Dicksein / Fettsein und Eis essen

„Also ich esse gerne Eis im Sommer und ich würde es auch gerne in einem Eisgeschäft verspeisen aber meistens sind da die Sitze viel zu eng, aus Plastik oder so geformt das sie schon vom hinsehen kaputt gehen. Nein auf soetwas würde ich mich nie setzen. Aber das ist nicht nur bei Eisgeschäften so, viele Café oder Restaurants bieten draußen nur diese klapprigen Gartensessel an – dabei gibt es die auch ohne Lehnen und sehr stabil. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sich das eines Tages ändern wird. Schließlich wäre es ein Zeichen, dass auch mein dicker/fetter Körper in der Gesellschaft einen Platz hat. Des wäre ein Zeichen, dass auch dicke/fette Menschen von ganz alltäglichen und für andere selbstverständlichen Gegebenheiten und Lebensfreuden nicht ausgeschlossen werden. Ein Zeichen dafür, dass wir als Menschen anerkannt werden. Das strebe ich an und dafür stehe ich ein.“

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

Schwimmend leicht

Im Wasser treiben,
die wärmende Sonne auf der Haut,
frei schwebend oben auf liegen,
wohlige kühle umspült den erhitzten Körper,
alles schwabbelt, alles wabbelt,
ich höre das Lachen der planschenden Kinder,
und lasse mich treiben im wohligen Nass,
dick und rund gleite ich durch die Wellen,
fett und ausgelassen genieße ich den Sommer,
Leichtigkeit erfüllt meinen Körper,
die Schwere fällt ab,
und ich blicke in den wunderbar blauen Himmel über mir,

es wird leichter zu ertragen,
die verstohlenen Seitenblicke, das aufdringliche Starren,
es wird leichter zu ertragen,
hier in den Wellen, in dem Plätschern des Wassers,
zum Himmel blickend, im Wasser liegend,
sich entspannend,
es wird leichter zu ertragen,
angefeindet zu werden – nur aufgrund meines Aussehens,
hier im Wasser bin ich Mensch, bin ich einfach nur ich,
ich bewege mich leicht und frei,
voller Glückseligkeit erfreue ich mich meines Körpers,

der Weg ins Wasser und zurück mag schwierig sein,
braucht Überwindung,
an starrenden Blicken vorbei,
entblößt, mein Körper unverhüllt,
die Kommentare und abwertenden Gesten,
all das schallte ich ab,
hier im Wasser entschwinde ich der Hitze,
und auch all dem Hass,
es ist zu heiß um mich einschränken zu lassen,
zu heiß um mich in meiner Wohnung zu verstecken,
ich brauche die Sonne, das Licht, die Luft,
ich brauche den blauen Himmel,
ich brauche die Kühle des Wassers,
und ich lasse es mir auch nicht nehmen,
mutig überwinde ich mich,
zeige mich, zeige meinen Körper,
husch ins Wasser und lange, lange nicht hinaus.

verfasst von Malena Glück

„In Prozessen der Marginalisierung und Selbstmarginalisierung von Körpern scheinen mir die Beschämung und die Scham von zentraler Bedeutung zu sein. Sie stellen besonders effektive Machtmechanismen dar, die das Individuum dem normalisierenden Blick des Anderen – egal, ob in Form eines tatsächlichen oder eines generalisierten Anderen – unterwerfen. (…) Dies lässt sich in den FKK-Texten um 1900 nachlesen. Die beschriebene Umdeutung des Schambegriffs, der nun nicht mehr mit Nacktheit als solcher, sondern mit dem Verstoß gegen Körpernormen verknüpft war, macht die Scham für Prozesse der Normalisierung verfügbar. Dieser neue Schambegriff hat sich meines Erachtens letztlich durchgesetzt; ist es doch heute weniger der nackte Körper an sich als vielmehr der nicht schöne, nicht durchtrainierte, nicht bearbeitete Körper, der als peinlich empfunden wird.“

Maren Möhring

(‘››Natürliche Scham‹‹’ in Marginalisierte Körper – Beiträge zur Soziologie und Geschichte des anderen Körpers, Torsten Junge/ Imke Schminke Hg., UNRAST-Verlag, Münster, Mai 2007, S.129f)

