Lisa Isherwood: The Fat Jesus

Eine Buchrezension von Maike Kittelmann

Lisa Isherwood: The Fat Jesus»The Fat Jesus« ist ein Buch der britischen feministischen Befreiungstheologin Lisa Isherwood, und schon 2007 erschienen. Jetzt sagt vielleicht jemand: »Theologie??« Aber es gibt gute Gründe, das Buch zu lesen!

Vor allem ist die Verurteilung Dicker in unserer Gesellschaft definitiv eine moralische Verurteilung. Auch wer mit Religion nichts anfangen kann, sieht sich damit konfrontiert, dass das Christentum 2000 Jahre westliche Werte beeinflusst hat. Wenn wir also fragen, woher die absurde moralische Verdammung des Dickseins kommt, ist es unvermeidbar, einen Blick in die Geschichte des religiösen Denkens zum Thema Essen und Nicht-Essen zu werfen.

Ein zweiter Grund, das Thema von einer religiösen Perspektive zu analysieren, ist der unübersehbare, definitiv religiöse Charakter der Diät- und Fitness-Ideologie. Es geht nicht einfach um den Körper. Es geht um Lebensveränderung, Gewichtsverlust wird mit Persönlichkeitswachstum gleichgesetzt, »gut« und »böse« werden in den Bereich der Lebensmittel verschoben, es geht um eine »Bekehrung« zum Dünn-Sein, man hofft auf eine Art »Erlösung«, alles soll besser werden durch das Fit-Sein, Schön-Sein, Dünn-Sein. Aber es gibt »Versuchungen«, und die Dicken haben ihre »Verdammnis« verdient. All das sind eigentlich religiöse Denkweisen. Und viele Leuten verdienen sehr viel Geld an dieser »Religion«. Es ist beruhigend, dass sich eine Theologie-Professorin, die selber dick ist, das mal genauer angesehen hat.

Lisa Isherwood ist sich sicher, dass diese Abnehm-Religion keine gute Religion ist, da sie auf Kontrolle und Bevormundung von (hauptsächlich) Frauen gründet. Ihr Sprachgebrauch in Bezug auf Dicke ist diplomatischer allgemeiner Sprachgebrauch, so kann sie z.B. von den »grossly obese« (etwa: »extrem Fettleibigen«) sprechen. Wer aber Ihrer Argumentation folgt, hört nichts von einer Pathologisierung. Mehrfach streut sie Informationen ein, dass in anderen Kulturen Zivilisationskrankheiten, die bei uns mit Dicksein in Verbindung gebracht werden, nicht auftreten, dass also vermutlich diese Krankheiten mehr mit dem Stress durch Ausgrenzung und Abwertung zu tun haben, als mit dem Dicksein. Dabei übernimmt sie Susie Orbachs These, dass Dicksein Widerstand gegen das Patriarchat bedeutet, denkt diese These aber weiter: Pathologisch ist nicht der dicke Körper, sondern die irrationale Angst vor ihm.

Die christliche Theologie hat und hatte oft Gottesbilder, die Gewalt und Unterdrückung ermöglichten. Feministische Theologie fragt daher: Wie muss ein Gottesbild aussehen, damit es befreit? Damit zum Beispiel mit diesem Gottesbild die Unterdrückung von Frauen unmöglich wird oder die Abwertung von nicht-normgerechten Körpern? Ihr Vorschlag dazu ist, sich Jesus als dick vorzustellen. Dabei geht es nicht um historische Spitzfindigkeiten (obwohl Jesus tatsächlich in der Bibel als »Vielfraß« beschimpft wird), sondern darum, überkommene Gottes-/Menschenbilder aufzubrechen, sodass sie nicht mehr missbraucht werden können, um zum Beispiel Frauen mit einer Diät-Religion spirituelle oder säkulare »Höllenängste«einzujagen.

146 Seiten über die kulturelle Bedeutung von Dick- und Dünnsein aus feministischer Perspektive, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

Hier als Vorgeschmack ein BBC Interview mit ihr von 2008 (das Interview ist sehr zahm im Vergleich zu dem Buch).

(Soweit ich weiß nur auf Englisch verfügbar. Auf Deutsch gibt es einen kurzen Auszug mit dem Titel »Schlank werden für Jesus?« in der Zeitschrift »Junge Kirche« Jg. 71 (2010); Heft 4, S. 29-32.)

Lisa Isherwood
The Fat Jesus
Feminist explorations in boundaries and transgressions
Darton, Longman & Todd Ltd, London, 2007
ISBN 978-0-232-52638-7

[Maike Kittelmann, 2013]

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