Gastbeitrag: Mehr als eine Hand voll – Fetter Sex

von Sara Ablinger

*~*

Mehr als eine Hand voll – Fetter Sex

Ich rede und schreibe gern über Sex und arbeite auch mit Sexualität, Sinnlichkeit und Selbstliebe. Und doch fällt es immer wieder schwer Worte zu finden wenn es um Dicksein und Sex geht.
Sex kann eine schöne Kraftquelle im Leben sein. Den Körper spüren, Intimität aufbauen, Energie freisetzen, Lust erfahren, Schmerzen mindern, Spaß haben – all das kann Sex sein. Sei es jetzt für Frauen*, Männer*, trans*idente oder inter*geschlechtliche, dünne oder dicke/fette Menschen, Menschen mit Behinderungen. All das was Sex sein kann, hat mit der Art des Sex zu tun – also wie er gemacht wird – und mit mit dem Körper, der ihn macht.

Als dicke Person, die im Prozess ist sich u.a. mit tantrischer Körperarbeit selbstständig zu machen, kann ich sagen, dass es immer wieder eine Herausforderung ist als dicker Mensch zur eigenen Sinnlichkeit zu stehen. Natürllich ist das in einer Gesellschaft wo selbstbestimmte Sinnlichkeit und Sexualität ohnehin ein Tabu sind (und damit meine ich nicht die misogyne Hypersexualisierung) schonmal eine schlechte Voraussetzung. Menschen, die nicht der Norm entsprechen (welcher Art auch immer), wird ein lustvolles Leben abgesprochen oder die Sexualität sogar kriminalisiert.

Ich habe für diesen Artikel lange überlegt wie in den Medien, Filmen zum Beispiel, dicke Menschen – sofern sie sexuell dargestellt werden – auftreten. Mir fallen Bilder und Szenen aus Filmen ein, wo die fetten Rollen auch gleichsam die einsamen Loser sind, die unerfahrenen Jungfern oder aber wo sie hypersexuell, derb oder aggressiv präsentiert werden (z.B. Fat Amy in Pitch Perfect). Das ist dann Sex, den niemand sehen oder hören will, weil er ja so ekelerregend ist. Und dann kommt mir die erotische, post-Sex Szene von Gabourey Sidibe aus Empire in den Sinn, die einen Ansturm von fettphoben Statements zur Folge hatte. Als ich die Szene sah, war ich berührt wie authentisch und einzigartig diese Szene gedreht wurde.

„After we were shooting it, the camera guy came over, and he said, ‚I’ve never shot a scene like this. And I’ve never seen a scene like this.‘ “ Sidibe said. „I was really happy to be part of something that’s never been seen on primetime television before. And you don’t notice it because you don’t have to notice it, but there’s never been someone of my skin color, my size, with somebody else of the same skin color in a love scene on primetime television.“[1]

Ich habe sowohl im Spitz-Magazin[2] als auch auf meinem Blog darüber geschrieben wie sehr dicke/fette Menschen noch immer als unfuckables gelten.
Darin erzähle ich von Kommentaren hinterm Rücken wie denn der Sex mit ner fetten Person überhaupt gehen soll.

Oder als dicke Person in einem Tantrakurs im Nachhinein ein Lob zu bekommen, dass die Übungen überhaupt durchgezogen wurden, weil es ja so – mit dem dicken Körper – nicht so einfach wäre. Dieses letzte Erlebnis traf mich nicht, weil ich mich durch meine Erfahrung in diesem Bereich nicht so leicht einschüchtern lasse, aber sie machte mich wütend. Warum war ich in der Situation mich beweisen zu müssen: nämlich, dass ich es eh auch kann. Obwohl tantrische Arbeit heilsam sein soll, war diese Seminarleiterin so beschränkt in ihrem Körperbild, dass sie für die Vielfalt von Körpern gar keine richtige Werschätzung aufbringen konnte. Ich bin wütend auf Menschen, die vermeintlich heilsame Arbeit machen und mit ihrer Ignoranz, in Verletzlichkeiten und offenen Herzen noch mehr Selbstzweifel, Selbsthass und Scham legen. Und dafür sind unsere Leben wirklich zu kurz und zu wertvoll.

Jeder Körper kann wunderbar sinnlich und sexuell sein, wenn sich die Person zur eigenen Sinnlichkeit, zum eigenen Begehren stehen und begehrt zu werden zulassen kann.
Ich lebe Poly und habe derzeit drei sexuelle Liebesbeziehung – jede_r meiner Partner_innen hat einen anderen Körper: einer davon dick und sehr stark, einer etwas schlanker und als behindert gelabelt, einer schlank und der Norm entsprechend. Nichts davon sagt aus wie es der jeweiligen Person im eigenen Körper geht, geschweige denn wie der Sex aussieht.

