Die Erforschung des Dickseins

verfasst von Christine Abdel Maguid-Fiedler

In den letzten Jahren beschäftigt sich die medizinische Wissenschaft intensiver mit der Erforschung der „Volksseuche Nr.1“. Es scheint in das Bewusstsein der Forschung eingedrungen zu sein, dass nicht alle dicken Menschen einfach undisziplinierte Fresssäcke sind, deren Mägen man verkleinern muss, um sie der gültigen Körpernorm anzupassen. Natürlich wird auch das immer noch gemacht, und es gibt weltweit viele Institutionen, die Übergewichtschirurgie als das alleinige Lösungsmittel für Adipositas propagieren.

Allerdings stellt sich den Forschern immer mehr die Frage, warum es immer noch so viele dicke Menschen gibt. Von einer Endemie ist sogar die Rede, da muss es doch auch andere Ursachen geben, als nur unkontrolliertes Essen.

Ich möchte hier einen kurzen Überblick geben, was die Wissenschaft im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahren so alles herausgefunden hat. Als medizinische Laiin muss ich zugeben, dass ich nicht alles so ganz verstanden habe, werde mich aber bemühen, die Forschungsergebnisse so gut ich kann wiederzugeben und hoffe, dass ich durch mein Nichtverstehen keine Aussagen und Ergebnisse aus dem Zusammenhang reiße und dadurch falsch wiedergebe.


Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den Sonderforschungsbereich „Mechanismen der Adipositas“ für weitere vier Jahre mit 14 Millionen Euro. Das klingt sehr viel, aber verglichen mit den Summen, die für andere Projekte ausgegeben werden ist der Betrag gar nicht so hoch.
Erforscht werden sollen die molekulare Mechanismen der Adipositas. Es wurden schon zahlreiche Adipositas-Gene identifiziert, deren Funktion aber noch weitgehend unbekannt ist.

Im Leipziger SFB werden sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf drei zentrale Fragenkomplexe konzentrieren:

Überernährung: Untersuchung von Hirnfunktion und Hirnstruktur bei Adipositas, neurokognitive Modelle der Verhaltenssteuerung, Modulation von Appetit, Sättigung und des Belohnungsverhaltens

Fetteinlagerung und -verteilung: Identifizierung von Genen für die Fehlverteilung und Fehlfunktion des Fettgewebes, Identifizierung und funktionellen Charakterisierung Stoffwechsel- und Atherosklerose-relevanter Gene

Fettgewebshormone (Adipokine): Wirkung von Signalen aus dem Fettgewebe, Funktion von Adipokinen und deren Rolle bei der Entstehung von Stoffwechsel- und Herzkreislauf-Erkrankungen vom Kindesalter bis zum Erwachsenen

Wissenschaftler der Universitäten Ulm und Wien haben herausgefunden, warum Stresshormone wie das Cortisol einen massiven Einfluss auf den Fettstoffwechsel haben.

Im Wiener Boltzmann-Institut wurde untersucht, wie sich die Blockade des Stresshormonrezeptors auf den Stoffwechsel von Mäusen auswirkt, wenn diese auf Reduktionsdiät gesetzt sind. „Aufgrund der blockierten Stressantwort können diese Mäuse beim Fasten die Energiereserven aus den Fettzellen nicht verwerten. Zum Ausgleich greift der Körper auf andere Energiequellen zurück, was zu einer fundamentalen Störung des gesamten Stoffwechsels führt“, so Professor Richard Moriggl, Direktor des Ludwig Boltzmann Instituts für Krebsforschung, der gemeinsam mit Jan Tuckermann das Forschungsprojekt federführend geleitet hat. In der Studie zeigt sich, dass die Mäuse mit blockiertem Stresssignal viel schlanker waren als die jeweilige Wildtyp-Vergleichsgruppe, und zwar sowohl die alten, als auch die besonders fettreich ernährten.
Dieses Ergebnis würde auch erklären, warum eine Diät, die sowohl für den Körper, als auch für die Psyche großen Stress bedeutet, nicht funktionieren kann.

