Dickenbewegung

geschrieben von Malena Glück

Seit Gründung der ARGE Dicke Weiber im September 2009 entwickelte sich in mir ein Bewusstsein für die gesellschaftlichen Strukturen, die dicke/fette Menschen zu Menschen zweiter Klasse herabsetzten. Diese gesellschaftlichen Strukturen sorgen dafür, dass dicke/fette Personen zunehmend aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Verinnerlichte Gedankenstrukturen sorgen dafür, dass wir diese gesellschaftlichen Verhältnisse aufrechterhalten und immer wieder von neuem erschaffen und verschärfen.

So viele Menschen kämpfen heute darum als Menschen und Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden –  dazu gehören immer noch:

Frauen, Menschen mit Behinderung, Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und ethnischer Zugehörigkeit, Menschen verschiedenster sexueller Orientierung bzw. geschlechtlicher Identität (Homosexualität, Bisexualität, Intersexualität, Asexualtität, Transsexualität, Transgender, Queer) und auch dicke/fette Menschen.

All diese Menschen erleiden Diskriminierungen und es gibt sicher einige, die ich leider bei meiner Aufzählung vergessen habe. Und all diese Diskriminierungen müssen aufhören.

Viele Menschen würden heute die Meinung teilen, dass der Großteil der erwähnten Diskriminierungen enden sollen – doch dann kommt der Hacken (und er kommt immer):

Dick/fett, das ist doch ungesund. Das kann man nicht vergleichen mit den anderen Bewegungen, die sind ja selber schuld – sie könnten sich doch einfach anpassen, sie könnten doch einfach abnehmen. Mit welchem Recht fordern sie Sitzplätze ohne Lehnen, wenn doch Menschen mit Rückenschmerzen Lehnen brauchen? Und schon sind Dicke/Fette keine Menschen mehr sondern nur mehr eine Bedrohung oder auch nur lästige Plagegeister, die unrechtmäßige Forderungen stellen.

Wie kann mensch nur hoffen, dass es kluge neue Erfindungen geben könnte, die das Leben für alle Menschen erleichtern können – dass wirklich wenn Bedürfnisse geäußert werden diese auch mitbedacht werden könnten beim Bau oder Gestalten von gesellschaftlichen Lebensräumen?

Ich frage mich eher wieso es denn eine unrechtmäßige Forderung darstellt – Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für alle zu schaffen? Sitzplätze zu kreieren und Mobiliar herzustellen, die den unterschiedlichsten Bedürfnissen gerecht werden – da müsste man doch tatsächlich nachdenken und althergebrachtes ändern. Aber vielleicht scheitern wir bereits beim Erkennen, dass es unterschiedliche Bedürfnisse gibt.

Warum für mich Aktivismus mehr bedeutet als „dicke Models“ oder „dicke Designer“ oder “Kleidung für Dicke“ oder „dicke Bloggerinnen“?
Warum mir die „Knochen“ den „Menschen“ den Dicken geben nicht schmecken wollen?
Warum zwei dicke Models eine Modewelt tausender Einheitsgrößen nicht aufwiegt?
Vielfalt heißt nicht: „Ja da hast du eine Dicke, die ist ja eh Schauspielerin oder Model also lass gut sein – worüber regst du dich auf?“!

Wir sind alle Menschen und alle Menschen, die gesamte Vielfalt der Menschen, sollten in den unterschiedlichen Bereichen (Model, Schauspieler, etc.) repräsentiert werden.

Ich brauche keinen Knochen, ich bin kein Hund sondern ein Mensch. Dieses von oben herab schauen, dass den anderen klein macht und weniger Wert, weniger Mensch – das regt mich auf. Als Mensch steht keiner über dem anderen. Aktivismus heißt für mich vor allem auch für mich und mein Menschsein einzustehen. Dafür zu kämpfen am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können – und wenn das heißt im Sommer im Eissalon ein Eis essen zu können ohne das der Stuhl unter einem zusammen bricht.

Seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, dass das Interesse an dem Thema abnimmt und es keine wirkliche Dickenbewegung gibt sondern der Begriff als Kuriosität gerne mal von irgendwelchen Medien aufgegriffen wird um den Dickenhass zu schüren. Außerhalb dieser Kuriosität ist ein Zugang zur „Dickenbewegung“  mittels Internet kaum möglich. Alle wesentlichen Schlagworte (wie zum Beispiel fat acceptance aber leider auch viele andere) führen zu Weblogs und Websites, die das Anliegen Dicker/Fetter belächeln und verachten. Der Dickenhass, der uns da entgegenkommt, ist unglaublich verstörend und nicht zu empfehlen. Der Hauptteil der Posts regt sich dabei über Dicke/Fette auf und macht sie zu Menschen zweiter Klasse bzw. überhaupt zu Unmenschen.

Dickenaktivistische und dickenfreundliche aber auch körperpositive Seiten sind meist nicht mehr auf dem aktuellen Stand als wäre es nur so ein Modetrend gewesen zwischen 2010 und 2014. Neben der Barriere die Websites zu finden gibt es da auch die Sprachbarriere, das meiste ist auf Englisch und selbst für Menschen, die ein paar Englischkenntnisse haben, bleibt vieles unverständlich. Also wie sollen Dicke/Fette Zugang zur Dickenbewegung finden?

Die wenigen Seiten die es gibt verlangen oft erst eine Anmeldung bzw. rufen zu Spenden auf – was mir selbst auch immer etwas unseriös vorkommt. Da kommt dann gleich der Gedanke auf: die wollen mich nur ausnehmen, die wollen damit nur Geld verdienen. Und oft kommt in uns selbst die Kritik auf: Sind wir nur Jammerer? All dies trägt nicht dazu bei mit einer wie auch immer gearteten Dickenbewegung etwas zu bewegen. Für all jene, die an unglücklichen Dicken viel Geld verdienen, ist das nur recht. Aber für mich hat das alles einen scheußlichen Geschmack hinterlassen, den ich gerne wieder loswerden würde.

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Schließlich geht es hier nicht um einen Modetrend! Es geht um Menschen und viele, viele Leben – vor allem geht es darum wie wir leben wollen. Die Gesellschaft sind wir – jeder einzelne Mensch. Also auch ich und mein großer Wunsch wäre es eine Gemeinschaft zu gestalten in der wir alle Menschen sein können und uns gegenseitig in unserem Menschsein unterstützen, achten und würdigen. Für mich zählen zu einer wahren Achtung unserer Menschenwürde die jeweiligen Bedürfnisse, Lebenssituationen und Lebensbedingungen zu würdigen, zu achten und anzuerkennen.

Natürlich hieße es Möglichkeiten zu schaffen und zu lernen mit Vielfalt umzugehen. Menschen haben keine gleichen Bedingungen und Voraussetzungen – aber wir wollen alle Möglichkeiten. Für den einen Menschen sind es Selbstverständlichkeiten wie am Beispiel des Dickseins ins Theater zu gehen und einen passenden Sitz zu haben aber für einen anderen Menschen (hier einen Dicken/Fetten) eine Möglichkeit – die wir als Gesellschaft dem einzelnen Dicken/Fetten ermöglichen können. Irgendwann wird dann jede Unterstützung und Hilfestellung, jedes Mitdenken der Bedürfnisse anderer von einer Möglichkeit zu einer Selbstverständlichkeit. Das wäre das Ziel. Selbstverständlichkeiten zu schaffen. Eine Gesellschaft in der die Forderungen von Menschen, ihre Bedürfnisse, als selbstverständlich und nicht als Zumutung angesehen werden.

Eine Dickenbewegung sollte meines Erachtens, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern und eine wie von mir beschriebene „Heile Gesellschaft“ zumindest anregen. Dabei geht es hauptsächlich also um Menschenrechte, Menschenwürde und das Menschsein an sich. Der Mensch und die Welt sind  wozu wir sie machen. Am besten wir verhelfen uns gegenseitig zu mehr Lebensfreude, Lebensqualität und Dankbarkeit. Schenken wir der Vielfalt Raum und lassen uns nicht von technischen, maschinellen Vorgängen der Reproduktion in unserem Dasein einschränken. Geld, Kosten, wirtschaftliches Wachstum, Rationalisierung sind Begriffe die nicht unser Menschsein zu bestimmen haben.

Und dafür werde ich weiterhin alles in meiner Macht stehende tun. Jetzt heißt es Zugang ermöglichen, Raum schaffen und Raum nehmen – und damit die Gesellschaft ein klein wenig verändern! Weil wir alle Menschen sind – und für mich bedeutet das noch etwas!

Koerperraum

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