Selbstgesetzte Grenzen

geschrieben von Anita Drexler

mann-un-u-bahn

Alltägliche Grenzüberschreitung: Ein bekanntes Bild aus der U-Bahn

Mit meinen letzten zehn Kilo habe ich eindeutig eine Grenze überschritten: Die, von einem irgendwo gerade noch „normalen“ Aussehen (den Begriff „Normalgewicht“ lassen wir gleich ganz beiseite, der passt hier sowieso nicht hinein) hin zum Dicksein.

Kaum irgendwo merke ich das Überschrittenhaben dieser dünnen Linie stärker als in der U-Bahn, die ich, in Wien lebend, jeden Tag nutze. Wo ich früher beim normalen Sitzen gerade noch innerhalb der Grenze zwischen meinem und dem danebenliegenden Platz bleiben konnte, überschreitet mein Körper diese nun. Nur, wenn ich alle Muskeln stark anspanne und mich fest an die Wand zum Fenster hin quetsche oder mit einer halben Pobacke über den Sesselrand in den Gang setze, rage ich kaum in den zweiten Sitz hinüber.

Dass mein Körper eine Grenzüberschreitung darstellt, fällt mir an zwei Dingen auf. Zum einen daran, dass sich kaum noch jemand neben mich setzt, zum anderen an den Blicken, die mich streifen, wenn ich es wage, meinen Körper in einer freigewordenen Sitzlücke neben den eines anderen Menschen zu platzieren.

Anders als viele Bekannte bin ich zum Glück bisher nicht verbal angegriffen worden – es soll ja in den öffentlichen Verkehrsmitteln auch Menschen geben, die einem wohlwollend vorschlagen, man solle doch bitte ein zweites Ticket lösen, wenn man schon nicht in einen Sitz hineinpasst. Dennoch: Als ich dieses Gefühl der Ablehnung zum ersten Mal realisierte, verpasste das dem Wohlgefühl, das ich meistens in meiner Haut verspüre, einen ziemlichen Dämpfer. Jetzt war es also soweit; mein rücksichtslos angefutterter Körper schadet jemand anderem – auch, wenn er ihm_ihr nur die Sitzgelegenheit kostet. Aber künftig nur noch stehen in den Öffis, das will ich auch nicht. Manchmal tun mir die Füße von den hohen Schuhen weh, die ich trage. Oder ich will lesen, lernen oder bin mit Einkaufstaschen vollgepackt. Oder bin einfach nur faul. Und ja, auch als dicker Mensch darf ich das sein.

Denn eine Beobachtung fand ich schon interessant; nämlich die, dass Männer in der U-Bahn die Sitzplatzgrenze ganz regelmäßig überschreiten. Ohne schlechtes Gewissen und ohne deswegen angegriffen zu werden. Freilich tun sie das statt durch ihr Hüftgold tendenziell eher durch die gespreizte Beinstellung oder eine Haltung, bei der der Arm auch gleich über den danebenliegenden Sitzplatz gelegt wird. Vom Umfang her ist das jedoch ganz ähnlich als wenn ein_e Dicke_r Platz nimmt – nur wird das eine sozial ungleich stärker geächtet als das andere.

Diese kleine Beobachtung in der U-Bahn weist auf einen Umstand in unserer Gesellschaft hin, der zwar hinlänglich bekannt ist, aber der, vielleicht aus praktischen Überlegungen heraus, gerne aus unserer Alltagswahrnehmung herausgestrichen wird.

Nämlich darauf, dass Männern generell mehr Platz zugestanden wird während es Frauen Überwindung kosten muss, ihn sich zu nehmen – was im Übrigen einmal mehr zeigt, dass feministische Arbeit nach wie vor einen Platz in unserer Gesellschaft braucht. Und darauf, dass Dicksein, gerade bei Frauen, derartige Grenzüberschreitung darstellt, dass Diskriminierung dahingehend leicht geduldet wird. Auch, wenn es eigentlich gar nicht so sehr um die Sache selbst – in diesem Fall die abhandengekommenen Sitzplätze – geht.

Menschen operieren gerne mit Schamgefühl um Normen durchzusetzen.Nur geht es bei dabei nicht mehr, wie in früheren Zeiten, so um die Aufoktroyierung innerer Werte, um das Seelenheil sozusagen, sondern verstärkt um die Durchsetzung bestimmter Körpernormen die zwar auch für Männer, aber noch in einem viel stärkeren Maße für Frauen Gültigkeit besitzen.

Wagt frau es, sich davon nicht einengen zu lassen, sich den Platz zu nehmen, den sie braucht verhält sie sich subversiv und bietet dadurch Angriffsfläche. Nimmt jedoch ein Mann durch seine Körperhaltung dieselbe Menge an Platz, verstößt er damit nicht gegen soziale Normen und regt daher niemanden so sehr durch sein Verhalten auf.

Dieser Mechanismus und seine Folgen sind allgegenwärtig, daher tut man gut daran, ihn sich bewusst zu machen und ihn sich für unangenehme Situationen im Hinterkopf zu behalten. Zumindest ich habe meine Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen.

Inzwischen achte ich darauf, nicht mehr mit der größtmöglichen Körperspannung im kleinen Plastiksitz der U-Bahn zu sitzen, sondern loszulassen. Mich zu entspannen. Normal zu sitzen.So brauche ich zwar fünf Zentimeter mehr Platz, aber ich versuche an mir zu arbeiten, damit es mich nicht stört. So hoffe ich, falls ich einmal angepöbelt werden sollte, nicht in ein Loch aus Selbsthass zu fallen. Die Rahmenbedingungen für die knapp bemessenen Sitze definieren die Verkehrsbetriebe, die für mein inneres Wohlergehen definiere ich.

 

 

 

 

 

 

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