Dicksein / Fettsein und Unsterblichkeitswahn

„Manchmal macht mir all dieses Gerede von Adipositas Angst. Niemand möchte sterben. Das Gerede tut so als ob es in der eigenen Hand läge unsterblich zu werden. Das stimmt aber nicht. Wir werden alle sterben und niemand von uns hat in der Hand wann das sein wird – außer ein Selbstmörder. Und NEIN Adipositas ist nicht eine langsame Version eines Selbstmordes. Dicksein/Fettsein heißt einfach mit anderen Lebensumständen zu leben als andere, bzw. mit anderen Körpereigenschaften als andere. Es kann sein das man fürs Leben andere Bedürfnisse hat und an das Leben andere Erwartungen stellt bzw. stellen muss. Der Tod und das Sterben machen aber keinen Unterschied – es trifft uns alle mal.“ Mitglied der ARGE Dicke Weiber

„Eine Grundannahme im Anschluss an Foucault ist, das Körper nicht a priori, als eine Naturtatsachen vorhanden sind, sondern durhc Diskurse und in Diskursen konstruiert werden. Vor allem die Humanwissenschaften wie Medizin, Psychologie und Pädagogik produzieren Wissensordnungen die entscheidend mitbestimmen, wie Körper wahrgenommen werden. (….) Diskurse regulieren und beschränken das Wissen vom Körper, sie konstruieren Körperbilder und beeinflussen Körpererfahrung, gleichzeitig generieren sie – im Sinne einer Produktivität und Positivität von Macht – immer auch Neues, beispielsweise neuartige Grenzziehungen zwischem dem, was als ›ganz normal‹, als ›noch normal‹ oder als ›anormal‹ zu gelten hat.“

Anne Waldschmidt

(‘Behinderte Körper:Stigmatheorie, Diskurstheorie und Disability Stduies im Vergleich’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, Torsten Junge/ Imke Schminke Hg., UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.34f)

Dicksein / Fettsein und die eigene innere Einstellung

Es liegt viel an der eigenen Einstellung und die kann ich selbst entscheiden: will ich mein Leben damit verbringen über mich zu urteilen und mich zu kritisieren oder will ich versuchen mich so anzunehmen wie ich jetzt gerade bin. Das heißt auch sich immer wieder dazu zu entscheiden jetzt nicht schlecht von mir zu denken und auch nicht schlecht von anderen zu denken. Ich kann nicht wissen was andere von mir denken, selbst wenn es noch so offensichtlich scheint. Ich entscheide also davon auszugehen, dass es die meisten einfach nicht interessiert wie ich Aussehe. Das hilft. Nicht ständig zu denken: der schaut mich so an – der verurteilt mein Aussehen – der denkt ich sollte lieber die Treppe nehmen. Damit verurteilt man sich nur selbst. Das muss aufhören. Und dazu entscheidet man sich und es ist sehr mühsam, diesen inneren negativen Dialog abzustellen. Und es klappt nicht immer aber ich probier es weiter und es hilft. Mir geht es besser und ich denke immer weniger, dass die ganze Welt gegen mich ist.“

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

„Personengruppen , die qua äußerlicher Erscheinung oder aber sichtbarer Körperpraktiken als ›gefährlich‹ wahrgenommen werden, werden entsprechend aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen. Sie werden in der Stigmatisierung und dem auf diese folgenden Ausschluss zu marginalisierten Körpern. Sie werden als bedrohlich wahrgenommen, weil sie zum einen die Angst vor der Exklusion und der damit zusammenhängenden potenziellen Verelendung verkörpern. Zum anderen sichert die Angst vor der drohenden Marginalisierung das Funktionieren der Norm ab, einer flexiblen Norm der Modulation, an der sich möglichst unauffällige, konforme Körer ausrichten. Diese Norm stabilisieren die herrschenden Diskurse von Eigenverantwortung und Individualisierung  gesellschaftlich produzierter Unsicherheiten und Risiken. Abgesichert werden diese neo-liberalen Diskurse über die Konstruktion von Risiko-Populationen und damit von Risikokörpern, d.h. kranken, behinderten, alten, dicken Körper, die als gesundheitspolitisches ›Problem‹ für den reibungslosen Verwertungsprozess kollektiver Körper produziert werden. Wenn das zeitgenössische Narrativ als eines von Sicherheit und Gefahr beschrieben werden kann, in dem sich gesellschaftliche Ängste und Teilhabe codieren, dann sind die ›gefährlichen‹ Körper die außergewöhnlichen Körper von heute.“

Imke Schmincke

(‘Außergewöhnliche Körper’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.24)

Referat in der Schule

Aufstehen, vortreten,
mit jedem Schritt schwerer werden,
noch an Masse zulegen,
sich nicht auflösen können,
weil einfach zu viel von einem da ist,
und die Stimme im Kopf redet auf mich ein,
was alle denken flüstert sie:
„….fett….dick….“
und es könnte auch etwas Nettes sein,

aber in der Gesellschaft,
in der ich aufwuchs,
hörte ich nie auch nur irgendwelche Nettigkeiten
über mein Aussehen, meinen Körper,
und all das Gesagte, all das Gehörte,
all der Spott, all die Gehässigkeiten,
sind schon tief in mir,
in meinem Kopf, in meinem Denken,
und sie flüstern immer zu,
bis alles andere verstummt,
bis ich vor euch stehe und keine Stimme mehr habe,
bis ich mich selbst anklage,
bis ich mich selbst anfeinde,
bis ich für mich selbst das Monster wurde,
zudem ihr mich gemacht habt,

und ich stehe da und soll jetzt einen Vortrag halten,
soll in all diese Augen blicken,
soll mich noch mehr entblößen,
als es mein Aussehen vermag,
in jedem eurer Herzen wohnt Spott und Hohn,
da wohnt Gemeinheit und schlimmer noch Ignoranz,
und in meinem Herz da ist niemand mehr,
nur mehr Verachtung und Angst,
ich stehe da und so schnell ich kann,
bringe ich es hinter mich,
leise, schnell und ungenügend,
doch am Ende bin ich wieder hinter dem Tisch,
ganz im Eck, dort wo man selten hinsieht,
selten mich entdeckt.

Und heute weiß ich es könnte auch anders sein,
und heute weiß ich die Gesellschaft könnte anders sein,
heute weiß ich, ich bin nicht allein,
heute unterbreche ich die Stimmen,
die flüstern wollen,
oder auch schreien,
heute unterbreche ich sie alle,
und sage: Nein!
In meinem Herzen wohnt wieder Liebe,
dort wohnt Vergebung und Verzeihen,
und ich maße mir nicht mehr an zu urteilen,
was in euren Herzen wohnt,
denn ich kann nicht in euch hineinsehen,
und ihr auch nicht in mich.

verfasst von Malena Glück