Auch die Technische Universität München beschäftigt sich mit Adipositasforschung, speziell damit, wie die Besiedelung des Darmes mit Bakterien (intestinale Mikrobiota) den Energiestoffwechsel beeinflusst. Dabei wurden sogenannte „keimfreie“ Mäuse (ich vermute, Mäuse, denen die Darmflora genommen wurde) in zwei Versuchsgruppen unterteilt, von denen die eine mit Schmalz und die andere mit pflanzlichem Fett gefüttert wurde. Es stellte sich heraus, dass die mit Schmalz gefütterten Mäuse schlanker wurden, während die, die pflanzliche Fette bekamen zunahmen.
„Das Futter mit reichlich Schmalz stimuliert bei keimfreien Mäusen die Verbrennung im Körper“, erklärt Professor Martin Klingenspor vom Lehrstuhl für Molekulare Ernährungsmedizin am Else Kröner-Fresenius Zentrum (EKFZ) der TU München. „Das bedeutet: Ein größerer Anteil der Nahrungsenergie wird beim Stoffwechsel verbrannt“. Bei nicht „keimfreien“ Mäusen gab es keinen Unterschied betreffend Ernährung und Gewichtszunahme.
Außerdem fanden die Wissenschaftler der TU München heraus, dass eine einzige genetische Veränderung in einer mit Übergewicht assoziierten Region des so genannten FTO-Gens die Fettverbrennung hemmt und stattdessen die Speicherung von Fett verstärkt. Reparierten die Wissenschaftler in menschlichen Fettzellen diesen Defekt mit neuesten gentechnischen Methoden, funktionierten sie wieder normal und steigerten die Fettverbrennung und Wärmebildung, statt Fett zu speichern. Ob das bei jeder einzelnen Fettzelle so gemacht werden müsste, habe ich leider dem Artikel nicht entnehmen können.

Das IFB Adipositas Erkrankungen setzt in der Forschung auf Interdisziplinarität und Grundlagen-Studien. In sechs Forschungsbereichen arbeiten Forscher aus vielen verschiedenen Disziplinen in über 50 Forschungsprojekten. Das Forschungsteam konzentriert seine Forschung u.a. in den sechs Bereichen Hormone, Genetik, kindliche Adipositas, Adipositas-Chirurgie, Neuro-Bildgebung und psychosoziale Aspekte der Adipositas. Während meiner Recherche zu diesem Thema ist das das einzige Mal, dass auch die psychosozialen Aspekte beachtet werden.

Erstmals wird auch eine Forschungskooperation der Leipziger Hochschule mit der Vanderbilt University in Nashville von einer staatlichen US-Einrichtung gefördert. Im Fokus des Projekts steht die Untersuchung eines Proteins, das die Nahrungsaufnahme und den Energiestoffwechsel reguliert.

Univ.-Prof. Dr. Harald Mangge, Leiter der Forschungseinheit Biomarker bei Entzündung und Lebensstilerkrankungen des Klinischen Instituts für Medizinische und Chemische Labordiagnostik der Med Uni Graz, und seine Mitarbeiter beschreiben in der Zeitschrift „Current Medicinal Chemistry“ die Zusammenhänge zwischen den chronischen Entzündungsprozessen und dem Belohnungs-Defizit-Syndrom. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass Adipositas eine Art Suchterkrankung ist.
Besonderes Augenmerk legen die Grazer Forscher auch auf Antioxidantien, das sind die Stoffe, die freie Radikale im Körper neutralisieren sollen. Diese werden sehr oft in der Schönheits- und Diätindustrie eingesetzt und gelten überhaupt als besonders wichtig für die Gesundheit. Prof. Mangge warnt vor überzogenen Hoffnungen, die über Abnehmprogramme vermittelt werden. Vor allem sorgen unseriöse Anbieter von Adipositastherapien dafür, dass die Frustration der Betroffenen mit jedem Abnehmversuch steigt. Antioxidantien hemmen die Ausschüttung des Sättigungshormons Leptin. Ebenso kommt es zusätzlich zu einem vermehrten Hunger auf Nahrungsmittel, die mit Antioxidantien angereichert sind wie zum Beispiel zuckerhaltige Getränke. Überdies werden durch den übermäßigen Antioxidantienkonsum reaktive Sauerstoffverbindungen, die zum Beispiel bei Sport vermehrt freigesetzt werden, abgefangen und können so nicht ihre positiven Wirkungen, wie die Anregung des körpereigenen Antioxidantiensystems entfalten.

