Dicke Kurzgeschichte: „Dicke Thea“

geschrieben von Malena Glück

Ein klares, lautes und herzzerreißendes Lachen durchdringt die Hallen des alten Gemäuers. Der Boden bebt. Vorsichtig nähert sich Nora der Szenerie.

Springend

Eine dicke, große Frau tanzt und lacht und springt auf und nieder. Die Halle ist groß doch der beleibte Körper nimmt viel Raum für sich. Erst nach und nach kommen die klobigen, hantigen Möbel in ihren Blick, die ebenfalls im Raum stehen. Schwere massive Sitzbänke und bequeme, massive Sitzpölster und Sofas stehen herum.  Auf ihnen sitzen eine Vielzahl von Frauen, die begeistert und bewundernd auf die Tanzende dicke Grazie in ihrer Mitte blicken. Ihre Körper sind alle einzigartig – und miteinander nicht vergleichbar.  Jede Frau scheint fröhlich und Nora fragt sich ob sie wirklich richtig ist in einer solchen Gesellschaft.

Überall steht auch essen herum – gute Speisen, die besten und feinsten die sie je gesehen hat. Ein großes Schild hängt an der Wand: „Nimm dir was auch immer dir beliebt. Sei frei zu essen was du willst, wann du willst, wie viel du willst – aber auch frei es zu lassen. Lass dir keine Ernährungs-Vorschriften mehr machen.“ Nora ist brüskiert wie solch Völlerei gutgeheißen werden kann – doch dann entdeckt sie in sich ein Gefühl, das sie nicht kannte.

Das Betrachten jener dicken Tänzerin, die voller Freude ihren Körper und die ganze Szenerie belebt – die ausfüllt wer und was sie ist -, berührt sie tief und Tränen rollen ihr die Wangen herab. Langsam und mit einem gewissen Unverständnis berührt sie eine der Tränen als wolle sie feststellen ob sie wirklich weine. Wie kann das sein?

Das Lachen der dicken Frau durchbricht ihre Gedanken. Ihr Bauch, ihre Arme, ihre Busen, ihre Beine wackeln vor lachen. Es ist ansteckend und erst jetzt bemerkt Nora, dass auch sie lacht und bebt.

Etwas benommen sucht sie sich etwas zum Setzen. Freudig wird sie empfangen von den Frauen neben ihr. Sie lächeln sie an und reichen ihr die Hand. „Wie hast du uns gefunden?“, hört sie eine Stimme fragen. „Ihr wurdet mir empfohlen von einer Bekannten.“, erklärt sie etwas unsicher ob ihre Bekannte es wirklich gut mit ihr gemeint hat. Einerseits ist sie entsetzt wie diese Frauen ihre Fülle leben können und andererseits ist etwas in ihr beeindruckt wie wunderbar es ist solch mutige, starke und selbstbewusste dicke Frauen wahrhaft anzutreffen. In ihr wird die Frage laut ob es wirklich sein muss – sich selbst klein zu machen und seinen Körper nur zu einem Bruchteil auszufüllen.

„Mir erging es ähnlich wie dir Nora“, erzählt eine der Frauen neben ihr „Ich war verunsichert ob ich wirklich hierher gehöre und dann habe ich mit Thea gesprochen.“ „Wer ist Thea?“, fragt Nora etwas schüchtern nach.

Springend„Thea ist unsere lachende Tänzerin. Thea Margrit ist rund, beleibt, belebt und bewegt. Sie ist wild und frech. Und sie lebt ihre Fülle, sie lebt ihr Fett. Sie lässt sich nicht beschränken, nicht in Konventionen drängen. Sie ist glücklich mit sich selbst so wie sie ist. Thea ist ein großes Vorbild für uns alle. Vielleicht ist es ja auch das Richtige für dich, aber das musst du selbst entscheiden.“, erwähnt eine dritte Frau.

Nora beobachtet die dicke Thea beim Tanzen, beim Lachen, beim Springen, beim Drehen. Und dann kommt Thea zum stehen und setzt sich neben Nora. „Hallo“, sagt sie laut zu Nora. Nora platzt es heraus: „Wie kannst du nur so dick sein?“ Lachend erwidert Thea: „Ich bin es. Und was ist mit dir?“

„Was soll mit mir sein? Ich bin nicht dick. Ich bin …“ Nora beginnt zu stottern. Thea meint: „Sei uns Willkommen Nora. Sei du selbst. Wir brauchen keine Erklärungen. Niemand hier verurteilt dich oder beurteilt dich auch nur. Du bist du, du machst was du machst und was du machen willst. Hier geht es dabei wir selbst zu sein, uns so anzunehmen wie wir sind und uns darin zu bestärken alles an uns zu lieben und zu leben. Ich lebe meinen dicken Körper. Lebe seine Fülle, seine Pracht. Ich mache alles was mir möglich ist mit meinem dicken Körper und habe aufgehört mich selbst für ihn zu verurteilen. Und ich werde solange in meinem ganzen dicken Körper leben bis ich Tod bin – ich habe beschlossen, dass dies für mich ein glückliches, erfülltes Leben ist. Das war und ist meine Entscheidung. Jede Frau muss selbst entscheiden was für sie ein glückliches und erfülltes Leben ist. Und die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit diesen Fragen nach Sinn, Absicht und Ziel im Leben kann ihr keine abnehmen. Also Nora frage dich selbst: Bist du hier richtig?“

Ohne die Antwort abzuwarten steht Thea auf und beginnt wieder lachend zu tanzen. Und diesmal machen ihr es einige andere Frauen gleich, stehen auf und tanzen. Jeder ihrer Körper ist unterschiedlich, manche sind dünn andere dick, manche sind klein andere groß, manche sind knochig andere fleischig, manche sind behaart andere ohne Haare, manche haben Falten andere Warzen. Jede ist auf ihre Art schön und lebendig. Jede lacht und strahlt ihre Fröhlichkeit aus. Jede belebt den Raum um sich, indem sie einfach voll und ganz sie selbst ist – authentisch, in sich selbst, sich selbst voll ausfüllend.

ArgeDiW7e

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