Gewicht und Gesundheit?

ARGE Dicke Weiber Positionspapier

Eines unserer laufenden Projekte ist die Arbeit an einem Positionspapier. Dazu zählt auch die Beschäftigung mit der Frage:

Warum ist die ARGE Dicke Weiber der Überzeugung „Gewicht und Gesundheit hängen nicht miteinander zusammen“?

Zu allererst bedarf es hierfür eine genauere Definition was Gesundheit ist. Für die Mitglieder der ARGE Dicke Weiber ist Gesundheit eine persönliche Empfindung (Selbstwahrnehmung) – ein Wohlgefühl. Empfindungen sind schwierig in Worte zu fassen. Schmerzempfinden, Hitzeempfinden, Kälteempfinden und Wohlgefühl sind bei allen Menschen ganz unterschiedlich. Beim Wohlgefühl steht im Mittelpunkt gut mit sich selbst leben zu können – sich in sich selbst und mit sich selbst wohl zu fühlen – egal in welchem „gesundheitlichen Zustand“ (hier im schulmedizinischen Sinne) frau sich befindet. Für das persönliche Wohlgefühl bedarf es: Lebensfreude, Lebensliebe, Vertrauen und Hoffnung, sowie einen positiven stabilen Selbstwert. Alle menschlichen Grundbedürfnisse sollen erfüllt werden: neben Wärme, Essen, Schlafen, Trinken, Hygiene – haben wir auch ein Bedürfniss nach einem Sinn im Leben, Interessen und Leidenschaften, soziale Kontakte, Teilhabe an der Gesellschaft, nach Liebe und Anerkennung, respektvoller Umgang, Sicherheit und Geborgenheit. Die Erfüllung der Bedürfnisse ist leider nicht immer gegeben und liegt nicht immer unter eigener Kontrolle –so hängt es auch vom Geld ab ob ich Essen und Heizen kann etc. Es liegt nicht im eigenen Ermessen wo wir geboren werden, in welchen sozialen Verhältnissen wir leben, mit welchen körperlichen Bedingungen wir ausgestattet sind (wie groß wir werden, wie unsere Knochen geformt werden, ob wir eine Behinderung haben bzw. bekommen).

Insofern ist Gesundheit teilweise auch eine Entscheidung und Einstellungssache: wie gehe ich jetzt mit den Gegebenheiten (auch mit Einschränkungen, Grenzen) in meinem Leben um? Ich habe diesen Körper, ich habe dieses Leben, was mache ich daraus damit ich jetzt und hier glücklich damit bin? Wie sorge ich dafür dass es mir gut geht? Es gilt alles was mir persönlich unter Gesundheit wichtig ist in meinem eigenen Leben zu verwirklichen. Ich mache also Sachen, die mir persönlich gut tun – vollkommen wertfrei ob sie auch als gesund anerkannt werden zum Beispiel: Zigaretten rauchen, heißes Bad nehmen, Aufzug fahren statt Treppensteigen. Dafür ist folgendes wichtig: Selbstliebe, Entspannen, Grenzen kennen und einhalten: eigene Bedürfnisse achten und wahren, keine Schuldgefühle, kein schlechtes Gewissen, nach Möglichkeit Stressvermeidung, bewusstes Wahrnehmen des Augenblicks, das Wissen wie ich meine Energien und Kräfte einteile, Prioritäten setzen: was muss getan werden und was nicht,  Hilfe suchen und annehmen können sowie Hilfe erhalten, den eigenen inneren negativ Dialog hinterfragen, tiefe innere Überzeugung aufbauen: etwas zu schaffen sowohl als Fertigkeit als auch als Fähigkeit, Humor, Spaß, Blödeln können, über sich selber lachen können, Lachen, etc.

Im Gegensatz dazu beschränkt sich die Schulmedizin auf Symptombekämpfung. Der Mensch wird hier zu quantitativen Daten wie  Blutdruck, Blutzucker, Leberwert, BMI, etc. – die statistisch aufgeschlüsselt werden um Auskunft über Gesundheit und Krankheit zu geben. Gesundheit und Krankheit sind somit messbar und verallgemeinerbar. Das hat auch seine guten Seiten – Schulmedizin ist in vielen Bereichen hilfreich wie bei Operationen (neues Knie, Grauer Star, Blinddarm, etc. aber ausdrücklich nicht bei Adipositas-chirurgischen Eingriffen), Wundversorgung, Verbänden, etc. Leider kommen die Würde des Menschen, sowie der ganze Mensch an sich, in der Schulmedizin allzu oft zu kurz.

Krankheit, als absoluter und von außen aufgesetzter Begriff, wird in einer von Leistung angetriebenen Gesellschaft zum Stigma, auf das betroffene Menschen nicht oder nur wenig einwirken können. Dies hat zur Folge, dass viele Betroffene vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden. Eben diese Exklusion führt zu einer Einschränkung der Lebensfreude und dadurch zu einer Verminderung der Gesundheit. Die ARGE Dicke Weiber geht sogar so weit zu sagen, dass der soziale Stress, dem Dicke ausgeliefert sind, sie krank macht.

