Anmerkungen zum aktuellen Adipositas-Bericht des Wiener Programmes für Frauengesundheit

Quelle: „Wiener Programm für Frauengesundheit“

Quelle: „Wiener Programm für Frauengesundheit“

geschrieben von Anita Drexler

Das Wiener Programm für Frauengesundheit, gefördert durch die Stadt Wien ist eigentlich eine gute Sache. Seit dem Jahr 1998 nimmt man sich dort frauenspezifischer Gesundheitsthemen von Brustkrebs bis hin zum Umgang mit Gewalterfahrungen an und setzt sich sowohl mit der wissenschaftlichen Erschließung als auch der Wissensvermittlung in diesem Kontext auseinander. In der Vergangenheit sind mir die dort veröffentlichten Materialien durch eine analytische Herangehensweise und einen weitgehend ausgewogenen Umgangston positiv aufgefallen. Einen Grund mehr, einen Blick auf den aktuellen Adipositas-Bericht zu werfen der im Jänner 2016 veröffentlicht wurde.

Der gut 70-Seitige Bericht umreißt Probleme und Ursachen von „ Adipositas und Essstörungen“. Kernpunkt sind sicher die „ 7Handungsempfehlungen“, die von „Ernährungswissen vermitteln“, über die  „Sensibilisierung für Werbung und Medien“ bis hin zu„Stigmatisierung und Diskriminierung unterbinden“ reichen. Begleitet wird das Ganze durch eine Analyse verschiedener Problemquellen wie sozioökonomische Veränderungen, Medienrezeption oder gesundheitspolitische Gesichtspunkte. Dabei steuerten mehrere Autor*innen, meist Wissenschaftler*innen oder Ärzt*innen Beiträge zu den verschiedenen Aspekten bei, wodurch sich beim aufmerksamen Lesen aber auch Widersprüche in den Aussagen mancher Texte herausformten.

So wurde z.B. in einem Aufsatz endlich ein Punkt angesprochen, den ich in vorangegangenen Projekten des Herausgebers vermisst hatte, nämlich die wichtige Feststellung, dass es sich bei Adipositas nicht per se um eine Essstörung handelt, andererseits wird Adipositas in anderen Beiträgen weitgehend synonym mit einer Essstörung behandelt.

An anderer Stelle wurde thematisiert, dass Selbstakzeptanz und Akzeptanz von Körpervielfalt gefördert werden sollen, gleichzeitig wurde jedoch immer wieder sensibel darauf hingewiesen, dass man doch besser schlank oder „normalgewichtig“ sein sollte um sich wohl zu fühlen und nicht ausgegrenzt zu werden.

Diese Widersprüche sind aber vermutlich weniger einer Nachlässigkeit in der Ausführung, als der starken Ambitioniertheit des Projektes geschuldet. Der Adipositas-Bericht (der sich ja nicht bloß mit der sogenannten „Übergewichtsproblematik“ auseinandersetzt, sondern mit  „Essstörungen“ ganz allgemein ) umfasst ein weitverzweigtes und komplexes Themengebiet das man in  komprimierter Form darstellen wollte. Man war um Expert*innenmeinungen bemüht, wollte sprachsensibel sein, war sich jedoch inhaltlich nicht immer ganz sicher, wohin man wollte.

Quelle: gezeichnet von Malena Glück - Dick/Fett als Teil der Vielfalt und eigenes Kunstwerk

Quelle: gezeichnet von Malena Glück – Dick/Fett als Teil der Vielfalt und eigenes Kunstwerk

Als staatlich gefördertes Projekt stand natürlich die „Verbesserung der Volksgesundheit“ im weitesten Sinn im Mittelpunkt – das merkt man dem Bericht an. Dass man es nicht unterstützen sollte, von der als „gesund“ angesehenen Norm abweichende Körper automatisch mit gesteigerter Krankheitsgefährdung oder ungesundem Lebensstil zu assoziieren, wäre allerdings etwas, das die Herausgeber*innen noch zu berücksichtigen lernen sollten.

Trotzdem fand ich den Bericht unterm Strich informativ und gut gemacht. Abgesehen davon, dass er grafisch sehr ansprechend und übersichtlich aufbereitet war, halte ich darin aufgestellte Forderungen etwa nach „Entwicklung eines „Adipositas- und Körperbild-Antidiskriminierungskodex“ oder nach der „Ermöglichung des Zugangs zu leistbaren und qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln“ wichtige Forderungen, die auch abgesehen von dem Themenfeld der Essstörung begrüßenswert sind.

Eine Leseempfehlung für alle, die auf dem Laufenden bleiben möchten, was eventuelle Tendenzen in der Gesundheitspolitik der Stadt Wien angeht.

Den vollständigen Bericht kann man hier einsehen:
http://www.frauengesundheit-wien.at/download_website/broschueren_publikationen/Essstoerung/index.html

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