ONLY Carmakoma: Ein ernüchternder erster Blick auf die neue Kollektion

Sie haben es also getan. Das Designerteam Weiss &Lykke, das letztes Jahr die Rechte an seinem Label „Carmakoma“ an die Bestseller-Gruppe abgetreten hatte, veröffentlichte vor ein paar Tagen seine erste Kollektion.

Ein Blick auf die Website und schnell wird klar: Freund_innen der alten Linie werden bitter enttäuscht sein von der neuen Handschrift der Modemarke. Insgesamt wirkt die Kollektion zusammengestückelt und nicht wie aus einem Guss. Teilweise lässt sich zwar im Design noch die Carmakoma-Handschrift erkennen, aber die Veränderungen gerade hinsichtlich der Stoffqualität und der Prints hat sehr ins Negative umgeschlagen. In der Vergangenheit war Carmakoma immer ein Brückenschlag gelungen zwischen exzellentem zeitgenössisch-urbanem Design, interessanten Stoffen und einer Verarbeitungsqualität, die zwar nicht erster Güte, aber dennoch ordentlich war. Die derzeitige Kollektion erfüllt diesen Anspruch nicht. Bei mehr als einem Stück drängte sich der Gedanke auf, dass man es durch Verwendung eines hochwertigeren Stoffes oder besser designter Prints hätte retten können; hier hat man sich aber für höhere Margen und gegen Qualität entschieden.

Carmakoma Hose Alt

Ein Klassiker in den Kollektionen von Carmakoma alt: Hose mit Joggingbund.

Carmakoma Hose neu

Die Hose mit Joggingbund aus der neuen Kollektion von ONLY Carmakoma.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was die angebotenen Konfektionsgrößen angeht, bewegt sich ONLY Carmakoma zwischen den Größen 44 und 54 bzw. S-XL, wobei nicht klar ist, ob das alte alternative Carmakoma Größensystem angewandt wurde oder es sich um Standardgrößen handelt. Wie auch immer das gehandhabt wurde, ist das dennoch eine Verschlechterung, hatte doch Carmakoma alt Kleidung in den Größen von 38/40-54, beziehungsweise XXS-XL im Angebot.

Zwar gestalten sich die Preise der einzelnen Stücke nun erschwinglicher, ein Teil kostet im Schnitt 40-50 Euro, aber man muss sich schon die Frage stellen, ob es das Wert war. Auch die Reaktionen auf Facebook ließen nicht lange auf sich warten :

Wait just a minute!! Carmakoma is known for being cutting edge, hip, cool, trendy and uniquely individual. That’s what made this brand a step ahead of their plus size counterparts. So WTF is this? Was this designed by blind pensioners? What we have now is dowdy, dull, unfashionable and mumsy!! This line does not represent the origins of Carmakoma what-so-ever!!

Oder in den Worten einer anderen (Ex-) Kundin, die diplomatischer formuliert:

I was shocked to see how the ONLY Carmakoma clothes look like. I really loved the style and quality of Carmakoma fashion – but this has completely nothing to do with it. It does not look bad per se but it´s a shame to call it „Carmakoma“. It looks like everything else…

Die Abtretung der Namensrechte an einen Großkonzern geht fast immer damit einher, dass man Rechte aus der Hand gibt und Zugeständnisse machen muss, aber was hier passiert ist, kann einem Label mit einem (ehemals) ausgezeichneten Ruf wie Carmakoma nur abträglich sein. ONLY Carmakoma reagiert auf die überwältigend negative Kritik derweil eher gelassen mit 08/15-Marketing-Sprüchen:

[…]ONLY CARMAKOMA is fast fashion and our collections are inspired by the current trends and colours dominating the seasons. Our aim is to develop strong fashion collections to all our fabulous curvy customers with items for both casual and formal wear along with key signature styles. This is just the beginning, and through the next 6 months our portfolio will develop into an abundance of fashion styles celebrating diversity starting with Copenhagen Fashion Week. Stay tuned and keep following our journey! There is so much more coming up!

[…]

Blöd nur, dass das hier fast wie eine Drohung klingt…

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Modelabel X-Two schließt seinen Online-Shop

Das niederländische Plus-Size-Label „X-Two“ hat auf seiner Website bekannt gegeben, seinen Online-Verkauf auslaufen zu lassen.

