Eine Kritik und unsere Antwort

Die ARGE Dicke Weiber bekommt auch nicht so nette Emails. Eines zum Thema größenvariables Sitzmobiliar wollen wir hier veröffentlichen und gleichzeitig dazu Stellung nehmen.

Sehr geehrte ARGE Dicke Weiber,

Ihre Anliegen sind mir erstmals in einem Fernsehbericht aufgefallen, eine ihrer Aktivistinnen, Christine Abdel Maguid-Fiedler sagte dort angesprochen auf Orte der Diskriminierung: »In der Straßenbahn wo teilweise die Sitze zu eng sind […]«. Sie haben dazu die Forderung aufgestellt, dass nicht nur in öffentlichen Einrichtungen sondern auch bei Privatbetreibern wie Theater oder Kinos größenvariables Sitzmobiliar aufgestellt werden soll.

Vielleicht sagen ihnen Organisationen wie ISO, IEC oder DIN etwas, es sind diese Normenorganisationen, die Standards und Normen erlassen. Normen findet man so gut wie überall im Alltag: Die Höhe einer Treppe ist genormt, die Größe eines Blatt Papier ist genormt, in der IT, Elektronik und der Medizin sind viele Schnittstellen weltweit gleich. Ziel von Normen ist primär die kostengünstige (massenhafte) Beschaffung der Materialien sowie eine Erleichterung des Lebens durch Einheitlichkeit.

Normen sind auf den »Durchschnittsmenschen« zugeschnitten. Dessen Eigenschaften werden nicht etwa über sozial konstruierte Phantasien sondern durch bloße Statistik und Messung ermittelt. So ist bekannt, dass die Verteilung der Körpergröße einer Gauß’schen Glockenkurve folgt: Sehr viele Menschen haben eine »mittlere« Größe, sehr wenige Menschen sind sehr klein oder sehr groß. Beim Körpergewicht ist diese Glockenkurve abgeflacht aber dennoch vorhanden: Die Mehrheit der Österreicher hat einen BMI zwischen 18 und 25, was dem »Normalgewicht« entspricht, mit stärkerer Neigung zum Über- als zum Untergewicht (Hinweis: Die Formulierung »Normal(gewicht)« heißt dem historischen Wortsinn nach: Der Norm entsprechend und nicht »richtig« oder »falsch«).

Es hat daher einen einfachen Grund, warum Sitze in der Straßenbahn so aussehen wie sie aussehen: Sie sind für die Mehrheit gemacht. Es maßt nun etwas seltsam an, wenn eine Gruppe an Frauen die in puncto Körpergewicht bei weitem nicht die Mehrheit der Bevölkerung stellt, sich das Recht herausnimmt, dass sich alle anderen Menschen nach ihrer persönlichen und subjektiven Vorstellung bezüglich des Körpergewicht richten sollen. Ein guter Freund von mir hat eine Körpergröße von 2,10 Meter. Da die meisten Türen auf eine Höhe von 2 Meter genormt sind, muss er sich so gut wie immer leicht bücken, wenn er einen Raum betreten will. Er käme sicher nie auf die Idee (so gut kenne ich ihn) zu fordern, alle Türen müssen nun ein Mindestmaß von 2,50 aufweisen. Er nimmt sich nicht zu wichtig alsdass er andere Menschen dazu auffordern müsste, ihn wegen seiner Körpergröße »anders« zu behandeln – er ist wie er ist, und das ist gut so.

Solche Forderungen von ihrer Seite lösen nur Kopfschütteln aus, vor allem deswegen, weil die Minderheit der Mehrheit hier ihr Diktat aufzwängen will. Was würden sie sagen, wenn sich eine »Arbeitsgruppe Rank und Schlank« bildet, die die Fahrkostenpreise vom Gewicht abhängig macht: Dünne zahlen weniger, weil sie weniger zu transportierendes Gewicht haben und in der UBahn volumsmäßig weniger Platz einnehmen. Was gäbe es da wohl für einen Aufschrei von ihrer Seite, wenn sich Dünne anmaßen würden, ihre Bedürfnisse gegenüber den anderen auszuspielen? Und genauso handeln sie im Moment! Wundern sie sich daher nicht, wenn ihren Anliegen keine große Zustimmung widerfährt.

Mit freundlichen Grüßen
Mag. Simon Nobel

Guten Tag Herr Nobel,

Wenn Sie fertig sind mit dem Kopfschütteln (was ja hoffen läßt, dass Ihr Hirn dabei ein wenig in Bewegung geraten ist), denken Sie bitte nochmal kurz über Ihr Statement nach.

