Deutschlandfunk: Dicke Ungerechtigkeit

Deutschlandfunk / Campus & Karriere / Sendung vom 06.05.2011 / Autorin: Anja Nehls

DICKE UNGERECHTIGKEIT
Wie sich Übergewicht auf Berufswahl und Karriereaussichten auswirken

Wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, Sprache oder Glauben darf niemand benachteiligt werden, das steht schon im Grundgesetz. Aber vielleicht wegen seines Übergewichts? Im Berufsleben gehört Diskriminierung für viele Dicke leider zum Alltag.

Kathleen Cieplik steht in ihrem eigenen Salon in Berlin Prenzlauer Berg und schneidet Haare. Der Salon läuft gut, die rundliche 43-Jährige ist bei den Kunden beliebt und hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen. Dabei hat sie sich eigentlich nur selbstständig gemacht, weil sie als Bewerberin für eine Anstellung in einem anderen Salon abgeblitzt war. Eigentlich war ihr die Stelle schon zugesagt worden. Kathleen Cieplik wollte ihrer neuen Chefin nur noch die Unterlagen vorbeibringen:

»Und dann hatte sie mich offensichtlich gesehen und druckste so rum: Nein, das geht jetzt nicht mehr und so. Und ich war total naiv: Warum nicht, wieso? Das war doch alles klar und ich hatte die Unterlagen dabei und na ja und überhaupt, das ist eben ein ästhetischer Beruf, und da ist bei mir auch noch nicht der Groschen gefallen, und da sagte sie: Na ja, Sie sind nicht ästhetisch – und da bin ich nach Hause gefahren und habe geheult und dachte: Du doofe Nuss.«

Heute kann Kathleen Cieplik darüber lachen – sie ist jetzt ihr eigener Chef.

Selten sind Beleidigungen und Diskriminierungen so deutlich auszumachen wie in diesem Fall. Häufig ist auch für die Betroffenen nicht nachvollziehbar, ob sie nun aufgrund mangelnder Qualifikation oder aufgrund ihrer Körperfülle eine Absage bekommen haben. Die Diskriminierung von Dicken im Beruf hält Gisela Enders vom Verein Dicke e.V. gleichwohl für ausgemacht – sie sei ein Skandal. Sie fordert, dass eine Benachteiligung auch aufgrund von Körperformen – wie zu dick, zu klein oder zu groß – in der europäischen Diskriminierungsrichtlinie ausgeschlossen werden sollte:

»Sie dürfen niemanden bei Jobauswahl offen diskriminieren aufgrund von Alter, Behinderung, Religion etc. Aber es ist kein Problem, jemandem zu sagen, du bist zu dick. Da greift die Antidiskriminierungsrichtlinie nicht.«

Der Staat als Arbeitgeber ist das beste Beispiel. Wer verbeamtet werden will, soll einen bestimmten Body-Mass-Index nicht überschreiten – in der Regel 30 oder 35, je nach Bundesland. Ein Beispiel: Eine Frau, die 1,70 Meter groß ist und 100 Kilogramm wiegt, hat einen Body-Mass-Index von knapp 35. Ein Mann, der zehn Zentimeter größer ist und 115 Kilogramm wiegt, ebenso. Feste Grenzwerte oder Richtlinien für eine Verbeamtung gibt es aber nicht. Bei Übergewicht ist das Ermessenssache.

Offizielle Begründung für eine Ablehnung der Verbeamtung: Dicke haben ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen.

Wenn stark Übergewichtige Staatsdiener werden wollen, müssen sie erst mal abspecken. In Chatforen für Dicke häufen sich Leidensberichte und Tipps für Crashdiäten. Eine genaue Zahl, wie viele Beamtenanwärter wegen ihres Gewichts beim Amtsarzt durchgefallen sind, gibt es nicht. Gisela Enders findet das gesamte Prozedere ungerecht:

»Ein Raucher wird sagen, er raucht nicht, ein Mensch, der dem Alkohol zugewandt ist, wird das auch nicht sagen, und viele andere Risiken, die man nur mit einer sehr genauen Untersuchung erkennen würde, danach sucht der Staat auch nicht, aber bei dicken Menschen sagt er von vorneherein: Sie können zwar kerngesund sein, auch noch nie Probleme gehabt haben, aber wir nehmen Sie nicht.«

Eine angehende Lehrerin aus Bayern hat sich jetzt dagegen gewehrt. Kurz, nachdem sie ihre Tochter zur Welt gebracht hatte, stand eine Verbeamtung an und die Frau war zu schwer.

Beim Nachwiegen einige Wochen später hat die Frau dann wie nach einer Geburt üblich abgenommen und lag knapp innerhalb der erlaubten Grenze. 88 Kilogramm bei 170 Körpergröße.

Das Land Bayern hat deshalb eingelenkt und der Frau die Verbeamtung angeboten. Schade, findet Gisela Enders. Ein Grundsatzurteil eines Gerichts zugunsten der Dicken hätte der Diskussion mal ganz gut getan.

»Wir haben da auch die Wechselwirkung, dass dicke Menschen wenig dafür kämpfen, also es gibt wenig streitbare dicke Menschen, die sagen, das kann nicht angehen, ich klage dagegen.«

Zum Beitrag: www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/1451768

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