Gerade im Bereich Gewicht vor allem „Übergewicht“ liegt der Schwerpunkt der Schulmedizin an völlig anderer Stelle als beim individuellen Wohlgefühl und der Würde jedes Menschen. Hier wird Dickenhass hinter Begriffen wie Aufklärung, Wahrheit und Wissenschaft getarnt. Mittels dieser Dickenfeindlichkeit, Demütigung, Herabwürdigung, Belustigung und Angstmache werden Dicke dazu getrieben willenlos den Göttern in Weiß zu gehorchen. Beim Abnehmen um jeden Preis spielen das individuelle Wohlgefühl und die Menschenwürde keine Rolle mehr. Wissenschaftliche Beweise dürfen nicht hinterfragt werden sonst wird frau gleich abgestempelt als weltfremd und realitätsfern. Aufklärung besteht dann darin Warnungen über erhöhtes Risiko von Diabetes, Herzkrankheit und den baldigen Tod auszusprechen. Jegliches Aufbegehren und kritisches Nachfragen wird im Keim erstickt. Die dicke, dumme Masse ist anscheinend zu blöd um „die Wahrheit“ zu begreifen. Gesundheitliche Risiken des Dickseins werden übertrieben dramatisch dargestellt. Dicke Menschen werden entmündigt und unter absolute Fremdbestimmung von außen gestellt. Doch das alles geschieht nicht aus Nächstenliebe und Achtung vor dem Leben sondern einzig und allein aus Profitgier.

In der heutigen Gesundheitsdebatte spielen wirtschaftliche Interessen eine große Rolle: Konsum und konsumieren wird als Heilsversprechen eines glücklichen, gesunden Lebens vermarktet. Werbungen suggerieren, dass beim Kauf verschiedenster Produkte Gesundheit, Lebenserwartung und Lebensfreude steigen und dauerhaft erhalten bleiben. Die medial verbreitete Botschaft: „Dicksein ist schlecht, krank und muss um jeden Preis mittels Maßnahmen zur Gewichtsreduktion bekämpft werden“ verschweigt: dass Maßnahmen zur Gewichtsreduktion (Übergewichtschirurgie, der Berufszweig der Ernährungswissenschaften, Diätpillen, etc.) viel Geld kosten – sogar mehr als würden Dicke einfach dick bleiben dürfen.

Bei den Kosten des Gesundheitssystems und der Krankenversicherungen endet oft die Solidarität von Menschen, da ihnen vorgegaukelt wird, Dicke würden das Gesundheitssystem zu sehr belasten. Diese angeblichen Kosten des Dickseins für Krankenversicherungen sind dann die Rechtfertigung von Diskriminierung und Dickenhass. Dies dient als Hauptargument dafür, dass die individuelle Gesundheit und der individuelle Lebensstil plötzlich alle etwas angeht. Man gönnt den Dicken nicht die gleiche medizinische Versorgung, da sie es ja nicht verdienen. „Die Dicken sollen selbst zahlen, sind ja auch selbst schuld“ – so die Parole. Dabei gibt es eine riesige Dunkelziffer jener Dicker, die sich gar nicht zum Arzt trauen und damit obwohl sie „fleißig einzahlen“ nichts dafür zurückbekommen. Dicke sind keine Räuber, die sich etwas einverleiben das ihnen nicht zusteht.

Gesundheit ist nicht verallgemeinerbar. Gesundheit ist kein Durchschnittswert.

Die ARGE Dicke Weiber ist der Überzeugung: Dicksein ist keine Krankheit!  

Die ARGE Dicke Weiber lehnt jegliche Ausübung von psychischem Druck und Zwang auf dicke Menschen ab – für uns stellen solche Maßnahmen für die Gesundheit gewaltsame Übergriffe dar, die die Würde und Selbstbestimmung des Menschen untergraben. Dazu zählen nicht nur medizinische Fachkräfte und Privatpersonen, die sich erdreisten dicken das Leben schwer zu machen, sondern auch Versicherungsanstalten, die Extrazahlungen für „Übergewichtige“ verlangen und medialen Hetzkampagnen wie: „Dicke kosten das Gesundheitssystem zu viel Geld“.

Wir sind der Überzeugung, dass nicht jeder gesund sein muss. Es kann auch nicht jeder gesund sein bzw. gesund werden. Der Zwang zur Gesundheit untergräbt jedwede Menschenwürde und Selbstbestimmung. Gesundheit, Krankheit oder Behinderung dürfen nicht über den Wert eines Lebens entscheiden. Das Gesundheitsdiktat muss aufhören!

 

Ein Gedanke zu “Gewicht und Gesundheit?

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