Warum dieser Dickenhass?

von Malena Glück

Heute als Europäerin aufzuwachsen heißt, bereits mit der Einstellung geboren zu werden, es gäbe ein »richtiges« Körpermaß und ein »falsches« Körpermaß. Dem richtigen Körper wird jede positive Eigenschaft zugeschrieben, die wir uns nur vorstellen können: schlank, klug, schön, beweglich, diszipliniert, gesund. Dem falschen Körper schreiben wir alle negativen Eigenschaften zu: dick, dumm, hässlich, unbeweglich, faul, ungesund. Ein Mensch dieser Zeit wird von einer »gefährlichen Epidemie« namens »Adipositas« »heimgesucht«, die es unbedingt zu »bekämpfen« gälte. Solche Aussagen werden von Ärzten und Ärztinnen, Lehrern und Lehrerinnen, Politikern und Politikerinnen, Journalisten und Journalistinnen, Eltern, Großeltern, Verwandten, Bekannten, Freunden und sogar von einer selbst ständig wiederholt – bis frau es schließlich glaubt.

Ein Kind muss gar nicht mehr davon überzeugt werden, es hat es so oft gehört, dass es dies gar nicht mehr hinterfragt. Niemand hinterfragt mehr den Dickenhass und die Dickendiskriminierung, die in Verallgemeinerungen wie »Dicke sind ungesund. Dicke sind krank.«, »Dicke essen einfach viel zu viel.« und »Dicke sind doch selbst schuld« stecken. Der Hass auf dicke Körper ist das neue Feindbild, es ist nicht mehr angebracht mit einem anderen Land Krieg zu führen – führen wir halt Krieg gegen den dicken Körper.

Zerstückeln, zerschneiden, zerstören wir diesen Körper im Namen der Gesundheit, im Namen der Wirtschaft. Lenken wir die Unzufriedenheit, den Zorn und den Hass der Gesellschaft für die Erhaltung des Status Quo einfach auf wehrlose Menschen, die bald selbst ihre größten Feinde sein sollen. Und wir Dicke sind dann auch bald unsere eigenen Feinde, glauben an unsere eigene Schuld und Schwäche, wir glauben an unser eigenes Versagen und lassen uns zu »unwürdigen Menschen« machen. Hier werden wir DICKE diskriminiert, hier nehmen wir an unserer eigenen Diskriminierung teil, hier werden wir frei gegeben für Spott, Hohn, Verachtung, Hass, Anfeindung und Ausrottung. Hier und jetzt sind Dicke dem Gutdünken ihrer Mitmenschen ausgeliefert – entweder bemitleidet oder geächtet stehen wir Dicke alle unter großem Leidensdruck: niemand will Austragungsort eines Krieges sein – doch der Krieg gegen »Adipositas« ist ein Krieg gegen jede Dicke.

Wer jetzt noch fragt: »Und wer ist diese angebliche Gesellschaft?« Dem antworte ich: »Wir alle sind das, jede einzelne von uns und wir müssen beginnen uns selbst zu hinterfragen – beginnen zu hinterfragen, was wir als wahr ansehen und beginnen zu hinterfragen, ob uns das wirklich allen dienlich ist?« Schaffen wir Raum für den dicken Körper. Fördern wir Selbstliebe und Selbstakzeptanz und schüren nicht weiter Angst vor dem Dicksein und Dickerwerden und Druck Dünn zu werden bzw. Dünn zu bleiben.

Hören wir auf, die Körperverstümmelung mittels Adipositaschirurgie zu loben, zu preisen und zu vermarkten. Blicken wir hinter die Vermarktungsindustrie: Geld kann kein Leben aufwiegen – obwohl es oft viele Leben kostet, gerade im Bereich der Adipositaschirurgie. Dieselben Industrien deren Werbeeinschaltungen dafür sorgen, dass wir stets mit uns und unseren Körpern unzufrieden sind, profitieren von unserer Angst und unserem Druck. Ohne diesen sozialen Druck würden viele eine chirurgische Behandlung nie in Betracht ziehen.

Hören wir auf mit der ständigen Bestätigung von Minderwertigkeit und Unzufriedenheit, sondern ermutigen und bestärken wir einander wieder. Schenken wir einander Lob und Anerkennung für das So sein wie frau ist. Jeder Körper ist ein guter Körper und in jedem Körper ist ein wunderbares, erfolgreiches und glückliches Leben möglich.

Adipositas ist keine Krankheit. Dicksein ist keine Krankheit. Es kann ein Symptom einer Krankheit sein bei Menschen die sich selbst als »fettsüchtig« begreifen wollen, aber es ist sicher nicht prinzipiell eine Krankheit bzw. ein Symptom dafür. Ich bin der Überzeugung, dass Dicksein Teil der menschlichen Vielfalt ist. Es gibt und gab immer Dicke und es wird uns immer geben, solange wir uns nicht auslöschen (und unsere Leben zerstören lassen).

Selbstakzeptanz wird oft damit gleichgesetzt, »gerne dick zu sein« (mit negativer Konnotation), »sich aufgegeben zu haben« bzw. »sich selbst zu belügen« – doch es ist ein Aussteigen aus dem Selbsthass und dem Kampf gegen den eigenen und gegen fremde dicke Körper. Ein Krieg fordert immer Tote und wir sind einfach Menschen, die nicht dafür sterben wollen dünn beerdigt zu werden. Es kann uns allen nur gut tun in Frieden mit uns selbst und mit unseren Körpern zu leben.

Die Adipositaschirurgie zeigt aber, dass es genug Tote in diesem Krieg gibt – Menschen die bereit sind zu sterben nur um nicht mit »Arthrose« oder »Diabetes« oder »anderen Begleiterkrankungen« oder doch nur mit dem »gesellschaftlichen Hass« zu leben – sie gehen bewusst das Risiko ein »jetzt zu sterben«bevor sie noch einen Tag in dem »Kriegsgebiet des dicken Körpers« leben wollen.

Ich bin und war kein Kriegsgebiet und ich lasse mich nicht dazu erklären. Schließen wir uns zusammen und lasst uns und unseren Körpern, den Frieden bringen, den wir alle brauchen um ein glückliches, erfülltes Leben führen zu können. Denn ein glückliches, erfülltes und wunderbares Leben ist mit jeder Gewichtsklasse und in jedem Körper möglich. Jeder Körper ist ein guter Körper.

Danke.

2 Gedanken zu “Warum dieser Dickenhass?

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