Nudeldicke Deern von Anke Gröner

Nudeldicke Deern „Free your mind and your fat ass will follow“ eine Rezension.

Nudeldicke Deern

Dieses Buch ist vielleicht kein Diätbuch, aber es geht hauptsächlich ums Essen. Anke Gröner beschreibt, wie sie als dicke, erfolgreiche Frau durch das Leben geht. Sie könnte ganz zufrieden mit sich sein. Die einzige Kleinigkeit, die sich immer wieder negativ in den Vordergrund drängt, ist ihr Dicksein. Nudeldicke Deern ist eine Erfolgsstory. Anke Gröners Erfolg für mehr Zufriedenheit wird nicht nur biografisch aufgearbeitet.

Im Großen und Ganzen ist das Buch in zwei Teile zu teilen. Bis Seite 121 geht es fast nur ums Essen. Genauer gesagt geht es darum, wie Anke Gröner zu ihrem heutigen für sie besseren Essverhalten gefunden hat. Der Rest des Buches deckt die zur Zeit im Internet vertretenen Diskurse über Körperakzeptanz, Dickenakzeptanz und verwandten Themen ab.

Nach unzähligen Diäten hat die Autorin den Traum dünn zu sein aufgegeben. Welche Diät hat sie noch nicht probiert? Halbherzig hat sie das Angebot der Foodcoachin Lu angenommen. Für Anke Gröner ein Glücksgriff durch den sie einen neuen Zugang zum Essen fand. So ein Foodcoaching ist ein bisschen wie ein 24 Stunden Koch-Ess-Einkauf-Lebensmittel-Trainingslager. Wie auf Systemneustart wird erst mal der Statusquo ermittelt. Was wurde bisher gekocht? Was gibt es im Haushalt? Wo wird eingekauft? Was wird gerne gegessen? Was würden man/frau gerne mal essen? Neue Rezepte werden probiert. Sogar eine ganz neue Einkaufskultur wird erschlossen. Plötzlich findet sich Anke Gröner am Markt wieder. Zwar kostet es mehr Zeit, aber schließlich gibt es dort die oft besseren Lebensmittel. Nebenbei stellt Anke fest, dass sie sogar gerne bummelt. Nebenbei auch die Weinkennerei erkundet. Dadurch kam neue Lust am Kochen auf bei Anke. Alleine das Aufspüren und Finden von Rezepten ist ein weiterer neu gefundener Zeitvertreib. Alles in allem hat das Coaching zu einem neuen Hobby geführt. Dadurch kommen frühere Freizeitbeschäftigungen ein bisschen kürzer. Nachdem Essen über Jahrzehnte hinweg Ankes Feind war, sind sie Freunde geworden.

Der zweite Teil bietet eine gute Zusammenfassung der Blogosphäre1 rund um die Themen Fat Acceptance, Health at every Size, Body Acceptance und verwandten Themen im Jahr 2011. Auch wenn es immer mehr deutschspachige Blogs in diesem Bereich gibt, so ist doch der Großteil auf Englisch.

Anke Gröner stellt die logischen Fragen. Wenn Diäten funktionieren würden, warum sind sie dann so ein Dauerbrenner? Wem nützen die Diäten wirklich? Was sind die Folgen von Diäten? Werden wir wirklich immer dicker?

Viele Dicke trauen sich fast gar nicht mehr zum Arzt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ÄrztInnen oft verkürzt in dick = krank denken. Dieser Missstand wird ganz klar angeprangert. Zum Glück gibt es auch Ausnahmen.

Der Punkt, bei dem man Dicksein als erstes merkt, ist wohl der Einkauf von Kleidung. Viele Geschäfte führen in ihrem regulären Sortiment maximal eine Größe 46, oft hört es auch schon bei 42 auf. So ungerecht das auch ist, bis dieser Missstand beseitigt wird, muss frau trotzdem etwas zum Anziehen finden. Nicht nur das, man muss sich vielleicht auch irgendwo orientieren. Im Internet (nicht mehr so sehr in Katalogen) kann man sich nicht nur die entsprechenden Größen bestellen, man kann sich auf diversen Fatshion (eine Kreation aus den Worten Fashion und Fat) Seiten von anderen dicken Menschen aller Gender inspirieren lassen. Im Kapitel „Über Kleidung“ verhilft Anke Gröner zur Selbsthilfe.

