Dicksein / Fettsein und Gesundheit – aktuelle Situation

Zunächst wird von Medien Dicksein bzw. Fettsein als angsteinflößender Alptraum präsentiert und als Krankheit, Seuche oder Epidemie entmenschlicht zu einem Feindbild ummodeliert. Durch diese mediale Aufarbeitung „geschult“ wird „Jedermann“ (auch jede Frau) zum Experten über die Gesundheit von Dicken und Fetten – wobei die Gesundheit Dicken, Fetten prinzipiell einmal abgesprochen wird. Schlagzeilen über die Kosten des Gesundheitssystems machen die Gesundheit Dicker und Fetter zum „angeblichen Eigentum der Allgemeinheit“. Dicke, Fette müssen sich für ihr Dicksein/Fettsein „rechtfertigen“ bzw. ihre Gesundheit stets aufs Neue vorführen und beweisen. „Abnehmen“ wird zum Heilsversprechen – und das auch bei Schnupfen und Halsweh. Dabei gibt es keinerlei Beweis dafür, dass langanhaltende Gewichtsabnahme das Leben verlängert oder verbessert bzw. überhaupt für alle möglich ist.

Ärzte und Ärztinnen KoerperSchriftsind in ihrem Umgang mit dicken, fetten Menschen oft nicht viel besser als jeder x-beliebige Hans Wurst auf der Straße. Oft wird nach den ersten drei Minuten im Arztzimmer die pauschale Diagnose „Fresssucht“ gestellt und zu „medizinischen Maßnahmen“ wie Diät oder Magenband/Magenbypass geraten. Zeigt mensch sich an Gewichtsabnahme nicht interessiert wird sofort fehlender Wille zur Gesundheit unterstellt bzw. Disziplinlosigkeit. Damit wird der Behandlungston noch etwas rauer und unwilliger auf Seiten des Arztes bzw. der Ärztin, die es anscheinend für völlig aussichtlos halten dicke, fette Menschen ärztlich zu betreuen ohne einen dicken, fetten Stempel mit „Adipös“ auf die Akte zu stempeln. So wie dicke, fette in den Medien auf ihr Dicksein/Fettsein reduziert werden so werden wir auch beim Arzt/der Ärztin auf das Dicksein/Fettsein reduziert und verlieren anscheinend bei unserem Gegenüber jegliches Menschsein.

Da kann mensch schon mal bei der Frauenärztin beim Ausziehen der Kleider hören, dass mensch die Streifen am Bauch nicht mehr los wird – als hätte mensch sie danach gefragt. Oder mensch geht zum Orthopäden und ohne hinzusehen darf mensch sich anhören, dass die Fußschmerzen sicher vom Gewicht kommen als ob dünne Menschen keine Fußschmerzen hätten. Schlimmer wird es nur zu hören, dass eine Behandlung nicht möglich ist – weil das Equipment leider fehlt um einen dicken, fetten Körper zu behandeln.

Fehlendes Equipment und medizinisches Zubehör ist eine grobe Missachtung der Bedürfnisse von dicken, fetten Menschen. Bei der Planung und Umsetzung von medizinischen Gebäuden, Räumen, Praxen werden dicke, fette Menschen leider nicht mitgedacht. Sessel und Stühle, im Wartebereich und auch im Arztzimmer selbst, halten oft das Gewicht nicht aus oder haben Armlehnen, die sich ins Fleisch schneiden bzw. ein Sitzen für dicke, fette Menschen überhaupt unmöglich machen. Nur die wenigsten Praxen sind mit geeigneten Blutdruckmanschetten ausgestattet, die für dicke, fette Arme ab einer bestimmten Dicke gebraucht werden. Auch Krankenhausbetten und Operationstische sind nicht alle auf das Gewicht von dicken, fetten Menschen ausgelegt – besonders schwierig wird es ab 150kg. Es gibt in manchen Krankenhäusern kein Krankengewand in der passenden Größe (denn nein XL passt nicht jedem). Es gibt keine Kompressionsstrümpfe auf Vorrat spätestens ab einem Gewicht von 120kg. Und aus Angst du könntest hinfallen und bräuchtest Hilfe beim Aufstehen wird ab einem Gewicht von 150 kg sicher alles getan damit du solange wie möglich liegst. Und zur Schikane wirst du; wenn du dick/fett bist; während deines Krankenhausaufenthaltes auf Diät gesetzt. Nasen werden gerümpft, schräge Blicke werden geerntet und manchmal gibt es auch angewiderte Begutachtungen. Dazu gibt es viele Unterstellungen und Vorurteile während der Behandlung. Schließlich „bist du zu dumm und zu faul um dünn zu sein“ so der Irrglaube auch bei Ärzten/Ärztinnen. Doch warum irren sich auch Ärzte und Ärztinnen?Springend