Bis zum 31.01.2018 kann man noch über den Online-Shop ordern, danach wird der Verkauf eingestellt. Ob die Modelinie über den Vertrieb durch physische Geschäfte weiterbestehen sollen, ist noch offen. Auch zur Weiterführung des Schwestern-Labels „Yesta“ wurde nichts verlautbart.

X-Two ist besonders für seine sehr guten Basics und das gute Preis/Leistungsverhältnis bekannt. Der Hersteller ist auf große Größen spezialisiert und bietet Mode in den Konfektionsgrößen 46-60 an. Derzeit gilt ein -60%-Rabatt auf alle Artikel im Online-Shop. Wer noch ein paar Schnäppchen machen möchte, sollte sich also beeilen!

 

 

Feministischer Filmabend: Patti Cake$ – Queen of Rap

Wir gehen ins Kino und wollen euch dabei haben!

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Der Film „Patti Cake$ – Queen of Rap“ hat mit einer ungewöhnlichen Hauptfigur (gespielt von Danielle Macdonald) , einer interessanten Rahmenhandung (weiß, fett, arm und weiblich will Star am Rap-Himmel werden) und gemischten Kritiken (IMDB 6,5/10, Rotten Tomatoes 83% , MetaCritic 67) unsere Neugierde geweckt.

Daher möchten wir uns den Film gemeinsam anschauen und würden uns freuen, wenn die* eine oder andere sich uns anschließt. Im Anschluss zum Film werden wir ihn bei einem warmen Kakao oder einem kalten Bier gemeinsam diskutieren.

Wann: 16.11.2017 (Donnerstag) um 20:00 Uhr

Wo: Gartenbaukino, Parkring 12, 1010 Wien

Treffpunkt ist um 19:30 Uhr beim Kinoeingang.

Zwecks Sitzplatzreservierung bitten wir um eine Voranmeldung via Mail bis zum 14.11.2017 unter argedickeweiber@gmx.net. Wenn es euch egal ist, wo ihr sitzt, könnt ihr gerne auch spontan zu uns stoßen.

Den offiziellen Trailer zum Film findet ihr hier.

 

VERANSTALTUNGSTIPPS NOVEMBER: Kleiderkauftauschparty, Body-Love-Workshop und Plus-Size-Bride Salon

Lieber Leser_innen,

diesen November finden in Wien gleich drei Veranstaltungen statt, die für euch interessant sein könnten.

Los geht’s am Mi. den 08.11.2017  mit dem Curvect Bride Salon, Österreichs erstem Event speziell für Plus-Size-Brautmoden. Veranstaltet wird das Event von Bobby Herrmann-Thurner und Edita Rosenrot, Beginn ist um 18:30 Uhr.

Am Fr. den 17.11.2017 findet eine von Veronika Merklein und Sara Ablinger veranstaltete Kleiderkauftauschparty für Kleidungsstücke ab Größe 48 statt. Beginn ist um 17:00 Uhr, Infos zur Voranmedung findet ihr im beigefügten Flyer.

Last but not Least veranstaltet die großartige Sara Ablinger am So. den 19.11.2017 einen ihrer empfehlenswerten Body Love Workshops. Genauere Infos findet Ihr auf dem Flyer und auf ihrer Website.

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Ideale wählen: Das Wahlprogramm der KPÖ PLUS

geschrieben von Anita Drexler

 

Wahlprogramme-KPÖ-COVER

 

 

Gleich eingangs überrascht die KPÖ PLUS mit einem im Vergleich zu anderen Kleinparteien relativ ausführlichen und ausformulierten Parteiprogramm. Auf 17 Seiten ohne Fotos erläutert sie ihre Standpunkte; zu unserer Freude waren sowohl Frauen*- als auch Behinderten-, LGBTIQA- und, wenn auch implizit, Körperpolitik darunter vertreten.

Als Beispiel für Letzteres sei die folgende Passage aus dem Wahlprogramm angeführt:

 

 

 

Viele Menschen finden aufgrund ihres Namens oder ihres Aussehens keine Anstellung. Sie werden im Bus, beim Einkaufen oder beim Ausgehen Opfer von Beschimpfungen und Gewalt. Sie werden in ihrer Freiheit durch zahlreiche Barrieren eingeschränkt. Oft wird in Krisenzeiten die Spaltung unserer Gesellschaft vorangetrieben und werden Menschen gegeneinander ausgespielt.