Dass die Anliegen einer Minderheitengruppe im Allgemeinen nicht auf besonders große Zustimmung zu stoßen pflegen, liegt meist nicht daran, dass diese Anliegen unverschämt, seltsam oder anmaßend sind, sondern daran, dass eine nicht betroffene Mehrheit – in Ihrer Logik die »Normalen« (da ja »Norm« für Sie keinerlei Wertigkeit zu enthalten scheint!) sich entweder nicht sonderlich für die Belange der »Abnormalen« interessiert oder sich durch deren Andersartigkeit in ihrer eigenen fragilen »Normalität« bedroht fühlt.

Stellen Sie sich doch mal vor, Ihr offener Brief wäre vor, sagen wir, 20 Jahren zum Thema »rollstuhlgerechte Busse« veröffentlicht worden …. das hätte dann SO geklungen:

»Es maßt nun etwas seltsam an, wenn eine Gruppe an Menschen die in puncto Fortbewegung bei weitem nicht die Mehrheit der Bevölkerung stellt, sich das Recht herausnimmt, dass sich alle anderen Menschen nach ihrer persönlichen und subjektiven Vorstellung bezüglich der Fortbewegung richten sollen.«

Hätten sich – beispielsweise – RollstuhlfahrerInnen nicht permanent und vehement für ihre eigenen Belange stark gemacht, wäre es Menschen wie Ihnen wohl bis heute nicht aufgefallen, wie sehr diese durch ein System der »statistischen Messungen von Normwerten« im Alltagsleben diskriminiert werden. Inzwischen sind öffentliche Verkehrsmittel mit rollstuhlgerechten (und im übrigen auch kinderwagengerechten!) Einstiegen hierzulande zur »Norm« geworden, ebenso wie eigene Rollstuhlplätze und spezielle Stoppknöpfe… – zwar nicht für die Mehrheit gemacht, aber für die Menschen! »Sozial konstruierte Phantasien« können also sehr wohl Wirklichkeit werden!

Grundsätzlich möchten wir aber darauf hinweisen, dass die Normen in den meisten Fällen nicht den Menschen angepasst werden, sondern ausschließlich den wirtschaftlichen Interessen, sprich, wie ist es kostengünstiger. Das hatte zum Beispiel zur Folge, dass Straßenbahnen verschmälert wurden. Oder dass in Zügen, die ursprünglich 6 Sitzkupees und einen Gang hatten, inzwischen 2 Sitze mehr untergebracht wurden. Das läßt sich beliebig fortsetzen und dass vor allen Dingen die »Normalkörpermaße« seit den 60iger Jahren immer mehr ans Twiggie-Pinzip angenähert wurden, was den Umfang betrifft, dass jedoch sehr wohl die Größe der Menschen eine Rolle spielt. Denn es gibt zum Beispiel kaum Betten mit der Norm 180 x 80, sondern mindestens 200 x 90 vielfach auch schon 220 x 90.

Wir können zwar durchaus nachvollziehen, dass Sie als »Nicht-Betroffener« sich für eine solche Sache nicht engagieren möchten (obwohl es uns natürlich schon gut tut, zu sehen, dass sich auch »dünne« Menschen gegen die vielfältige Diskriminierungen Dicker einsetzen), bitten Sie aber, aus Ihrer Position der »Zur-Mehrheit-Gehörenden« umsichtig mit Themen umzugehen, bei denen Ihnen die eigene Erfahrung fehlt! Denn hätten Sie sich ein bisschen mit dem Thema beschäftigt, wüssten Sie vermutlich, dass es bereits »Arbeitsgruppen Rank und Schlank« wie Sand am Meer gibt. Insbesondere Fluglinien sind nämlich sehr daran interessiert, Fahrkostenpreise vom Gewicht abhängig zu machen.

Ihrem 2,10 Meter großen Bekannten wünschen wir übrigens Freunde, die seine – relative, aber doch nicht ganz unproblematische – Benachteiligung anerkennen und wahrnehmen! Wir sind uns sicher, dass er sich über jeden 2,15 m hohen Türstock freut!

Mit freundlichen Grüßen
die ARGE(n) Dicke(n) Weiber

Ein Gedanke zu “Eine Kritik und unsere Antwort

  1. Normung ist die Höflichkeit der Gegenstände. Herrn Mag. Nobel gleich im ersten Satz derart anzusprechen dürfte etwas übers Ziel geschossen sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s