Für mich ist es relativ neu mit einer so schlanken Person Sex zu haben und es ist durchaus eine Herausforderung – aber auf einer emotionalen Ebene. Ich erlebe Wellen von normativen Bildern und dem Gefühl von Ungenügen, Momente von Zurückhaltung, weil ich mich viel weniger fähig fühle mit meinem Körper. So war es ganz am Anfang für mich. Und dann hörte ich wie schön es sei auf welche Art ich umarme – aus einer Tiefe und ganz voll. Und ich merkte wie sehr ich mich in meinem eigenen Begehren und begehrt Werden eingeschränkt hatte durch meine Filme. Gleichzeitig ist es wichtig, dass den Partner_innen klar ist woher wir als dicke Personen kommen. Was es bedeutet für das Gefühl im Körper was wir erlebt haben, welchen Platz wir in der Gesellschaft bekommen und wie uns begegnet wird. Dickenaktivistin Virgie Tovar[3] hat das beim Curvienna Talk[4] ganz wunderbar ausgeführt, dass das Begehren des dicken Körpers allein nicht reicht, wenn dem Gegenüber nicht klar ist welche langfristigen Konsequenzen Dickendiskriminierung auf die dicke Person hat.

Als Dickenaktvistin, aber auch als Tantrika ist eins meiner obersten Ziele mehr Selbstliebe in mir und mit anderen zu erschaffen. Das heißt, aus der Komfortzone zu treten, mich in meiner Sinnlichkeit wahrzunehmen und sein zu lassen, mir allen Raum zu nehmen, den ich dafür möchte, mich auszutauschen und alles zu genießen was mir gut tut. Es gibt auch gute Bücher wie Big Big Love[5], Fat Sex[6] oder Virgie Tovars Hot & Heavy[7], die ich sehr stärkend fand. In diesen Büchern gibt´s auch praktische Tipps welche Positionen oder Betätigungen mit welchen Tricks leichter von der Hüfte gehen.

Lasst uns gemeinsam über den Sex, den wir haben oder gern hätten, reden! Lasst uns jeden sinnlich-erotischen Raum einnehmen, den wir einnehmen wollen.

Wir sind alle mehr als ne Hand voll und das ist wunderbar!

Sara Ablinger aka queerfatfeminist http://www.lebensspiralen.com

[1]http://www.people.com/article/gabourey-sidibe-owns-empire-sex-scene

[2]Spitz – Queer in Wien http://spitz.portfoliobox.io/

[3]http://www.virgietovar.com/

[4]https://curvienna.wordpress.com/

[5]http://www.amazon.com/Big-Love-Revised-Relationships-People/dp/158761085X

[6]http://www.amazon.com/Fat-Sex-Naked-Truth-Books/dp/0825307759/ref=pd_sim_14_2/182-1592160-9162859?ie=UTF8&dpID=51pxsKKP%2BjL&dpSrc=sims&preST=_AC_UL320_SR214%2C320_&refRID=198SZ8G26BPY2YFB6DQA

[7]http://www.amazon.com/Hot-Heavy-Fierce-Girls-Fashion/dp/1580054382/ref=pd_bxgy_14_3/182-1592160-9162859?ie=UTF8&refRID=198SZ8G26BPY2YFB6DQA

 

Ein Gedanke zu “Gastbeitrag: Mehr als eine Hand voll – Fetter Sex

  1. WUNDERBAR geschrieben, danke vielmals! 🙂 ich war mal sehr schlank und hab jetzt über 100 kilos. und GANZ GANZ ehrlich, der sex ist heute besser als früher, nicht weil ich heute dick bin, sondern weil ich GEISTIG gewachsen bin und sex für mich heute einen anderen stellenwert hat. das GEWICHT spielt dabei überhaupt keine rolle! und sex ist doch WEIT mehr als nur eine stellung oder geilsein. ich hatte in meinem leeben auch extrem dünne und auch dicke partner- ich könnte nicht sagen, dass es mit dünn besser oder mit dick schlechter oder umgekehrt wäre. es gibt schlechten sex und guten sex- völlig unabhängig davon, ob man dick oder dünn ist. dass überhaupt jemand auf die idee kommt, zu meinen dicke hätten probleme beim sex find ich ja schon witzig. darüber hab ich mir bisher kaum gedanken gemacht.
    liebe grüße aus österreich- und geniesst einfach den sex mit wem auch immer.

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