Wer schön sein will, muss reisen von Tine Wittler

Eine Buchrezension von Christine Abdel Maguid-Fiedler

Wer schön sein will, muss reisen von Tine Wittler
Eigentlich will Tine Wittler nur einen Roman über die Erlebnisse einer dicken Frau in Mauretanien schreiben, doch dann beschließt sie selber in das Land zu fahren, in dem dicke Frauen als schön gelten. In Tagebuchform schildert sie ihre Reise ins Land der runden Frauen von den ersten Planungsstadien bis zur Rückkehr in ihre Heimat.

In den ersten Kapiteln werden die Reisevorbereitungen beschrieben, die durch Bürokratie und die politischen Unruhen in Nordafrika 2011 (Revolten in Ägypten und Marokko) erschwert werden. Immer wieder stellt sie den Schönheitsbegriff vor allem in Europa in Frage, da sie als dicke Fernsehmoderatorin immer wieder angefeindet wird. In Mauretanien angekommen macht Tine Wittler zum ersten Mal die für sie überwältigende Erfahrung als schön wahrgenommen zu werden. Sie schließt schnell Freundschaft mit einheimischen Frauen. Zwischen den Frauen gibt es kein Konkurrenzdenken, jede dicke Frau gilt als schön.

Allerdings nehmen mauretanische Frauen sehr viel in Kauf um dick zu werden. Sehr viele unterziehen sich schon in sehr jungen Jahren bzw. werden als Mädchen dazu gezwungen sich der Gavage (Mastkur) zu unterziehen, bei der Frauen täglich bis zu 20l Kamelmilch trinken müssen. Seit neuestem ist auch die sogenannte chemische Gavage in Mode bei der Frauen Medikamente schlucken, die eigentlich für Kamele gedacht sind und mit immensen Nebenwirkungen sehr rasch zu einer Gewichtszunahme führen. Mittels schockierenden Fernsehkampagnen versucht die Staatspolitik ein gegenteiliges Schönheitsideal zu verbreiten, allerdings bis jetzt ohne Erfolg. Die Frauen sind überzeugt solange die Malhafa, das traditionelle Frauengewand, getragen wird, wird das Schönheitsideal die dicke Frau bleiben. Und die Malhafa ist bei mauretanischen Frauen nicht weg zu denken.

Ich habe es sehr interessant gefunden, dass in einer anderen Kultur mit einem anderen Schönheitsideal die Grundproblematik gleich bleibt. Egal ob dick oder dünn: Frauen sind bereit unter anderem große Gesundheitsrisiken auf sich zu nehmen um der gerade gültigen Norm zu entsprechen. Am meisten hat mich das Selbstverständnis der Frauen beeindruckt: »Wir sind schön, wir sind stark, wir sind ja Frauen«, ein solches Selbstverständnis macht den hierzulande weiterbreiteten Konkurrenzkampf unnötig.

Obwohl ich normalerweise in Tagebuch geschriebene Bücher nicht sonderlich mag, habe ich es diesmal als durchaus brauchbares Stilmittel empfunden. Das Buch wird dadurch lebendiger und Tine Wittler gewährt uns dadurch einen guten Einblick in ihre eigenen Gedankengänge. Die Darlegung einiger verletzender Kommentare auf Tine Wittlers Fernsehauftritte und ihre eigene Betroffenheit haben mich sehr berührt. Störend waren die elend langen und unglaubwürdigen Diskussionen mit Männern über die Schönheit von Frauen, die leider ebenfalls in dem Buch seitenweise vorkommen.

Es ist kein dickenaktivistisches Buch, aber ich finde es durchaus lesenswert um mehr über das Leben von dicken Frauen in einem völlig anderen Kulturkreis zu erfahren und dadurch einen neuen Blickwinkel zu erlangen wie es sein könnte.

Tine Wittler
Wer schön sein will, muss reisen
Ein Selbstversuch im Land der runden Frauen
Verlag FISCHER Scherz, 2012
288 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-502-15197-5

Ein Gedanke zu “Wer schön sein will, muss reisen von Tine Wittler

  1. Dazu fällt mir ein „Feeding Desire: Fatness, Beauty and Sexuality Among a Saharan People“ von Rebecca Popenoe. Eine schöne ethnographische Annäherung über Frauen im Niger – falls jemensch Interesse hat, etwas wissenschaftlich aufbereitetes zum Thema zu lesen.

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