KPÖ PLUS kämpft für eine Gesellschaft, in der sich alle Menschen in ihrer Vielfalt und Individualität frei entfalten können. Daher treten wir gegen jede Form der Menschenfeindlichkeit und Ausgrenzung auf.“

Anhand dieses Auszuges erkennt man gut, wie sehr Diskriminierungserfahrungen ineinander verschränkt sein können. Auch wenn dieses Thema selten in den öffentlichen Diskurs gelangt, bleibt es eine Tatsache, dass dicke und fette Menschen aufgrund ihres Äußeren häufig Zielscheibe von Anfeindungen und Benachteiligung werden. Sei es im Berufsleben, im medizinischen Bereich oder im öffentlichen Raum. Damit unterscheiden wir uns nicht von Menschen, die in den Augen der Mehrheitsgesellschaft „die falsche Hautfarbe“, „die falsche sexuelle Identität“ oder „den falschen Namen“ haben. Wir haben eben – und hier gibt es Überschneidungen zur Behindertenpolitik – „den falschen Körper“. Insofern können die von der KPÖ angeführten Argumente durchaus auch auf die Körperpolitik umgelegt werden.

Will man sich ein Bild der Maßnahmen machen, die den Bereich der Körperpolitik berühren, kommt man gleich ganz tief in die Behindertenpolitik hinein. Da möchte man unter anderem:

  • Aktionsprogramme gegen Rassismus, Antisemitismus, Minderheitenfeindlichkeit und andere menschenfeindliche Haltungen in allen gesellschaftlichen Bereichen

 

  • Höheres Tempo bei der Herstellung baulicher Barrierefreiheit

 

  • Ausbau der Freizeitassistenz, Ermöglichung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Menschen mit Beeinträchtigung

 

  • Ein Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz, das einklagbare Rechte einschließt

 

  • Senkung der Einstiegshürde für Pflegegeld und jährliche Valorisierung

Es gibt unter diesem Punkt also einige interessante Forderungen, wenngleich man sich konkretere Vorschläge besonders an der Schnittstelle Behinderung/Arbeit wünschen würde.

Bei der LGBTIQA-Politik setzt die KPÖ PLUS auf ein klares Bekenntnis zu Diskriminierungsschutz beispielsweise in den Bereichen Wohnen und Ehe für alle. Zusätzlich fordert man ein Ende der Förderung von Vereinen, die sich nicht von Minderheitenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus, Homophobie und antidemokratischen Haltungen distanzieren wollen.

Klang das alles schon ganz gut, freut man sich über die Frauen*politik fast noch mehr. Diese scheint ein Kernanliegen der KPÖ zu sein, was man auch daran bemerkt, dass ihr, neben ihrer Präsenz in anderen Themenbereichen zusätzlich noch ein eigener Unterpunkt gewidmet wurde. Die Einleitung dazu liest sich so gut, dass ich sie ungekürzt hier anführen möchte:

Viele Frauen verdienen in Österreich weniger als ihre männlichen Kollegen, sie haben schlechtere Aufstiegschancen und leisten den überwiegenden Teil der unbezahlten Arbeit. Immer noch müssen Frauen sowohl Arbeit als auch Kindererziehung übernehmen. Teilzeitjobs und unsichere Arbeitsverhältnisse verschlimmern die Altersarmut und machen Frauen von Sozialleistungen sowie vom Partner abhängig. Alle Menschen werden durch veraltete Geschlechterrollen in ihrer Selbstbestimmung und ihrer Sexualität eingeschränkt. KPÖ PLUS engagiert sich für sofortige Gleichberechtigung und die freie Entfaltung aller, unabhängig von Geschlecht oder sexueller Orientierung. Unbezahlte Haushalts- und Erziehungsarbeit muss geschlechtergerecht aufgeteilt werden. Ein eigenständiges Leben muss für Frauen in jedem Alter möglich sein. Frauenförderungs- und Diversitätsprogramme sollen in allen Bereichen der Gesellschaft durchgeführt werden. Menschen müssen sich frei von geschlechtlichen Zuschreibungen und Orientierungen gleichberechtigt und selbstbestimmt begegnen können. Gleichberechtigung darf kein Lippenbekenntnis sein!“

Wer weiterliest, stößt auf eine wahre Wunschliste an progressiven Forderungen, die das Potenzial hätten, das Leben von Frauen* zu verbessern. Darunter etwa:

  • Sicherung des eigenständigen Lebens für Frauen in jedem Alter

 

  • Ausbau und finanzielle Absicherung von Frauen- und Mädcheneinrichtungen – Frauenhäuser stärken, nicht schwächen