Ein besonderes Phänomen ist das sogenannte „Obesity Paradoxon“, welches natürlich von vielen Forschungsinstitutionen angezweifelt wird. Es belegt, dass dicke Menschen bei vielen Krankheiten bessere Heilungs- und Überlebenschancen haben als Normalgewichtige. Der Epidemiologe Dr. Thomas Dorner von der Universität Graz verweist auf Studien, in denen das der Fall ist. Demnach ist ein leichtes Übergewicht für Menschen mit einer Pumpschwäche des Herzens, der sogenannten Herzinsuffizienz, oder für jene mit verengten Herzkranzgefäßen vorteilhaft. Auch Hochbetagte leben länger, wenn sie im Krankheitsfall etwas zuzusetzen haben. Das gleiche trifft auf Dialyse-Patienten zu. Weitere Erkrankungen, die Übergewichtige besser zu verkraften scheinen, sind chronisch obstruktive Lungenerkrankungen (COPD) und Gelenkrheuma. Das Fettgewebe könnte die Patienten auch schützen, weil sich dort Gifte ablagern oder sogar abgebaut werden. Blutfette sind laut Thomas Dorner in der Lage, Schadstoffe von Krankheitserregern abzufangen und auf diese Weise die Infektabwehr zu unterstützen.

Eine Studie, die in Kooperation mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin durchgeführt wurde und im European Heart Journal erschienen ist zeigt, dass der Obesity Paradox bei Schlaganfall ebenfalls zutrifft (European Heart Journal 2012, online 16. Oktober). Im Vergleich zu Menschen mit vermeintlichem Idealgewicht ist das Risiko, an einem Schlaganfall zu sterben, bei Übergewichtigen dagegen um 14 Prozent verringert. Bei fettleibigen PatientInnen sinkt das Sterblichkeitsrisiko um 24 bis 45 Prozent.

Auch im Nordamerikanischen Raum wird das „Obesity Paradoxon“ erforscht, mit den gleichen Resultaten, wie in Europa.

In den USA werden auch in Langzeitstudien die Folgen von Übergewichtschirurgie in besonderem Hinblick auf Alkoholismus und Drogensucht erforscht. Die Ergebnisse sind erschreckend. 28,4% der Teilnehmer an einer dieser Studien, welche zwei Jahre nach dem operativen Eingriff durchgeführt wurde, gaben an, ein Alkoholproblem zu haben. Vor der Operation waren es 4,5%. Auch der Konsum anderer suchterzeugender Drogen steigt eklatant an.
Für den Anstieg von Suchterkrankungen nach einer Übergewichtsoperation gibt es auch eine Erklärung, die ebenfalls in den USA genauer erforscht wurde. Es stellte sich in einer MRT Untersuchung heraus, dass Essen und Alkohol dieselben Bereiche des Gehirns aktivieren. Laut einiger Studien haben dicke Menschen ein deutlich niedrigeres Risiko Alkohol- oder Drogensüchtig zu werden. „Klar,“ sagen die Wissenschaftler, „wenn man körperlich nicht mehr genug essen kann, um den gewünschten Effekt zu haben, steigt man auf andere Substanzen um.“ Das deckt sich mit den Untersuchungen von Univ.-Prof. Dr. Harald Mangge, die ich schon weiter oben erwähnt habe.


