Dicke leben länger

Für die aktuelle Ausgabe der Studierendenzeitung TÓDOS schrieb Sarah Reisenbauer einen Artikel zum Thema Diskriminierung von dicken Menschen. Dabei hat sie auch der ARGE Dicke Weiber ein paar Fragen gestellt. Hier der Text in voller Länge.

DICKE LEBEN LÄNGER

Während der U-Bahnfahrt lese ich in der Zeitung: »Übergewichtige leben länger« 1 – durch eine Metastudie in den USA hat sich herausgestellt, dass Personen mit mehr 2 als dem sogenannten Normalgewicht im Schnitt länger als diese leben. Das Sterblichkeitsrisiko ist zwar nicht viel, aber doch um ganze 5-6% niedriger als bei den »Normalgewichtigen«. Das widerspricht dem gängigen und tief verankerten Vorurteil, jegliches Dicksein an sich sei schon etwas sehr ungesundes.
von Sarah

Der standardisierte Mensch

Was soll denn Übergewicht nun genau sein? Das Wort wird geradezu inflationär verwendet, wenn jemand die Meinung ausdrücken möchte, eine Person sei in ihren* oder seinen* Augen zu dick. Aus dem Begriff Übergewicht folgt, dass es ein normales Gewicht als Gegenpart gibt. Es wird wohl auch so sein, dass jede Person irgendwo einen für sie gesunden Gewichtsbereich hat. Nun wird dieser Bereich aber nicht für jede Person individuell festgelegt, sondern es werden ein paar standardisierte Berechnungsmethoden angewandt, die sich nur auf wenige Messwerte stützen und daher niemals individuell sein können.

Eine solche Messgröße ist der Body Mass Index (BMI), der sich nur auf Körpergröße und Masse (Gewicht) bezieht. Eine durchtrainierte Gewichtheberin* oder ein Kugelstoßer*, die beide viel Muskelmasse besitzen, hätten laut ihrem BMI das, was mit Übergewicht bezeichnet wird. Trotzdem ist in vielen Köpfen, in der Wissenschaft und Medizin, der BMI als starre Gewichtsnorm verankert. Zum Problem wird die BMI-Rechnerei meiner Meinung nach dann, wenn Personen versuchen anhand ihres BMIs zu erfahren, ob sie in die Kategorie Normalgewicht fallen und falls sie nicht in dieser Kategorie sind, sich aufgrund dieses Wertes extrem unwohl fühlen. Obwohl mit ihrem Körper vielleicht alles in bester Ordnung ist.

Die unerfragte Diagnose

Ebenfalls ein großes Problem ist in meinen Augen die starke Stigmatisierung und Pathologisierung von dick sein und damit allen dicken Menschen. Kürzlich erst sah ich wieder einmal eine Wissensendung im Fernsehen, in der ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel mit dicken Menschen gleichgesetzt wurden. Das ist für mich ein starker Widerspruch, da man von äußeren Merkmalen nicht auf die Lebensführung eines Individuums schließen kann. Solche Pauschalierungen tragen dazu bei, dass Dicken automatisch ein ungesunder Lebensstil unterstellt wird. Mensch kann vielleicht sagen, dass viel unausgewogene Ernährung zu einer Gewichtszunahme führen kann, aber nicht unbedingt führen muss. Wie bei der erwähnten Sendung, wird die »Erkrankung Dicksein« fast täglich in den verschiedensten Medien diagnostiziert.

Apropos Medien, zu denen gäbe es noch einiges zu sagen. Vor allem über die Abwesenheit von dicken Menschen, insbesondere von dicken Frauen*, in Serien, Filmen, Computerspielen, etc. in einem Kontext, der nichts mit ihrem Dicksein zu tun hat und wo sie nicht ins Lächerliche gezogen werden. Spitze des Eisbergs sind meiner Ansicht nach Realityshows wie »The Biggest Loser«. Schon der Name impliziert durch seine Zweideutigkeit, dass Menschenwürde in dieser Sendung nicht hochgehalten wird. Ganz zu schweigen vom Inhalt, wo es darum geht, dass dicke Personen in kurzer Zeit möglichst viel abnehmen sollen.