 

  • Verbesserung und Ausbau des Aufklärungsunterrichts in den Schulen

 

  • Frauenförderungs- und Diversitätsprogramme auf allen Ebenen der Gesellschaft

 

  • 50-prozentige Frauenquote in Vorständen, Aufsichtsräten und im öffentlichen Dienst

 

  • Einführung von geschlechtergerechter Budgetgestaltung (Gender Budgeting) im öffentlichen Bereich

 

  • Recht auf Selbstbestimmung, Abtreibung raus aus dem Strafrecht

 

  • Gratis-Verhütungsmittel für alle

Nicht in der Liste enthalten, aber an anderer Stelle in diesem Wahlprogramm Erwähnung finden etwa die intendierte Förderung der Gendermedizin, die Reduzierung von Teilzeitarbeit und Implementierung eines gesetzlichen Anspruches auf Vollzeitstellen bei gleichzeitiger Forderung einer 30-Stunden-Woche, Maßnahmen zur verstärkten Unterstützung von EPUs sowie die Eindämmung der Leiharbeit und ein Recht auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem sechsten Monat.

Beim Lesen des Programmes wird klar: Ob einem die Idee gefällt oder nicht – die KPÖ bietet derzeit, gemeinsam mit den Grünen, die besten Angebote für Wähler_innen im linken Spektrum sowie für Frauen* ganz allgemein.

Wahlprogramme-KPÖ-Gleichstellung

Dabei findet sich nur ein Nachteil: Das Programm der KPÖ liest sich ein bisschen wie ein Wunschzettel ans Christkind. Man will alles, was gut ist, ohne konkrete Vorschläge zu liefern, wie die entsprechende Maßnahme finanzierbar wäre oder welche Negativkonsequenzen der jeweilige Schritt nach sich ziehen würde. Fordert man z.B. den „Gender-Pay-Gap-Day als arbeitsfreien Tag für Frauen, bis gleicher Lohn für gleiche Arbeit durchgesetzt ist“, so ist das eine sehr schöne und in der Theorie auch begrüßenswerte Idee. Bei Umsetzung würde sie allerdings das Leben von Frauen* im Arbeitsmarkt weiter erschweren, da ein zusätzlicher Urlaubstag natürlich eine größere Hürde bei Einstellungen bedeuten würde.

Auch der Vorschlag „über den Kapitalismus reden“ zu müssen wird bei dem_der einen oder anderen vielleicht sogar Anklang finden – umsetzbar ist er aber nicht. Man wird den Eindruck nicht los, dass die KPÖ PLUS es sich zu Strategie gemacht hat, alle Problembereiche dieser Gesellschaft in ihrem Programm abzudecken, um so vielleicht doch die nötigen Stimmen für den Einzug ins Parlament zu erreichen. Ein wirklich stimmiges System, die Vorschläge umzusetzen, bleibt sie dabei schuldig, wobei man hier fairerweise einwenden sollte, dass eine Kleinpartei, die es zum jetzigen Zeitpunkt maximal gerade so ins Parlament schaffen kann, das auch nicht leisten muss. Rein inhaltlich bietet dieses Wahlprogramm auch so mehr, als die Programme der sonstigen kleinen und manch einer großen Partei.

Bleibt als Fazit: Die KPÖ PLUS präsentiert sich als Alternative für all jene, denen die Grünen zu bürgerlich, die Liste Pilz zu unberechenbar (bzw. zu dickenfeindlich) und die SPÖ zu unehrlich ist. Unterm Strich bleibt ein bisschen das Gefühl von „Leider geil“. Klar sind einige der vorgestellten Maßnahmen in der Praxis schwer umsetzbar, aber andererseits deckt die KPÖ, nüchtern betrachtet, in höchstem Ausmaß jene Aspekte ab, die auch uns ein Anliegen sind. Vielleicht würde ja ein bisschen mehr Idealismus auch unserem Nationalrat gut tun.

Das komplette Wahlprogramm der KPÖ PLUS kann man hier nachlesen.

 

Die zwei ohne: Was G!LT und die Liste Peter Pilz verbindet

geschrieben von Anita Drexler

 

Was Roland Düringers selbsternanntes Kunstprojekt „G!LT“ mit der „Liste Peter Pilz“ verbindet ist, dass beide Gruppierungen ohne ein Wahlprogramm auskommen. Aus diesem Grund ist es schwierig, einen Artikel über die jeweiligen Positionen zu uns wichtigen Themen zu verfassen, weil wir als Orientierungspunkte keine, zumindest halbwegs verbindlichen, Grundsatzentscheidungen, sondern nur die auf den Websites der Listen vorgestellten Einzelmeinungen der Mandatar_innen vorliegen haben.

