„Eine Grundannahme im Anschluss an Foucault ist, das Körper nicht a priori, als eine Naturtatsachen vorhanden sind, sondern durhc Diskurse und in Diskursen konstruiert werden. Vor allem die Humanwissenschaften wie Medizin, Psychologie und Pädagogik produzieren Wissensordnungen die entscheidend mitbestimmen, wie Körper wahrgenommen werden. (….) Diskurse regulieren und beschränken das Wissen vom Körper, sie konstruieren Körperbilder und beeinflussen Körpererfahrung, gleichzeitig generieren sie – im Sinne einer Produktivität und Positivität von Macht – immer auch Neues, beispielsweise neuartige Grenzziehungen zwischem dem, was als ›ganz normal‹, als ›noch normal‹ oder als ›anormal‹ zu gelten hat.“

Anne Waldschmidt

(‘Behinderte Körper:Stigmatheorie, Diskurstheorie und Disability Stduies im Vergleich’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, Torsten Junge/ Imke Schminke Hg., UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.34f)

Medialer Raum

Wo ist wilde dicke Rotzgöre in den Filmen,
die auf all die Klischees scheißt,
wo ist das dicke, fette Vorbild für einen Körper,
wie den meinen,
wo sind die reichen, starken und unabhängigen Filmfiguren,
die dick ihr Leben meistern,
wo sind die dicken, fetten Menschen in Serien,
die ein positives Körperbild und Körpergefühl vermitteln,
keine selbstzerfleischenden und selbstverzweifelnden
unglücklichen Trauergestalten, keine selbstmitleidigen Witzfiguren,
keine selbsthassenden Persönlichkeiten und Nebensächlichkeiten,
sondern selbstbewusste, lebendige Rollen für dicke, fette Menschen,
die uns auch gerecht werden?

Wir sind keine weinerlichen Jammerer, wir sind keine vorurteilbeladene Klischees,
wir haben Partner, wir haben Kinder, wir haben Berufe, wir sind Menschen,
keine Nebenrollen sondern auch Hauptfiguren,
keine der Diätkeule ausgelieferten Selbstzweifler sondern starke Persönlichkeiten,
wir sind mehr als eure Vorurteile,
wir verdienen mehr als verächtliche Gesten,
dummes Gerede und die bildliche Manifestation des Dickenhasses,
wir haben auch Liebesbeziehungen, wie haben auch Sex,
wir haben auch Erfolg, wir haben auch ein Leben,
wir sind nicht nur lieb oder freundlich oder traurig oder witzig,
wir sind nicht nur die böse, hässliche oder skurrile Gestalt,
wir können alle Rollen spielen und wir können alle Rollen verkörpern,
und das wollen wir auch sehen,
– wir wollen mehr Dicke, Fette mit positiven Körperbezug in Medien sehen.

Dicke/Fette, die sich eben nicht ihres Körpers schämen,
sondern die zu sich stehen,
Dicke/Fette, denen ihr Gewicht egal ist,
denen egal ist ob sie ab oder zunehmen,
die sich so annehmen wie sie sind,
Dicke/Fette, die sich verlieben, die Beziehungen haben,
die geliebt werden, die stark sind, erfolgreich sind,
die frech sind und alle möglichen Rollen spielen,
nicht nur eine beschränkte, sehr diskriminierende Darstellung ständig wiederholen.

Und wir wollen eine Berichterstattung, die sich nicht den Klischees bedient,
die keine Panikmache oder Dickenhetze darstellt,
wir wollen keine manipulierenden und populistischen Artikel über angebliche „Epidemien“,
die das Feindbild des Dicken/Fetten schaffen,
der kein Mensch mehr ist
sondern je nach Belieben der Nachrichten
nur mehr eine Krankheit, Dummheit oder Disziplinlosigkeit,
wir wollen Medien, die unsere Menschenwürde achten und vertreten,
die uns nicht aus der Gesellschaft ausschließen sondern Dicke/Fette inkludieren,
die Raum geben: jedem Körper, jedem Menschen.
Wir wollen eine Gemeinschaft, ein raumgebendes Miteinander.
Und Medien können viel dazu beitragen ein solches zu erschaffen.
Also wo ist die wilde dicke Rotzgöre?

verfasst von Malena Glück

Dicksein / Fettsein und die eigene innere Einstellung

Es liegt viel an der eigenen Einstellung und die kann ich selbst entscheiden: will ich mein Leben damit verbringen über mich zu urteilen und mich zu kritisieren oder will ich versuchen mich so anzunehmen wie ich jetzt gerade bin. Das heißt auch sich immer wieder dazu zu entscheiden jetzt nicht schlecht von mir zu denken und auch nicht schlecht von anderen zu denken. Ich kann nicht wissen was andere von mir denken, selbst wenn es noch so offensichtlich scheint. Ich entscheide also davon auszugehen, dass es die meisten einfach nicht interessiert wie ich Aussehe. Das hilft. Nicht ständig zu denken: der schaut mich so an – der verurteilt mein Aussehen – der denkt ich sollte lieber die Treppe nehmen. Damit verurteilt man sich nur selbst. Das muss aufhören. Und dazu entscheidet man sich und es ist sehr mühsam, diesen inneren negativen Dialog abzustellen. Und es klappt nicht immer aber ich probier es weiter und es hilft. Mir geht es besser und ich denke immer weniger, dass die ganze Welt gegen mich ist.“

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

„Personengruppen , die qua äußerlicher Erscheinung oder aber sichtbarer Körperpraktiken als ›gefährlich‹ wahrgenommen werden, werden entsprechend aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen. Sie werden in der Stigmatisierung und dem auf diese folgenden Ausschluss zu marginalisierten Körpern. Sie werden als bedrohlich wahrgenommen, weil sie zum einen die Angst vor der Exklusion und der damit zusammenhängenden potenziellen Verelendung verkörpern. Zum anderen sichert die Angst vor der drohenden Marginalisierung das Funktionieren der Norm ab, einer flexiblen Norm der Modulation, an der sich möglichst unauffällige, konforme Körer ausrichten. Diese Norm stabilisieren die herrschenden Diskurse von Eigenverantwortung und Individualisierung  gesellschaftlich produzierter Unsicherheiten und Risiken. Abgesichert werden diese neo-liberalen Diskurse über die Konstruktion von Risiko-Populationen und damit von Risikokörpern, d.h. kranken, behinderten, alten, dicken Körper, die als gesundheitspolitisches ›Problem‹ für den reibungslosen Verwertungsprozess kollektiver Körper produziert werden. Wenn das zeitgenössische Narrativ als eines von Sicherheit und Gefahr beschrieben werden kann, in dem sich gesellschaftliche Ängste und Teilhabe codieren, dann sind die ›gefährlichen‹ Körper die außergewöhnlichen Körper von heute.“

Imke Schmincke

(‘Außergewöhnliche Körper’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.24)