Ich würde mir sehr wünschen, in Mainstream-Medien mehr, oder eigentlich überhaupt einmal, echte dicke Menschen (ohne Fettanzug), vor allem Frauen*, zu sehen, die gesund, glücklich, zufrieden und nicht dauernd mit ihrem Gewicht beschäftigt sind.

Verdünnisier dich!

Das führt mich noch zu einigen Fragen, die ich mir schon seit einiger Zeit stelle. Warum ist es etwas gesellschaftlich positiv Konnotiertes wenn jemand sagt, er* oder sie* möchte abnehmen? Auch wenn es nur als Vorhaben formuliert wird. Unter anderem wird das jährlich medial in Neujahrsvorsätzen wiedergekäut. Eine weitere Frage, die mich beschäftigt: Warum wird Gewicht als etwas bewusst steuerbares angesehen? Als ob sich jemand entscheiden könnte, wie sich ihr* oder sein* Körper verhält. Dicken wird ein pauschales körperliches Versagen vorgehalten, oft mit Undiszipliniertheit gleichgesetzt. Und zu guter Letzt stellte sich mir die Frage, ob nicht entgegen den positiven Ergebnissen der in der Einleitung erwähnten Metastudie, die vielen Diätversuche und möglicherweise daraus entstandenen Essstörungen ernsthaft gesundheitsgefährdend sind? Wirtschaftlich gesehen gibt es in diesem Bereich kein Interesse daran etwas zu ändern. Im Gegenteil, Diätpräparate erleben einen Boom und sind ein Milliardengeschäft.

Mittlerweile gibt es viele Menschen, denen das negative gesellschaftliche Bild vom Dicksein gehörig auf die Nerven geht. »Dickenbewegungen« (Fat Acceptance Movements) haben sich zusammengefunden und kämpfen für eine Welt ohne Diskriminierungen aufgrund des Gewichtes. Eine Gruppe von und für dicke Frauen in Wien, die »Arbeitsgemeinschaft Dicke Weiber«, stellt sich in einem Interview vor.

Fußnoten:

1 jama.jamanetwork.com/article.aspx?articleid=1555137&atab=7

2 Die Metastudie vergleicht viele Studien, die auf Einteilungen nach dem Body Mass Index basieren. Bis zu einem Body Mass Index von 35 war statistisch eine geringere Sterberate festzustellen. Daraus kann mensch nicht ablesen wie es sich für ein Individuum verhält, da der Body Mass Index hier keine Aussage treffen kann.

DIE ARBEITSGEMEINSCHAFT DICKE WEIBER STELLT SICH IN EINEM INTERVIEW VOR:

Wie ist die Arbeitsgemeinschaft entstanden, seit wann gibt es sie und was sind die Ideen dahinter?

Die ARGE Dicke Weiber ist 2009 aus der Notwendigkeit heraus entstanden, der zunehmenden gesellschaftlichen Diskriminierung dicker Frauen entgegenzutreten. Tatsache ist nämlich, dass Schönheitsidealpropaganda,  Gesundheitsvorschriften, Abnehmcamps, Magenband-Operationen und die Normierung des Alltags das Leben von und mit dicken Frauen massiv beeinträchtigen und das Selbstwertgefühl aller Frauen und Mädchen tiefgreifend zerstört. Der erste Schritt, um diesen lebensbedrohlichen Schlankheitsterror zu beenden ist, mit unserem Körper Frieden zu schließen und radikale Selbstliebe zu praktizieren – ohne Wenn und Aber.

Was bietet ihr an und wer ist bei euch willkommen? Habt ihr offene Treffen?