Einen kurzen Blick möchte ich noch auf die Diätindustrie werfen, die bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen gar nicht gut wegkommt. Im besten Fall sind die Präparate wirkungslos, im schlechtesten gesundheitsschädlich bis hin zu lebensbedrohlich.

Ernährungswissenschaftler Doktor Matthias Riedel äußert sich kritisch zu dem Effekt von dem Diätmittel Almased. Er verweist darauf, dass die Probanden vor allem an Muskelmasse verloren haben, die nur mühsam durch Sport und intensives Training wieder aufgebaut werden könnte. Er ist sich sicher, setzt man das Produkt ab, wird auch das Gewicht wieder in die Höhe schießen.
Reporter haben sich Diätpräparate in Pillenform vorgenommen. Diese versprechen, dass fettes Essen erst gar nicht auf den Hüften landet. Dabei handelt es sich um sogenannte Ballaststoff- und Quellprodukte, sowie Fettbinder, die den Magen füllen. Auch hier ist Ernährungswissenschaftler Mathias Riedel sicher, dass keines der Produkte für eine langfristige Gewichtsabnahme geeignet ist, da die Wirkung nicht vorhanden oder so gering ist, dass sie sich nicht auf das Gewicht auswirken würde.

Im letzten Test wurden ausschließlich Diätmittel untersucht, die im Internet erhältlich sind. Hier fiel den Testern vor allem die Zutatenliste negativ auf, da die angegebenen Inhaltstoffe teilweise nur auf Türkisch oder Mandarin angegeben waren. Auch diese wurden im Labor untersucht. Hier liegt ein besonders besorgniserregendes Ergebnis vor, da alle sechs getesteten Produkte den Medikamentenwirkstoff Sibutramin enthielten. Ein Appetitzügler, der seit 2010 nicht mehr in Deutschland zugelassen ist. Besonders negativ fiel dabei der Schlankheitskaffee „Vitaccino“ auf. Im Labor wurden in einem Beutel 26,4 mg Sibutramin nachgewiesen. Das ist mehr als das Dreifache, der in Deutschland zugelassenen Menge. Gesundheitliche Risiken drohen.
Der Mediziner Doktor Dieter Müller von der Universitätsklinik Göttingen bestätigt im Gespräch mit „Markt“, dass der Stoff Sibutramin bei Überdosierung und bei empfindlichen Menschen zu Herzrasen, Kreislauf- sowie Magen- und Darmbeschwerden führen kann. Schlimmsten Falls könnten diese Konsumenten sogar an dem Stoff sterben.

Hans Hauner, Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin in München beschäftigt sich mit Formula Diäten. Dabei werden ganze Mahlzeiten durch Eiweißgetränke oder Riegel ersetzt. Die industriell gefertigten Diätpulver werden dafür mit Wasser oder Milch angerührt und können flexibel im Tagesverlauf verzehrt werden. Seiner Einschätzung nach ist eine Formula-Diät ein „gewaltiger Eingriff in den Stoffwechsel, auf den der Körper reagiert“. Folgen einer Unterernährung wie Verdauungsstörungen, Frieren, Konzentrationsschwäche oder Nervosität können Hauner zufolge auftreten. Im schlimmsten Fall drohen sogar Herzrhythmusstörungen, Muskelabbau oder Nierenversagen – Risiken, auf die Hersteller nicht angemessen hinweisen.


Leider wird in allen diesen Untersuchungen hohes Gewicht immer noch als Krankheit gesehen, aber es erweckt in mir auch die Hoffnung, dass wir bald einmal zum Arzt gehen können und nicht das Übliche „Essen Sie weniger und nehmen Sie ab“ zu hören kriegen.

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