Das Ende des Versteckens

Das Ende des Versteckens
von Anita Drexler

Es ist jedes Jahr dasselbe. Die Hitze kommt dahergerollt und man möchte sich eigentlich nirgendwo lieber aufhalten als im kühlen Nass eines Schwimmbeckens.

Nur sind Schwimmbäder für viele Dicke negativ besetzte Orte. Man fühlt die abwertenden Blicke der anderen, hört Gekicher und Getuschel à la „die schaut aus, wie eine Knackwurst“ oder „der hängt der Arsch aus der Hose“ und fühlt sich erbärmlich.

Schwimmbäder sind Orte des Ausgeliefert-Seins und der Sommer damit die Zeit, in der man als dicke Frau am meisten das Gefühl hat, in der Gesellschaft nichts verloren zu haben.

Das spiegelt sich auch wider im Umgang mit Badebekleidung für füllige Frauen.

Die Badeanzüge, die es allgemein in Geschäften zu kaufen gibt, sind einfach nicht für Dicke gemacht. Bikinis enden in der Regel bei Größe 44 – zumindest alles, was nicht schwarz ist oder keinen Oma-Print hat.

Das stylishe Neon-Zeugs, das es bei Tezenis uns Co. zu kaufen gibt, hört sowieso oft schon bei Größe 42 auf. Frauen mit Kurven dürfen maximal auf Badeanzüge mit „kaschierenden“ Raffungen oder Tankinis mit großen Mustern hoffen.

Was immer vergessen wird: Auch dicke Haut bräunt und sieht in Leuchtfarben und gewagten Schnitten gut aus – die amerikanische Designerin Gabi Fresh, die dieses Jahr gemeinsam mit dem US-amerikanischen Bademodenhersteller „Swimsuits for all“ ihre zweite Kollektion unter dem Label „Swim Sexy“ herausgebracht hat, beweist es. Die erste Kollektion mit Galaxy-Prints war letztes Jahr im Handumdrehen weg, auch aus der diesjährigen Kollektion sind viele Stücke schon vergriffen.

Dabei sind diese Badeanzüge, zumindest in meinen Augen, nicht einmal das Nonplusultra, setzt sie doch ganz auf den Entwurf der „selbstbewussten kurvigen Frau, die es versteht, Ihre Rundungen gekonnt zu inszenieren“. Nun will halt nicht jede Frau sexy sein. Aber ihre Entwürfe und deren Beliebtheit zeigen dennoch, wie notwendig es ist, diesen Markt noch weiter zu bedienen.

Ich frage mich also: Wo sind die Hersteller, die Produkte auf den Markt bringen, die sich um dicke Probleme wie reibende Oberschenkel (es gibt kaum Produkte mit Bein), raushängende Brüste (die Körbchengrößen spielen sich immer irgendwo zwischen C und DD ab – alles drüber und drunter wird außen vor gelassen) oder aus dem Höschen quellenden Hüftspeck kümmern? Und warum gibt es in ganz Wien nicht ein Geschäft, das wirklich dickenfreundliche Bademode anbietet? Muss man wirklich in den USA bestellen?

Warum muss das Wenige, das angeboten wird, immer dunkel und unscheinbar und hässlich sein? Vielleicht, weil das Eigenschaften sind, die Dicken zugeschrieben werden? Vielleicht, weil der gesellschaftliche Tenor uns sagen will: versteckt euch, schämt euch, macht euch unsichtbar, verändert euch!

Was niemand versteht: Vielleicht wollen wir uns gar nicht verändern. Wir wollen stolz sein auf unsere Körper jenseits der Norm und trotzdem auf unser Recht pochen, uns würdevoll in der Gesellschaft bewegen zu dürfen – dazu gehört auch das Recht, sich vernünftig kleiden zu können.

Unser Kampf ist ein Kampf gegen die Gleichförmigkeit, die Gleichmacherei und die Indoktrinierung durch die Medien.

Was können wir also tun gegen das Diktat des Marktes? Ich sage: den Mund aufmachen. Briefe an Hersteller schreiben. Kaufen, was am Markt ist und zumindest am Rande den eigenen Vorstellungen entspricht und sich nicht mit den erbärmlichen Resten abgeben, die derzeit den heimischen Anbietern vom Reißbrett fallen. Oder gleich Selbermachen und darüber schreiben oder bloggen. Fast die Hälfte der österreichischen Bevölkerung gilt als übergewichtig. Es wäre also genug Potential vorhanden, um den Markt zu verändern. Das ist vielleicht der einzige Vorteil unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft. Der Markt diktiert. Die Kunden bestimmen im Endeffekt das Angebot.

Wenn sie sich laut und konsequent genug dafür einsetzen.

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