Neben unserem Gruppentreffen jeden zweiten und vierten Freitag des Monats im autonomen FrauenLesbenMädchen-Zentrum Wien, bei dem wir uns über persönliche Erfahrungen austauschen, uns gegenseitig stärken und uns politisch mit dem Thema auseinandersetzen, laden wir immer wieder zu gemeinsamen Aktivitäten wie Baden gehen, Tanzen, Restaurantbesuche oder Filmabende. Darüber hinaus machen wir Aktionen, schreiben Texte, sammeln positives Bildmaterial und vieles mehr. Bei unserer selbst organisierten D.I.Y. Initiative ist jede dicke Frau herzlich willkommen!

Was würdet ihr euch wünschen, dass sich im Alltag für dicke Menschen ändern sollte?

Wir fordern ein Umdenken der Medien und Öffentlichkeit; das Einbeziehen der Bedürfnisse dicker Menschen bei der Planung und Gestaltung gesellschaftlicher Lebensbedingungen (z.B. größenvariables Mobiliar in allen öffentlichen Einrichtungen) und einen sofortigen Produktions- und Verkaufsstopp aller Mittel zur Gewichtsreduktion, dazu zählen auch jegliche medizinische Operationen und ärztlich verordnete Diätferien insbesondere für Kinder. Dicksein sollte eine Selbstverständlichkeit sein, der die Gesellschaft und wir selbst ohne jegliche Beurteilung und Abwertung begegnen.

Gibt es Kritik und Widerstand der ARGE gegenüber und falls ja, wie geht ihr damit um?

Die Dickenbewegung ist allgemein massiver Kritik ausgesetzt. Vorwürfe wie »wir würden einen ungesunden Lebensstil propagieren«, »das wäre einfach eine faule Ausrede, um nichts an unserem Körper ändern zu müssen« oder »wir würden uns selbst belügen« sind keine Seltenheit. Dies zeigt sich in Kommentaren, Emails oder persönlichen Konfrontationen. Schaut eine aber nur ein bisschen hinter diese Kritik, insbesondere die aus dem Gesundheitsbereich, kann sie sehr schnell erkennen, dass es da so gut wie nie um das Wohlergehen von dicken Frauen geht, sondern nur um Hass, Angst, Profit oder den Zwang funktionieren zu müssen. Würde es tatsächlich um Gesundheit gehen, müssten nämlich zuallererst Missstände wie Armut, Arbeitskräfteausbeutung, Krieg, Gewalt, Umweltzerstörung und Gentechnik gestoppt werden. Unsere Erfahrungen zeigen ganz klar, dass es jeder Frau besser geht, sobald sie anfängt ihren Körper so zu lieben, wie er ist.

Was sind eure Pläne für die nähere Zukunft? Habt ihr bald eine Veranstaltung?

Am 6. Mai ist der Internationale Anti-Diät-Tag. Vermutlich werden wir rund um dieses Datum eine Aktion oder Veranstaltung machen. Genauere Infos gibt es rechtzeitig entweder auf unserem Weblog oder über unseren Emailverteiler.

Ein Gedanke zu “Dicke leben länger

  1. An den Folgen meiner letzten Abmagerungskur leide ich heute noch, nach fünfzehn Jahren. Ich bin seither nie wieder ganz zu Kräften gekommen. Selbstverständlich waren meine Abmagerungskuren unfreiwillig, alle waren ein Nachgeben gegenüber dem ständig auf mich ausgeübten Druck, der heute schon weltweit auf die mehr oder weniger Dicken ausgeübt wird. Wo ist die Anti-Rassismus-Bewegung, die einen vor diesem Entweder-du-hungerst-und-betreibst-Sport-wie-verrückt-oder-du-bist-ein-Schädling-der-Menschheit-Standpunkt schützt? Ich will leistungsfähig sein und leistungsfähig kann ich nicht bei ständigem Hunger und auch nicht bei einem überfordernden Ausmaß an Sport sein. Nie habe ich eine Abnehm-Organisation gefunden, die ihr Verprechen, das Abnehmen ginge bei ihr ganz einfach, eingehalten hat.

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