Die Ärzte und Ärztinnen richten sich in ihrer Ausbildung nach dem Stand der Forschung – doch die Forschung zum Thema „Dicksein/Fettsein“ macht bereits mehrere Fehler noch bevor sie untersucht – sie forscht bereits unter dem Schlagwort „Adipositas“ mit der Vorannahme, dass Dicksein/Fettsein eine Krankheit ist. Weiters sind die Forscher/innen auch nur Menschen, die in einer Gesellschaft aufwachsen und leben in denen dicke, fette Menschen verurteilt werden. Diese Verurteilung wird schon den kleinsten Kindern weitergegeben. So kommt es vor, dass bereits Kinder im Kindergarten Dicksein/Fettsein mit Krankheit und Fehlverhalten beim Essen verbinden. Diese Verurteilung wird von Medien, Eltern, Lehrer/innen, Ärzten/Ärztinnen, Freunden und auch wild fremden Menschen auf der Straße jeden Tag vermittelt. Auch viele dicke, fette Menschen haben diese negative Botschaft schon verinnerlicht. Die Verurteilung macht dicke, fette Menschen zu Menschen zweiter Klasse – sie besteht aus lauter Vorurteilen und verbindet Dicksein/Fettsein mit Schlechtsein, Negativität und sogar mit dem Bösen selbst. Es wird das Feindbild Dick/Fett geschaffen und dieses Feindbild wird nun in der Forschung bekämpft. So wird geforscht wie aus „dick am besten dünn wird und weil dick krank ist, muss dünn gesund sein“ – so der irrtümliche Gedanke, der aus all den Verurteilungen und Vorurteilen entstanden ist. Und als ob das alles noch nicht genug wäre – für eine falsche und menschenverachtende Ausbildung und Forschung von medizinischen Fachleuchten – gibt es da noch jene, die die Forschung finanzieren und natürlich ein gewisses Interesse damit verbinden, dass die Forschung zu ihren Gunsten verläuft. Ein Großteil der Forschung auf dem Gebiet „Adipositas“ ist von der Diätindustrie finanziert, die natürlich ein großes Interesse daran hat ihre Produkte zu verkaufen und ihren Gewinn zu steigern. Auch Magenband und Magenbypass sind mittlerweile ein gutes Geschäft, sowie Fettabsaugung und Hautstraffung. All dies führt nicht zu einer objektiven Forschung und zu einer angemessenen Ausbildung von Medizinern und Medizinerinnen.

SpringendViele dicke, fette Menschen sind vermehrt verunsichert aufgrund der Schlagzeilen, die Dicksein/Fettsein gerne mit allen möglichen anderen Krankheiten bzw. mit dem baldigen Tod in Verbindung bringen. Die Todesdrohung kommt auch von Ärzten. So kann mensch mit seinem Partner beim Arzt sitzen und sich anhören wie der eigene Arzt über den eigenen Kopf hinweg zum Partner sagt, dass wenn er (der  Partner) sich nicht bald kümmere um das „Übergewicht“ – die dicke/fette Person sicher bald sterben werde und dass kann ja nicht in seinem (des Partners) Interesse sein. Als ob irgendwer über den Tod handhabe hätte – Wahrscheinlichkeiten und Risiken haben gar nichts mit der Realität zu tun und der tatsächlichen Macht über das Leben und den Tod. Solche Aussagen und Schlagzeilen machen etwas mit uns – sie verunsichern uns und sie machen Angst. Da wird jedes leichte Piksen und Stechen zu einem Herzinfarkt oder jedes kleine Zwicken und Unwohlsein zum Schlaganfall. Diese Hysterie in einem selbst belastet die eigene Psyche und vermindert die eigene Lebensqualität.

Dicke/fette Menschen haben mit so vielen psychischen Belastungen zu kämpfen – der teilweise Ausschluss aus der Gesellschaft, die Einschränkungen durch körperliche Grenzen und Möglichkeiten und die tägliche Verunsicherung, aufgrund der Unterstellung „wir alle würden ewig leben wären wir dünn“, sind psychische Herausforderungen – und wir zeigen hier wahre Größe. Die meiste Zeit halten wir diesen Belastungen und diesem Stress stand. Wobei: genau dieser Stress und diese Belastungen unserer Ansicht nach dicke, fette Menschen krank macht und es völlig legitim ist, diesen Belastungen und dem Stress nicht immer standhalten zu können. Aufgrund der oft menschenverachtenden Behandlung beim Arzt bzw. bei der Ärztin lassen sich viele Menschen nicht mehr untersuchen und versuchen sich selbst so gut es ihnen gelingt zu behandeln (mittels Internet und Apotheke). Hier bedarf es einer Erleichterung und dass vor allem auch im Gesundheitssystem – hier bedarf es einfühlsamer, verständnisvoller Ärzte und Ärztinnen, die Dicke/Fette als Menschen behandeln, mit aller Würde und Achtung der individuellen Lebensumstände und Lebenswünsche.

Die aktuelle Situation Dicker/Fetter imMuttermondARGE Gesundheitsbereich ist mitunter katastrophal aber sie muss so nicht bleiben. Gemeinsam können wir Raum schaffen – Lebensraum schaffen für alle Körper und Körperformen – wir können Gesundheit und Krankheit im Spektrum Lebensqualität, Lebensfreude und Menschenwürde in den Blick nehmen und die Gesellschaft verändern. Wir können unser aller Leben bereichern und glücklicher gestalten, wenn wir die Verengung des Gesundheitsbegriffes und den Zwang zur Gesundheit auflösen und die realen Lebensumstände und Lebenswirklichkeiten von Menschen anerkennen und würdigen. Wir müssen uns eingestehen, dass wir nicht die Kontrolle über den Tod und die Unsterblichkeit besitzen – und unsere Körper nicht unserem Willen ganz unterwerfen können noch sollten. Wir können Lebensqualität und Lebensfreude mehren und uns gegenseitig schenken – und wir können uns gegenseitig unterstützen und uns gegenseitig Raum geben. Wir tragen alle unseren Teil zur Menschheit bei, wir sind alle wertvoll, würdevoll und sinnvoll! Und das unabhängig davon wie wir Gesundheit und Krankheit, Dicksein und Dünnsein definieren und wo wir uns in unserer Definition einordnen.

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