Gegen Übergewichtschirurgie

ARGE Dicke Weiber Positionspapier

Eines unserer laufenden Projekte ist die Arbeit an einem Positionspapier. Hier ist der erste Text zum großen Thema »Übergewichtschirurgie«.

Warum ist die ARGE Dicke Weiber gegen Übergewichtschirurgie?

Übergewichtschirurgie ist ein Experimentieren am Körper, das schwerwiegende Folgen für Gesundheit und Lebensqualität mit sich führt, die eine lebenslange medizinische Nachbetreuung erforderlich machen. Getarnt als endgültige und einfache Heilsversprechung und unter dem Druck ärztlicher Empfehlungen werden Dicke überall dazu aufgefordert. Dabei handelt es sich um eine ähnliche Geschäftemacherei wie bei Schönheitschirurgie, Gebärmutterentfernungen und Kaiserschnitten.

Es wird weder gesagt welche Lebenseinschränkungen frau nach so einer Operation erwarten kann noch, dass frau trotzdem dick bleiben oder nach anfänglichem Abnehmen wieder dicker werden kann. Es wird nicht aufgeklärt darüber, dass frau sich ständig mit Essen befassen muss (vor allem mit dem, was frau noch essen kann und in welcher Form, vor allem wie viel) – die gesamte Denkweise wird dann zunehmend eingenommen von diesem Thema (Dünn bleiben, Essen). Ebenso wenig wird darüber informiert, dass, wenn frau abnimmt die überzählige Haut operativ entfernt werden sollte, da ansonsten unter den Hautlappen Ekzeme, Pilze, etc.  entstehen können, die ebenfalls einer lebenslangen Behandlung bedürfen. Eine solche Hautreduktion muss selbst bezahlt werden und ist ebenso riskant wie eine Magenverkleinerung. Weitere Ausführungen zu den gesundheitlichen Gefahren von Übergewichtschirurgie findet ihr in unserem eigenen Artikel.

Jedes Individuum hat das Recht für sich zu entscheiden, wie sie mit sich umgeht und was sie mit sich macht und machen lässt. Eine freie Entscheidung innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft zu treffen, deren Hauptziele »Schönheit, Normierung und Leistung« geworden sind, ist aber nahezu unmöglich. Die prinzipielle Verpflichtung sich bariatrischen Operationen zu unterziehen um sich einer Konvention anzupassen, die uns von außen auferlegt wird, ist Körperverstümmelung und Gewalt an Frauen auf Krankenschein.

Natürlich verstehen wir auch die Verzweiflung, die Frauen dazu verleitet zu sagen: Ich will nicht mehr dick sein, ich würde alles tun um nicht mehr dick zu sein. Der soziale Druck auf Dicke ist so enorm, dass frau sich kaum in ihrer Haut wohl fühlen kann. Doch die Versprechungen: wenn du dünn würdest, dann würden wir dich mögen/lieben, dann würdest du Arbeit finden, dann wärst du schön, dann wärst du glücklich, dann wärst du gesund, dann wärst du beweglich, sind Lügen, denn sobald frau abgenommen hat, wird ihr etwas Neues eingeredet, mit dem sie unzufrieden zu sein hat (Körperbehaarung, Cellulite, unreine Haut, Zähne). Probleme und Unwohlsein kommen nicht vom tatsächlichen Gewicht oder dem tatsächlichen Äußeren, sondern durch das Umfeld, die Art wie ich lebe, wie ich sozialisiert werde. Auch davon, dass ich mir selbst alles Mögliche im Leben verbiete, weil ich mich schäme. Diese Scham wird von außen angeregt. Auch dünne Frauen sind mit ihrem Körper unzufrieden – diese Unzufriedenheit ist angelernt um der Wirtschaft zu dienen.

Wir wären selbst wenn es keine gesundheitlichen Nebenwirkungen bzw. Auswirkungen auf die Lebensqualität der Menschen hätte gegen Übergewichtschirurgie. Denn Übergewichtschirurgie wie sie derzeit von unserem kapitalistischen System ausgeübt wird, erzeugt den Druck und den Zwang sich anzupassen. »Sei fit« – der neueste Slogan unserer Gesellschaft heißt nichts anderes als »Beuge dich der Norm und mach dich brauchbar für die Wirtschaft«. Hier berührt unsere Diskussion die Behindertenbewegung, die sich gegen die Vereinnahmung durch die Gesellschaft wehrt.

Übergewichtschirurgie steht auch als Symbol für die Pathologisierung von dicken Frauen und ihren Körpern sowie der damit verbundenen Abwertung. Weder betrachten wir Dicksein als »krankhaft/pathologisch« noch als etwas das der »Heilung« bedarf. Wir sind der Meinung, dass jedes Leben lebenswürdig ist und dass wir als Gesellschaft nicht beschließen dürfen, dass eine »Körperform bzw. Körpernorm« ausschlaggebend ist, ob ein Leben lebenswürdig ist oder nicht. Auch der derzeitige Jargon von »Krank und Gesund« darf nicht ausschlaggebend sein, ob ein Leben lebenswürdig ist oder nicht. Die Würde eines jeden einzelnen Lebens darf nicht bemessen werden und schon gar nicht aufgrund von Leistung, Aussehen, Fitness, Nützlichkeit/Brauchbarkeit, Gesundheit des einzelnen Menschen.

Wir lehnen Übergewichtschirurgie ab, da sie mit zum großen Industriezweig geworden ist, der sich an der Diskriminierung von dicken Frauen bereichert – einerseits finanziell andererseits mittels der Möglichkeit an Frauenkörpern herumzuexperimentieren. Solange diese Gesellschaft den Normierungs- und Schönheitszwang nicht aufgibt, solange wird Übergewichtschirurgie ein Mittel bleiben um Menschen insbesondere Frauen zu unterdrücken.

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