Platz haben, Raum haben

Ich entscheide mich das Lachen zu erwidern,
doch zum Lachen ist mir nicht,
ich entscheide mich ruhig zu bleiben,
doch ruhig bin ich nicht,
ich höre den Hass, ich höre die Worte,
und die die nicht betroffen sind sagen leicht dahin:
„das betrifft mich nicht,
es kann mich nicht treffen,
es hat nichts mit mir zu tun,
lass sie doch reden“
aber es macht etwas mit mir,
es macht mich traurig,
es macht mich wütend.

Ich gehe hinaus und kann so vieles nicht tun,
bin in so vielem beschränkt,
da ist kein Platz im Bus,
kein Platz im Theater,
kein Platz im Kino,
keiner im Café,
da ist kein Platz im Kleidergeschäft,
kein Platz für einen Körper wie meinen,
selbst beim Gehen auf der Straße,
wo ist Platz für mich?
Platz für meinen dicken/fetten Körper?
und ich atme durch und schaffe mir Platz.

Doch das ist harte Arbeit,
das ist ein echter Kampf,
einfach nur hier zu stehen und
den Raum einzunehmen, den mensch braucht,
mit der Anfeindung fertig zu werden,
und mit den eigenen Gefühlen,
das ist echt harte Arbeit,
und sie beginnt jeden Tag von neuem.

Meinen Raum zu haben,
ihn zu erfüllen, ihn auszufüllen,
dass gehört zum Menschsein dazu,
und ich lasse mir mein Menschsein nicht nehmen.

verfasst von Malena Glück

Wertschätzender Umgang mit dem Körper

„Als Kind einer dicken Mutter und selbst dicke Mutter interessiere ich mich dafür meinem Kind grundlegende Werte von Würde und Achtung einem jedem Mitmenschen gegenüber zu vermitteln. Ich versuche meinem Sohn Selbstliebe und Freude am eigenen Leben vorzuleben und sein eigenes Körpergefühl zu stärken – damit er selbst ein positives Körperbild entwickeln kann. Als Mutter interessiere ich mich auch dafür was Kindern beigebracht wird und wie wir Kindern einen liebevollen, wertschätzenden und würdevollen Umgang mit ihrem eigenen Körper und aber auch mit den Körpern anderer beibringen können.“

Mitglied der ARGE Dicke Weiber

„Man kann solche Phänomene aber auch als Symptome einer Entwicklung deuten, die nicht nur den weiblichen Körper, ja nicht nur den Körper überhaupt, sondern den Menschen in all seinen Facetten als eine Kampfzone definiert, in der es ausschließlich um Fragen der Optimierung und Perfektionierung, der Verbesserung, Normierung und Kontrolle um fast jeden Preis geht.“

Konrad Paul Liessmann

(Philosophicum Lech. Neue Menschen! Bilden, optimieren, perfektionieren. Konrad Paulk Liessmann Hg., Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016, S.7f)

Rund herum ein Panzer

Rund herum ein Panzer,
doch keiner der beschützt,
kein Schild das abhält,
sondern eines das einlädt,
aber nichts, dass ich gerne eingeladen hätte,

rund herum ein Panzer,
aber alles trifft genau,
und Worte hallen nach,
sie rollen von allen Seiten an mich heran,
und sie stechen mich hier,
und sie schneiden mich da,

rund herum ein Panzer,
und ich bin immer sichtbar,
kann gar nicht anders sein,
kann mich nicht verstecken,
wie ein Berg, so riesig,
wie ein Meer, so weit,
wie die Sonne strahlend,
und das zu jeder Zeit,

rund herum ein Panzer,
und alles was mir bleibt sind meine Gedanken,
alles was mir bleibt bin ich selbst,
und ich denke gutes von mir,
denke gutes von meinem Panzer,
der kein Panzer ist,
ich entscheide mich zu lieben,
ich entscheide mich zu freuen,
ich entscheide keinen Panzer zu tragen,
sondern einfach dick und fett zu sein.
Und bin damit glücklich.

verfasst von Malena Glück