Gegen Ende des Buches kommt es auch noch zu richtigen Schockmomenten. Es wird beschrieben wie sich Körperkultur und -wahrnehmung der dominanten, westlichen, weißen Bevölkerung seit Einführung der Fotografie verändert haben. Diese Modegeschichte beginnt mit Kaiserin Sissi und endet bei den Models von heute. Für die Frau von heute bedeutet das, dass Körper formbar sind. Die wildesten Arten der Körpernormierung werden beschrieben. Hier sind wir endlich bei den oben angesprochenen Schockmomenten. Die Praxis gesunde Mägen zu verkleinern oder anders zu verstümmeln dürfte den meisten als Gewichtschirurgie bekannt sein. Es gibt aber auch noch andere Wege, wie die Medizin Menschen beim Abnehmen helfen wollte. Darunter eine Art Zahnspange, die eine herkömmliche Essensaufnahme verhindert. Das geht so lange gut, bis die Patientin ein mal brechen muss. Leider sind zahlreiche Menschen so durch ihr eigens Erbrochenes erstickt.

Die Zusammenfassung der Blogosphäre ist recht übersichtlich. Wie es bei solchen Internetthemen leider immer ist, ist die Halbwertszeit sehr kurz. Als Leserin fällt es mir schwer zu beurteilen, wie kritisch Anke Gröner an die Statistiken heran gegangen ist. Pro-Diät Statistiken werden im Buch zerlegt, umgedeutet und enttarnt. Im Gegenzug kommen auch Anti-Diät Statistiken vor. Die Frage, ob auch die Anti-Diät-Statistiken auf Herz und Nieren geprüft wurden, bleibt offen.

Anke Gröner betrachtet Essen aus ihrer eigenen privilegierten Perspektive. Dass Essen eine Geldfrage ist, erkennt die Autorin später im Buch. Mit einem Mini-Budget wie meinem kann ich mir vielleicht etwas abschauen. Von der beschriebenen Vielfalt an Nahrungsmitteln und Einkaufsmöglichkeiten kann ich nur träumen. Das Buch zeigt ganz gut, dass richtige Ernährung ein Luxusthema ist. Dass Essen einen so großen Teil des Buches einnimmt war für mich persönlich eine Enttäuschung. Aus dem Klappentext heraus hätte ich mir etwas anderes erwartet. Für Menschen, die sich vom Thema Diäten, Ernährung und Co abgewandt haben, ist das Buch doch wieder eine unangenehme Erinnerung an Diätzeiten. Dies gilt im besonderen für die erste Hälfte des Buches. Ich wünsche mir einen anderen Weg zu einem gesunden Körperbewusstsein als eine noch intensivere Beschäftigung mit dem Thema, das eine sowieso in den Wahnsinn treibt.

Für wen ist das Buch nun wirklich?

Es ist ein guter Einstieg in die Blogosphäre. Nebenbei auch für internetscheue Menschen eine Möglichkeit sich am Laufenden zu halten. In diesem Bereich passiert das Bahnbrechendste nun mal online. Wer sich für den zweiten Teil des Buches interessiert, sollte es lieber schnell lesen, bevor der gar nicht mehr aktuell ist.

Besonders für NeueinsteigerInnen auf diesem Gebiet sind die Aufzählungen von Links und Literatur am Ende des Buches interessant.

Einer der Leitsätze der ARGE Dicke Weiber ist: Ich bin dick und das ist gut so. Für weniger mutige hat Anke Gröner die Vorstufe für schüchterne Einsteigerinnen: Ich bin dick und das ist okay.

Bernadett Willhelm

1Blogosphäre bezeichnet hier die Gesamtheit der Blogs zu einem Themengebiet.

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