„Plus-Size-Models werden immer noch anders behandelt als dünne Models“

– eine Replik auf den Vice-Artikel von Ina Holub

geschrieben von Anita Drexler

Liebe Ina Holub,

ich habe deinen Artikel in der „Vice“ gelesen und konnte dir in einigen Punkten zustimmen. Die schwierige, uneinheitliche Definition von „Plus-Size“ etwa – Stichwort „wo beginnt Dicksein“. Auch, dass eine Schieflage herrscht was die Darstellung dicker Frauen in den Medien, so sie überhaupt präsent sind, im Vergleich zu ihren dünnen Kolleginnen anbelangt, beleuchtest du durchaus objektiv – dass es Neid und Intoleranz auf beiden Seiten gibt, ebenso.

Dann wird der Artikel für mich schwierig. Du beklagst dich darüber, dass dicke Models anders behandelt werden als dünne. Dicke würden meist weniger digital aufgehübscht, müssten stets bereit sein, vor der Kamera „das Authentische“ zu geben, auch in all seiner Hässlichkeit, und bekämen einfach andere und weniger vielfältige Aufträge als ihre gertenschlanken Kolleginnen.

Liebe Ina, das liegt ganz einfach daran, dass sie dicke Frauen sind und Ungleichbehandlung dicker und dünner Menschen in unserer Gesellschaft absolut salonfähig ist. Leider trägst auch du mit deinen Positionen in einigen Punkten nicht unbedingt dazu bei, dass sich an diesem Umstand etwas ändert.

Dicke Frauen durfte es lange Zeit in den Medien überhaupt nicht (mehr) geben, bis vor einigen Jahren gewiefte Designer und Geschäftsleute auf die Idee kamen, füllige Frauen in ihre Kampagnen einzubauen – denken wir an Crystal Renn für „Gaultier“ oder die vieldiskutierte Werbung für „Dove“. Klar, damals war das „als Abwechslung“ oder „Farbtupfer“ gedacht, oder einfach um die „normale Frau von nebenan“ anzusprechen und ihre Identifikation mit einer bestimmten Kosmetikmarke zu stärken. Die Models in diesen Kampagnen waren alle geschönt – auch ich habe mich bei den Dove-Damen gefragt, wo denn bitte die Cellulite hin verschwunden ist. Das war um das Jahr 2005.

Entgegen den Annahmen vieler „Experten“ sind dicke Frauen dann doch nicht wieder komplett von der Bildfläche verschwunden – einzelne starke Persönlichkeiten aus der Branche haben weitergemacht, der Markt ist ständig gewachsen. „Plus Size“ ist nun, im Jahr 2015, eine etablierte Nische.

Ich komme aus der Fotografie – dort, besonders in der Werbung, werden gerne keine zu „glatten“ Gesichter, sondern „Charakterköpfe“ gecastet – Menschen, die nicht zu 100% dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, die aber gerade deshalb gebucht werden, weil sie der Zielgruppe eine Art von Identifikationspotenzial bieten, die zu „ideale“ und damit zu „unnahbare“ Sujets nicht zu erzeugen vermögen. Auch mit der Verwendung dicker Fotomodelle versucht man, diesen Effekt zu erreichen. Das ist der Status Quo – Übergrößenmodels werden zwar engagiert, sind aber noch Teil des „Charakterfaches“.

Ich stimme dir zu, das ist nicht das Ideal. Ideal wäre, wenn jeder Körper den gleichen Stellenwert einnehmen würde, wenn die Annäherung an eine bestimmte „Norm“ nicht mehr über „hässlich“ und „schön“, über „gut“ oder „schlecht“ entscheiden würde, sondern wenn es einen gleichberechtigten Pluralismus mehrerer Schönheitskonzepte geben würde, die gleichwertig nebeneinander stehen. Wäre das der Ist-Zustand würden nicht nur Models, sondern MENSCHEN mit den unterschiedlichsten Körpern von der Gesellschaft gleich gut behandelt werden.

Wenn du aber an anderer Stelle darüber sprichst, dass Körper „ab gewissen Grenzen einfach nicht mehr ästhetisch sind“, dass es „gefährlich ist Extremen nachzueifern“ oder dass „extreme Essstörungen nicht gefeiert“ werden sollten, dann konterkarierst du damit im Endeffekt deine eigenen Bedürfnisse nach Gleichbehandlung. Außerdem, und das finde ich schlimmer, trittst du die Arbeit mancher Kollegin aus deiner Branche mit Füßen. Bitte versteh mich in diesem Punkt richtig; dass von einem Model die exzessive Verwendung von Nacktheit in der Branche kritisiert wird, finde ich begrüßenswert – wenn man diese Kritik aber verstärkt auf den Plus-Size-Bereich umlegt, ist das unausgewogen.

Deiner Meinung nach gibt es nämlich zwei Arten von Dicken: die „guten“, die auf ihre Ernährung achten (gesund soll es sein!) und ein bisschen Sport machen und es gibt die „schlechten“, die „krankhaften Dicken“, die nachlässig sind, unreflektiert und damit irgendwo selber Schuld an ihrem Zustand. Im Grunde überträgst du damit die gängige Mainstream-Meinung unserer Gesellschaft in den Diskurs um die „Plus-Size-Szene“.

Deine Ansicht, dass irgendwo im großen Plus-Size-Bereich auch mal der Punkt gekommen ist, wo die Ästhetik aufhört und die „Freakshow“ anfängt, ist gefährlich. Klar ist das ästhetische Empfinden von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich – entscheidend müsste aber vielmehr sein, dass jeder Mensch ein Recht darauf hat, mit seinem Körper so umzugehen, wie er das möchte. Dass jeder Körper gut ist und Respekt dafür verdient hat, so zu sein wie er ist. Es muss nicht jeder Körper jedem gefallen. Aber man sollte nicht einen als per se „besser“ bewerten als einen anderen.

Leider ist das auch in den Köpfen vieler Blogger*innen, Aktivist*innen und Veranstalter*innen noch nicht angekommen. Deine Anekdote von der Curvy Fashion Fair geht in diese Richtung. Klar ist es irgendwo eine schöne Botschaft, einmal bewusst dazu stehen zu dürfen, dass man gerne ungesund isst. Im Kontext einer Veranstaltung für eine fast ausschließlich füllige Klientel ist es aber ein zweischneidiges Schwert, ist doch ungesunde Ernährung kein Alleinstellungsmerkmal dicker Menschen. Es gibt allerdings immer noch zu viele Menschen, die Körper nur dann akzeptieren, wenn sie gesund, fit und in ihren Augen „ästhetisch“ sind. Das muss aufhören. Erst, wenn wir in der Lage sind, die Grenzen zwischen „hässlich“ und „hübsch“, zwischen „gut“ und „schlecht“ aufzulösen und die Welt in all ihren Nuancen und Formen zu akzeptieren werden auch die vielgehassten „Gräben“ zwischen Menschen einzelner Gruppen verschwinden.

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