Auf der Website von G!LT stellen sich die Kandidat_innen anhand eines kurzen Steckbriefes sowie der Beantwortung der folgenden Fragen vor:

„Was läuft falsch in der Politik?“

„Hobbies?“   

„Haustier oder Familie?“

Klarerweise kann man auf eine solche Frage kaum eine aussagekräftige Antwort geben – was gewollt sein muss, möchte G!LT doch als Teil außerhalb des etablierten Systems verstanden werden, als „Bewegung“, die über den Umweg einer Liste im Nationalrat mehr direkte Demokratie in Österreich zu implementieren versucht. Wie das geht, wird auf der Website erklärt, konkrete Positionen sollen jedenfalls zu einem späteren Zeitpunkt durch Crowdsourcing erarbeitet werden.

Sieht man sich die Einzelstatements der 46 vorgestellten Kandidat_innen von an, fällt  jedenfalls jetzt schon auf, dass die Kernanliegen der ARGE, also Themen wie Körperpolitik, Feminismus oder Behindertenpolitik niemandem dort ein besonderes Anliegen zu sein scheinen. Insgesamt findet sich nur eine einzige Aussage, die Frauen*politik irgendwo anritzt:

„Die Differenz zwischen höchsten und niedrigsten Einkommen wird immer größer. Der Firmenchef verdient nicht mehr das 7-14fache der Reinigungskraft sondern das 100-fache und mehr. Das ist absolut nicht leistungsgerecht. Besonders Frauen mit Kindern müssen ein Vielfaches leisten wenn sie nicht unter die Armutsgrenze fallen wollen.“

Die meisten der Kandidat_innen geben auf ihrer jeweiligen Seite jedoch einfach ihre Motivation bei G!LT mitzumachen an. Das ist unisono eine mehr oder minder diffuse Abneigung gegen das derzeitige politische System. Nur einige wenige von ihnen versuchen tatsächlich, so etwas wie konkrete Anliegen ihrerseits anzuführen, allerdings müssen diese Ideen, schon ob der Natur der ihnen gestellten Fragen, vage und unausgegoren bleiben.

Geschlechtergerechte Sprache wird von einzelnen Kandidat_innen verwendet, in den allgemeinen  Texten der Website wird sie nicht benutzt.

Verlagern wir nun unseren Fokus hin zur Liste Peter Pilz.

Die Liste Peter Pilz verzichtet offiziell darauf, ein Wahlprogramm zu präsentieren, weil „ die Kandidat_innen die Programme sind“, was bedeutet, dass es keinen Klubzwang im Parlament geben soll. Das dürfte auch, wenn man sich die Statements der Kandidat_innnen auf der Website durchliest, für viele die Hauptmotivation gewesen sein, sich überhaupt für diese Bewegung aufstellen zu lassen.

Wie schon bei G!LT, bekommt auf der Website der Liste Peter Pilz jede_r potentiell_e Mandatar_in die Gelegenheit, sich selbst und die eigenen Kernprojekte kurz vorzustellen. Anders als bei Düringers Liste herrscht hier ein professionellerer Grundton; die Kandidat_innen haben meist 1-4 Kernanliegen, mit denen sie entweder ihr bisheriger Berufsweg oder jahrelange aktivistische Arbeit verbindet und die sie innerhalb der Liste vertreten möchten. Diese Punkte werden dann in einem kurzen Essay vorgestellt.

Auffällig ist dabei, dass sich die einzelnen Positionen durchaus gelegentlich widersprechen können  (z.B. bei der Frage Kinderbetreuung oder Gewerberecht), dass durchgehend auf Wording und geschlechtergerechte Sprache geachtet wird und dass es eine große Bandbreite an vertretenen Themen gibt. So werden von der Liste Peter Pilz sowohl Positionen zu Frauen*-, Behinderten-, und Körperpolitik  als auch zu LGBTIQA-Rechten abgedeckt.

Darunter lässt sich eine große Menge an vernünftigen und teils wirklich konkreten Forderungen finden, wie beispielsweise die Prävention häuslicher Gewalt, Einführung einer Pflegeversicherung und Valorisierung des Pflegegeldes, Aufhebung des Blutspendeverbots für nicht-heterosexuelle Männer, Bekämpfung der Diskriminierung von LGBTIQA-Personen in den Bereichen Arbeitsplatz/Wohnungssuche/ Adoptionsrecht oder die Stärkung von KPUs.

