache, weine und fernsehe.

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

Dicksein / Fettsein und Gesundheit – aktuelle Situation

Zunächst wird von Medien Dicksein bzw. Fettsein als angsteinflößender Alptraum präsentiert und als Krankheit, Seuche oder Epidemie entmenschlicht zu einem Feindbild ummodeliert. Durch diese mediale Aufarbeitung „geschult“ wird „Jedermann“ (auch jede Frau) zum Experten über die Gesundheit von Dicken und Fetten – wobei die Gesundheit Dicken, Fetten prinzipiell einmal abgesprochen wird. Schlagzeilen über die Kosten des Gesundheitssystems machen die Gesundheit Dicker und Fetter zum „angeblichen Eigentum der Allgemeinheit“. Dicke, Fette müssen sich für ihr Dicksein/Fettsein „rechtfertigen“ bzw. ihre Gesundheit stets aufs Neue vorführen und beweisen. „Abnehmen“ wird zum Heilsversprechen – und das auch bei Schnupfen und Halsweh. Dabei gibt es keinerlei Beweis dafür, dass langanhaltende Gewichtsabnahme das Leben verlängert oder verbessert bzw. überhaupt für alle möglich ist. Weiterlesen