Dicker Kommentar: My Big Fat Fabulous Life

Positive Darstellungen von dicken Frauen (und Männern) in den Medien sind dünn gesät.  Da nehme ich schon mal das amerikanische Reality TV-Format in Kauf, um eine dicke Frau tanzen zu sehen.

Es klingt eigentlich ganz einfach: die dicke Tänzerin Whitney Way Thore stellt Videos auf Youtube, Fernsehproduzenten erkennen das Marketingpotential und so entsteht ein US-amerikanisches Reality Format, das mit Vorbehalt fat postitve ist.
Es wäre zu einfach die Sendung als typischen Reality Müll abzutun. Die Serie meint es (oft) gut, die Hauptdarstellerin wirkt sympathisch, mit gehörigem Südstaatencharme und ehrlich um Aufklärungsarbeit rund ums Dicksein und Body Positivity bemüht.

Gut ist die ehrliche Auseinandersetzung mit dem Alltag des Dickseins. So müht sich Whitney mit Sitzgurten ab, sucht nach passenden Bikinis und Badezimmern im neuen Haus und bittet ihre Mutter bei der Beinrasur zu helfen, weil sie selbst nicht alle Stellen erreicht. Nichtsdestotrotz rutscht die vermeintlich bedingungslose Ehrlichkeit immer wieder in das typische voyeuristische Guckstdu-Dicke Genre ab. Whitneys Not wird mit Kameras festgehalten und Witze und Augenzwinkern können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier sehr intime Momente für Quoten ausgenutzt werden.

Gut ist die Tatsache, dass die Männer, die an Whitney interessiert sind, nicht aus Scham mit Pornobalken über den Augen anonymisiert werden. Natürlich bleibt unklar, ob das Interesse aufrichtig ist, aber sie wird zumindest nicht zur sexlosen Karikatur gemacht. (Teil des Reality-Formats ist auch hier natürlich das Finden Der Wahren Liebe.)

Schlecht ist der Tränendrüsenfaktor inklusive dramatischer Musik bei der zur Hiobsbotschaft stilisierten Diagnose Prä-Diabetes. Damit will ich gesundheitliche Probleme nicht herunterspielen, aber hier wird ganz ordentlich mit der Angst aller Beteiligten und Zuschauer zum Stereotyp der dicken Diabetikerin (die negativen Klischees könnten mehrere Artikel füllen) gespielt.

Ganz, ganz schlecht ist der Umgang mit Whitneys polyzystischem Ovarialsyndrom. An dieser Stelle wird Whitney als Opfer ihres eigenen Körpers präsentiert und damit von jeder „Schuld“ am dicken Körper entbunden. Die arme Frau kann nichts dafür, sie war ja früher ganz dünn (siehe Fotos von ihr als ranke Tänzerin), aber dann hat die Krankheit zugeschlagen (siehe Fotos einer traurigen dicken Whitney). Ich kann die Realität dieser Erkrankung nicht beurteilen, die Lebenserfahrung der Einzelnen entspricht vielleicht Whitneys Geschichte, aber die schamlose Darstellung der armen, guten Dicken, die ja alles tut was sie kann, ist mies. Whitney sollte sich nicht für ihren Körper entschuldigen oder erklären müssen wieso sie dick ist.

Das Format lebt letztlich vom Charisma der Protagonistin: intelligent, selbstironisch, optimistisch, fat positive. Für viele komische Momente sorgen Whitneys Eltern, besonderes Highlight ist ihre Mutter Babs.

Neben der TV-Karriere meint es die Frau gut mit sich und ihren Zuseherinnen. Ihre Arbeit ist sicherlich ein harter Kampf gegen Vorurteile, hasserfüllte Kommentare und Neider, die einer dicken Frau nicht gönnen wollen, ihren Körper zu zeigen und zu lieben so wie er ist.

Alles in allem: sehenswert, wenn auch mit Vorsicht zu genießen.

My Big Fat Fabulous Life, Staffel 1
(Folgen sind auf YouTube abrufbar, Englisch ohne UT. Mittlerweile wurde auch eine zweite Staffel produziert.)

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