So sehr die Positionen der Kandidat_innen ohne vorgegebene gemeinsame Linie auch mit Vorsicht zu genießen sind, lesen sie sich eigentlich ganz gut. Dachte ich, bis ich hinsichtlich des Themenbereiches „Körperpolitik“ – die Liste Peter Pilz ist bisher übrigens die einzige Partei, die sich dieses Themas gezielt angenommen hat, einem Wust an dicken- und krankenfeindlichen Aussagen begegnen musste.

Da findet man auf der Seite der Kandidatin Gabriele Jarisch, die sich dem Cluster „Gesundheit & Fitness, Pflege, Bildung“ verschrieben hat, tatsächlich Folgendes zu lesen:

  • Rückenschmerzen stellen mittlerweile ein volkswirtschaftliches Problem dar, denn sie sind der häufigste Grund für Abwesenheit vom Arbeitsplatz der 45-jährigen. Der Ernährungs- und Alterszustand unserer Bevölkerung sowie Immobilitsation sind die 3 Hauptproblemfelder der Bewegungsmedizin und somit Auslöser dieser Volkskrankheit. Hier sind Präventivmaßnahmen in Form von Bewegungsprogrammen von dringender Notwendigkeit. Die demographische Entwicklung zeigt, dass wir immer älter werden. Es geht um die Bewahrung eines selbständigen, unabhängigen Lebens im Alter. Daher sind auch hier rechtzeitig Präventivmaßnahmen zu setzen. Ein chronisch kranker Senior verursacht 7-fach höhere Kosten als ein gesunder Senior.

 

  • Die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung muss gestärkt werden. Gesundheitserziehung in Bildungseinrichtungen ist notwendig. Die jungen Menschen müssen wissen, warum sie selbst etwas für den Erhalt ihrer Gesundheit tun müssen, warum Vorbeugen besser als Heilen ist, warum Bewegung im Kindesalter Osteoporose im Alter vorbeugt, warum die gesunde Jause wichtig und was darunter zu verstehen ist. Der österreichische Ernährungsbericht zeigt, dass 24% der Pflichtschülerinnen und Schüler übergewichtig oder adipös sind. Übergewicht kann zu Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes (mit einhergehender Erblindung), Tumorerkrankungen etc. führen. Jeder Einzelne von uns soll wissen, wie er/sie gesundheit leben kann.

Geht es nach Frau Jarisch, sind chronisch Kranke vorallem ein unerwünschtes Kostenproblem,  Dicke meistens krank und wer sich nicht gesund ernährt, ist schlichtweg ungebildet. Ihre Gegenmaßnahmen sind Bildung und Bewegungs“programme“, damit es nur ja keine Kranken und keine Dicken mehr gibt.

Diese Aussagen sind an so vielen Stellen haarsträubend, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll, dagegen zu argumentieren.

Zuerst einmal: Die meisten Menschen hierzulande wissen, wie man sich gesund ernährt. So wie man weiß, dass Alkohol ein Gift ist, ist allgemein bekannt, dass beispielsweise Zucker nur in Maßen genossen werden sollte und Gemüse gut für den Körper ist. Auch, dass „Prävention besser als Heilung“ ist, ist ein solcher No-Brainer. Hier mit einer Bildungsoffensive operieren zu wollen, ist sinnlos. Lieber sollte man sich darauf konzentrieren, abwechslungsreiches und gesundes Essen für jede_n erschwinglich zu machen.

Als Nächstes sei gesagt: Wie man sich ernähren möchte, fällt in den Bereich der Eigenverantwortung. So wie es Menschen gibt, die sich gesund ernähren wollen, gibt es auch solche, die das für sich ablehnen. Beide Zugänge zur Ernährung gehören respektiert, denn die Hoheit über den eigenen Körper sollte jeder Mensch selbst innehaben. Daher sollte der Staat auch keine Maßnahmen wie verpflichtende Bewegungseinheiten (z.B. an Schulen) setzen dürfen, denn auch hier gilt das Prinzip der individuellen Wahlfreiheit.

