»Nicht schlank? Na und!« von Angelika Diem

Eine Buchkritik von Patricia Wendling

Nicht schlank? Na und! von Angelika DiemHätte Angelika Diem die ARGE Dicke Weiber nicht über das Erscheinen ihres Buches informiert, wäre ich vermutlich nie über diesen Ratgeber gestolpert. Wäre mir dabei etwas entgangen? Ich bin mir nicht sicher.

Wie vielen Frauen und Mädchen so ging es auch der Vorarlberger Lehrerin und Autorin Angelika Diem. Sie hasste ihren Körper und machte ihn für alles, was in ihrem Leben nicht so gut lief verantwortlich. Jahrzehntelang versuchte sie abzunehmen, nach jeder Diät kamen die Kilos aber wieder zurück. Als sie 42 Jahre alt war, entschloss sie sich, damit aufzuhören und ihren Lebensstil zu verändern, um unabhängig von ihrem Gewicht gesünder und glücklicher zu werden. »Gesundheit, Wohlbefinden und Gewicht hängen nicht miteinander zusammen.« Diese so wahre Erkenntnis will die Autorin in ihrem Ratgeber teilen.

Das gelingt ihr auch – zumindest am Anfang und am Ende. In der Mitte des Buches scheint sie es irgendwie zu vergessen. Da geht es auf über 90 Seiten um altbekannte Ernährungsratschläge und Bewegungstipps für dicke Menschen, um kaschierende Mode und Styling, um die richtige Inneneinrichtung und jede Menge anderes »Expertenwissen« – darüber, was wir zu tun und zu lassen hätten. Unter anderem von Ärzten, einer Diätologin, einem Physiotherapeuten, einem Heilpraktiker, einer Farb- und Stilberaterin und einer XXL-Einrichterin. Das alles mit dem vordergründigen Ziel gesünder und selbstbewusster zu werden. Doch insgeheim scheint es doch darum zu gehen, keinesfalls mehr zuzunehmen. Denn so richtig ok finden die Autorin und die Interviewten das Dicksein nicht. Im Gegenteil. Angelika Diem distanziert sich klar von »Betroffenen, die unter schwerer Adipositas leiden«. Für sie seien die Ratschläge in diesem Buch nicht so leicht umsetzbar. Ab wann wir von »schwerer Adipositas« sprechen dürfen und in welche Kategorie eigentlich die Frau auf dem Bucheinband fällt, diese Fragen tauchen plötzlich bei mir auf und bleiben unbeantwortet. Alles in allem lese ich in diesen ersten sechs Kapiteln nichts, was nicht schon hundertmal irgendwo geschrieben, gesagt und verbreitet wurde.

Spannender wird es dann wieder ab dem Kapitel 6.8. »Und Konter!«, wo die Autorin mögliche Reaktionen auf dickenfeindliche Beleidigungen und Sprüche vorschlägt – in Situationen, die wir alle aus dem Alltag kennen. Das inspiriert und macht Mut. Und spätestens beim klugen Interview mit Stephanie von Liebenstein von der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung frage ich mich als Leserin, ob ich tatsächlich noch im selben Buch bin. Denn da finde ich plötzlich so tolle Sätze wie die folgenden:

»Der diskriminierende Diskurs lässt sich nicht einfach dadurch ändern, dass man beispielsweise unter Beweis zu stellen versucht, dass man dem Klischee überhaupt nicht entspricht. Ein Dicker, der in der Kantine nur Salat isst, wird am Grundproblem nicht viel ändern können, denn dann heißt es: Der stopft sich wahrscheinlich zu Hause jeden Abend mit Süßigkeiten und Chips voll, sonst könnte er gar nicht genug Kalorien aufnehmen, um so dick zu bleiben. […] Die gesellschaftliche Wahrnehmung von Dicken allgemein zu verbessern – und damit langfristig auch die eigene – ist eine ganz andere Angelegenheit […]. Sobald man nämlich kundtut, dass man nicht gedenkt, sich wegen des eigenen Gewichts selbst zu diskriminieren, wird es im unmittelbaren sozialen Umfeld merklich kühler. […] Das auszuhalten gelingt nicht allen. Die gute Botschaft lautet jedoch, dass sich genau dieser Weg auszahlt.« (Seite 122)

Fazit:

Das Buch ist für Menschen, die den Schlankheitswahn zum allerersten Mal hinterfragen sicher ein guter Einstieg. Vielleicht auch für LeserInnen, die – aus welchen Gründen auch immer – Anregungen für einen bewussteren Alltag suchen. Aus dickenaktivistischer und aus feministischer Sicht fehlt es dem Buch aber an Bewusstsein für gesellschaftliche Zusammenhänge und irgendwie auch etwas an persönlicher Tiefe. Es erinnert mich eher an journalistische Beiträge, bei denen verschiedene Meinungen zu einem Thema zusammengetragen wurden ohne dass die Autorin selbst Stellung bezieht. Dadurch bleibt es teilweise in gängigen Klischees stecken, z.B. »viel essen macht dick«, und übernimmt die Meinung, dass hohes Gewicht grundsätzlich etwas Schlechtes ist. Das ist schade.

P.S.:

Ich bin davon überzeugt, dass die Befreiung aus dem Schlankheitsterror nur mit radikaler Selbstliebe möglich ist. Und der Weg zu radikaler Selbstliebe beginnt mit einem einfachen Satz: »Ich bin gut so wie ich bin – jetzt und hier und ohne Wenn und Aber.« Und das gilt selbstverständlich auch für sehr dicke Menschen und auch für Menschen, die auf jegliche Ernährungs- und Bewegungsvorschriften pfeifen.

Angelika Diem
Nicht schlank? Na und!
Weg vom Diätfrust und einfach gut leben!
Verlag Bc Publications Gmbh, 2012
144 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3941717077
nichtschlanknaund.wordpress.com

Ein Gedanke zu “»Nicht schlank? Na und!« von Angelika Diem

  1. Ich möchte mich bei der Arge Dicke Weiber für die Vorstellung meines Buches bedanken. Ich bin mir bewusst, dass meine Erfahrungen, die in das Buch eingeflossen sind, sich nicht mit allen meiner potentiellen Leserinnen decken können, daher werden einige Leserinnen nur einen Teil des Inhalts als für sie und ihre momentane Lebenssituation nützlich empfinden.
    Jede Leserin ist als Mensch einzigartig und wertvoll und verdient es, sich rundherum wohl und wertgeschätzt zu fühlen.
    Ich möchte jede Interessierte einladen, meinen Blog zum Buch zu besuchen, wo ich verschiedene Themen aus dem Buch update, denn das Leben steht niemals still.
    http://nichtschlanknaund.wordpress.com/

    Vielen Dank!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s