Bauchgefühle von Susann Sitzler

Eine Buchrezension von Malena Glück
Susann Sitzler: Bauchgefühle

Susann Sitzler schreibt in ihrem Buch »Bauchgefühle – Mein Körper und sein wahres Gewicht« (2011) über ihre Erfahrungen und Gefühle gegenüber ihrem eigenen Dicksein, gegenüber dem Dicksein anderer sowie über die gesellschaftlichen Hintergründe und Bilder des Dickseins und den gesellschaftlichen Umgang mit dicken Menschen.

Im ersten Moment war ich nicht begeistert, Beschreibungen zu lesen, die mehr dem allgemeinen öffentlichen Bild des ekelhaften, monströsen dicken Menschen entsprechen als dem des souveränen, selbstbestimmten Dicken, welches ich mir innerhalb der ARGE Dicke Weiber aneignen konnte. Doch ich las weiter und wurde positiv überrascht, denn in dem Buch kommt es zu einer Wendung und zwar zu einer Hinwendung zum Dicksein. Das Buch macht eine Entwicklung im Denken. Es eignet sich demnach für EinsteigerInnen in diese Thematik, die noch sehr geprägt sind von dem Weltbild, in welchem »dick« negativ besetzt ist. Menschen die sich erst daran gewöhnen und überzeugt werden müssen, den Hass auf das Dicksein abzulegen.

Wenn man dieses Buch liest, muss man sich darauf gefasst machen viel über maßvolles, weniger maßvolles, gesundes, ungesundes, schnelles, etc. Essen zu erfahren. Insofern bedient es ein typisches Klischee, nämlich, dass Dicksein auch mit zu viel Nahrung zu tun hat. Dies unterstützt die ARGE Dicke Weiber nicht – denn jeder Mensch muss essen und die negative Verbindung, die zwischen Dick und Nahrung hergestellt wird (insbesondere indem man Wörter wie maßlos verwendet) führt zu Essstörungen und Angst vor Nahrung, Angst davor vor anderen zu essen, etc.

Auch muss man sich gefasst machen auf eine Wortwahl, die noch zu sehr geprägt ist vom gesellschaftlichen Bild des Dicken. Also eine Wortwahl, die auch zu Anstoß, Ärger, Verachtung führen kann. Dazu zähle ich Beschreibungen wie »übermäßig Dicke«, »extrem Dicke« (Sitzler 2011, 16), »an denen das Fleisch herunterfließt« (Sitzler 2011, 17), »Dinosaurier« (Sitzler 2011, 29). Es sind abwertende Bezeichnungen und Beschreibungen, die beim Lesen einen negativen Eindruck hinterlassen.

Doch wenn man diese Aspekte des Buches kritisch im Auge behält, kann man seinen wahren und wichtigen Gehalt ebenso herauslesen. So beschreibt die Autorin vor allem die gesellschaftliche Problematik des Dickseins, darunter das Konkurrenzdenken, welches Frauen angezüchtet wird. Oder auch die falschen Bilder und Manipulationen der Medien, denen wir ausgeliefert sind. Auch die Industrie, die vom Dicksein sowie vom Dickenhass profitiert, wird erwähnt. Es wird dazu aufgefordert, »richtig dick« zu sein. Dabei handelt es sich um das individuelle Wohlfühlgewicht – jenes Gewicht mit dem die individuelle Person sich wohl fühlt – dieses Gewicht ist dann das richtige Gewicht für diese individuelle Person. (Wobei ich zwar die Wortwahl des »richtigen Dickseins« problematisch finde – nicht jedoch die Richtigkeit der eigentlich gemeinten dahinterliegenden Idee.) Weiters ist Susann Sitzler ein gesellschaftlicher und politischer Wandel hin zur Dickenakzeptanz wichtig.

In diesem Buch steckt viel Information, viel persönliche Erfahrung und Entwicklung. Es zeugt davon wie wir selbst miteinander umgehen, wie mit uns umgegangen wird und möchte einen Weg aufzeigen wie man mit Menschen in Zukunft umgehen könnte. Es ist eines der wenigen Bücher in denen Dickenaktivismus umgesetzt und verwirklicht wurde.

Susann Sitzler
Bauchgefühle
Mein Körper und sein wahres Gewicht
München: Verlag C.H.Beck, 2011
187 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3-406-62200-7

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