Wer nun, wie im Essay von Frau Jarisch, das Kostenargument anführt, dem sei mitgegeben: Menschen als Kostenproblem zu charakterisieren ist zynisch undoffen gesagt widerlich. Jede_r wird im Laufe eines mehr oder weniger langen Lebens der Gesellschaft Geld kosten, denn Krankheit und Tod gehören einfach zu unserem Dasein. Egal, aus welchen Gründen. Oder überspitzt ausgedrückt: Die Dicken zahlen die Sportunfälle für die Sportler_innen mit, und die Sportler_innen das Insulin für die Diabetiker_innen. Man unterstützt einander, damit möglichst jede_r das Leben führen kann, dass er_sie möchte. Das ist das Herz einer Solidargemeinschaft und sollte nicht ausgehöhlt werden.

Gerade auf der Website einer „linken“ Partei (wenn auch einer selbsternannten „rechtslinken“) würde man sich mehr Sensibilität bezogen auf die Aspekte einer vielfältigen Gesellschaft erwarten.

Damit wollen wir zum Ende dieser kurzen Analyse des Angebotes von G!LT und der Liste Peter Pilz kommen.

Ein Fazit kann man aufgrund der fehlenden Wahlprogramme hier eigentlich kaum geben. Vielleicht aber den Tipp, sich, wenn man vorhat, einer der beiden Listen seine Stimme zu geben, die Einzelpositionen der Kandidat_innen wirklich genau durchzulesen. Das vermeidet unangenehme Überraschungen.

„Die Flügel heben“: Ein Blick auf NEO-liberale Skizzen eines Wahlprogrammes

geschrieben von Anita Drexler

 

 

Wahlprogramme-NEOS Cover

Gleich eingangs sei erwähnt: Das Programm der NEOS will sich nicht als schnödes „Wahlprogramm“ verstehen, sondern als „Manifest“. Dementsprechend findet man in der 18-seitigen Broschüre auch nur lose zusammenhängende Grundzüge von Ideen, eingebettet in viele schöne Bilder.

Was die von uns unter die Lupe genommenen Themenkreise anbelangt, so hat man erstaunlich schnell alles durchgebracht.

Körperpolitik an sich kommt, genau wie Behindertenpolitik, nicht vor in diesem „Manifest“. Wie bedauerlich und falsch das ist, darauf muss man keine unnötigen Worte verschwenden.

LGBTIQA-Themen finden dafür an zwei Stellen Erwähnung, einmal wenn es heißt:

Wir werden dafür sorgen, dass auch gleichgeschlechtlichen Paaren der Weg zur Ehe am Standesamt offensteht. Wer sich binden, füreinander Verantwortung tragen und dieser Liebe Ausdruck verleihen will, ist gleich vor dem Gesetz.“

Und ein weiteres Mal:

Wir wollen eine offene Gesellschaft, in der wir einen wertschätzenden Umgang miteinander pflegen und treten gegen jede Form der Diskriminierung auf. Wir glauben an gleiche Rechte und Pflichten für alle, egal welche Religion, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sie haben. Der Rahmen unseres Handelns ist die Rechtsstaatlichkeit.“

Inwiefern diese „Gleichheit vor dem Gesetz“ über die Möglichkeit der standesamtlichen Eheschließung hinausgeht und wo ihre Grenzen liegen, bleibt allerdings offen.

Dennoch muss man festhalten: So vage die Zugeständnisse der NEOS auch sein mögen, negieren sie, anders als manche Partei, nicht die Existenz von LGBTIQA-Personen, sondern bekennen sich, wenn auch in einer amorphen Art und Weise, zu einer in dieser Hinsicht vielfältigen Gesellschaft. Das ist wichtig und richtig.

NEOSFLÜGEL

Kommen wir zu einem Themencluster, der üblicherweise recht breit gefächert in Erscheinung tritt: der Frauen*politik.

Hier fällt vor allem eines auf: Obwohl im Programm sprachlich durchgehend gegendert wird, wirken viele Ideen der NEOS so, als würden sie, wenn erst umgesetzt, für die Situation von Frauen* in diesem Land eher eine Verschlechterung als eine Verbesserung bedeuten.

Nehmen wir als ein Beispiel die Forderung der Abschaffung der „Zwangsmitgliedschaft in Wirtschafts- und Arbeiterkammer“. Auf den ersten Blick klingt das so, als würde man endlich wieder „mehr haben von seinem Geld“. Denn: Gar so gering sind die Kammerumlagen nicht. Was man aber nicht vergessen darf, ist, dass gerade eine Schwächung der Arbeiterkammer zur Folge hätte, dass diejenigen, die in Branchen beschäftigt sind, in denen die Gründung einer Gewerkschaft schwierig bis unmöglich ist, noch weniger Mittel hätten als jetzt schon, um sich gegen ungerechte Behandlung durch die Arbeitgeber_innenseite zu wehren. Betroffen wären in erster Linie geringer qualifizierte Jobs in Handel und Gastronomie, also Branchen, in denen in erster Linie Frauen* beschäftigt sind.

Wer anzweifelt, dass die Schwächung der Kammern problematisch werden könnte, der möge sich bitte an den Skandal um die Drogeriekette Müller erinnern, als eine Mitarbeiterin nach dem Versuch, eine Gewerkschaft im Betrieb zu etablieren, aus fadenscheinigen Gründen entlassen wurde.

Solche Mitarbeiter_innen sind es auch, die unter der, ebenfalls von den NEOS gewünschten, Flexibilisierung der Tagesarbeitszeiten zu leiden hätten, wenn die Idee für Menschen in qualifizierteren Positionen und besonders von Unternehmer_innenseite auch tatsächlich manchen Vorteil in sich bergen mag.

Darum schwant einem Böses, wenn man zudem auch noch liest:

Wir werden soziale Verantwortung für Menschen in Notsituationen übernehmen. Wir legen möglichst viele Sozialleistungen zu einem Bürger_innengeld zusammen und schaffen damit eine einheitliche und gerechte Lösung. Damit sich Erwerbstätigkeit immer lohnt, werden geringe Einkommen dem Bürger_innengeld nicht abgezogen, sondern stocken dieses teilweise auf.“

Auch, wenn es auf dem Papier gut klingen mag, handelt es sich letztendlich um eine Methode, Sozialleistungen zu kürzen. Erneut sind wieder Menschen betroffen, die entweder ein sehr niedriges Einkommen haben, also zumeist nicht bzw. nur eingeschränkt arbeiten können, wie z.B. Alleinerziehende besonders mit mehreren Kindern.

NEOSGIPFEL

Der einzig für Frauen*, aber eben nur für Mütter, nützliche Vorschlag aus dem gesamten NEOS-Wahlprogramm ist die Forderung nach einem Rechtsanspruch auf einen hochwertigen Kinderbetreuungsplatz ab dem zweiten Lebensjahr. Nur stellt sich hier in Anbetracht der sonstigen Vorschläge die Frage, ob sich diese Plätze dann beispielsweise auch eine geringverdienende Alleinerzieherin* wird leisten können.

Geht man einmal weg von den Inhalten zur optischen Aufbereitung, so muss man sagen, dass hier seitens der NEOS wirklich ganze Arbeit geleistet wurde. Das Layout ist luftig, die Fotos sind schön und wer die Texte verfasst hat, tat dies mit einem unglaublichen Sprachgefühl.

Gewieft auch, wie die Botschaften des „Manifests“ sich mit den gesprochenen Botschaften der NEOS-Vertreter_innen in diversen Mediendebatten zu einem stimmigen Bild zusammenfügen, wobei das auch lästig werden kann. Beispielsweise wenn sich allseits bekannte „Strolz-Klassiker“ wie „Kindern die Flügel heben“ oder „Schuldenrucksack“ laufend wiederholen, man aber im gesamten Wahlprogramm nicht eine im Detail ausgearbeitete Idee vorgelegt bekommt.

Was die gewählten Fotomotive angeht so findet man Gipfelstürmer, Wunderkinder und niemanden, der nicht aufgeweckt, entschlossen und erfolgreich wirkt. Körpervielfalt und Behinderung gibt es in der Welt der NEOS zwar nicht, aber wenigstens ethnische Vielfalt wird durch ein einziges Bild angedeutet.

NEOSVIELFALT

Als Fazit bleibt:

Die NEOS machen all jenen ein Angebot, die sich schon jetzt auf der Sonnenseite des Lebens wähnen – oder schnellstmöglich dort hin wollen. Menschen, denen die ÖVP in LGBTIQA-Fragen zu spießig ist, denen aber sonstige „linke“ Themen kein Anliegen sind, könnten mit dem, was geboten wird eventuell sogar zufrieden werden. Schön wäre es aber auch für sie gewesen, hätte man sich in diesem Wahlprogramm weniger auf Kommunikationsstrategien und mehr auf Inhalte konzentriert.

Das aktuelle NEOS-“Manifest“ findet ihr hier.