Redebeitrag zur Frauendemo am 8.3.

Redebeitrag der ARGE Dicke Weiber zum Internationalen Frauentag, 8. März 2011

Frauendemo 8.3.2011, Foto: Zoraida Nieto

© ARGE Dicke Weiber

SOS-Bodyforming
Schlank ohne Diät
Das Fett muss weg
Leichter leben

Diese Sprüche begleiten uns das ganze Jahr über, im März werden sie merkbar mehr: Denn das Frühjahr kommt – HALALI – es wird zur Jagd auf den Winterspeck geblasen, damit auch auf das Übergewicht und auf die Übergewichtigen.

Die ARGE Dicke Weiber fordert einen anderen Umgang mit dem Thema Dicksein.

1. Forderung: Schluss mit dem Schlankheitsterror
Auf dicke Frauen wird in dieser Gesellschaft vielerlei Gewalt ausgeübt: Das fängt bei Dickenwitzen an und hört bei dem Klischee – dick ist gleich dumm, faul und krank auf. Dicke Frauen werden ausgelacht, verspottet, beschimpft, herabgewürdigt und körperlich attackiert, oft schon von kleinen Kindern, die dieses Verhalten von ihren Eltern lernen. Aber Müttern von dicken Kindern wird Vernachlässigung vorgeworfen, den Kindern werden Diätferien ärztlich verordnet.

Dicke Frauen und Mädchen empfinden Scham über ihren angeblich unförmigen Körper, diese Scham wird jeder von uns von allen Seiten ins Gehirn gehämmert. Damit werden unsere Lebensmöglichkeiten eingeengt. Viele von uns trauen sich nicht, schwimmen zu gehen oder nackte Haut zu zeigen, etwa die der Oberarme oder den Bauch. Das kann auch Auswirkungen auf die eigene Sexualität haben.

Seifenblasen in bezug auf Schlankheit werden aufgebaut. Es wird suggeriert – bist du schlank, sind alle Probleme gelöst, die Ursache aller Krankheiten fällt weg, du bist begehrenswert. Eines stimmt daran, die selbstverständlichen blöden Bemerkungen, Dickenwitze und Verspottungen fallen dann weg. Der Hass auf dicke Frauen ist oft erschreckend. Das zeigt sich zum Beispiel bei Schönheitsbewerben, die Frauen bewusst auseinanderdividieren und Konkurrenz unter Frauen schüren. Damit wird der Frauenkörper zum individuellen Problemfeld. Wir alle lassen uns auch durch Modemagazine und die Werbung beeinflussen.

Bei der Schlankheitsdebatte geht es nicht nur um ein Schönheitsideal, sondern auch um Politik: Das oberste Gebot lautet – die Menschen müssen leistungsfähig sein und nur schlanke Menschen sind angeblich leistungsfähig. Das kann schon als faschistoid bezeichnet werden. Menschen sollen wie Roboter immer brav funktionieren. Der normierte Mensch dient der Wirtschaft.

2. Forderung: Vielfalt statt normierter Einheit und eindimensionaler Schönheitsideale!
Es gibt verschiedene Hautfarben, Haarfarben, Körpergrößen, Fähigkeiten und unterschiedlichste Körperformen. Die Missachtung der Vielfalt und der Zwang zur Konformität menschlicher Körper haben bedenkliche Dimensionen angenommen. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper ist gewollt, wir sollen uns unzufrieden fühlen, wenn wir in den Spiegel schauen.

3. Forderung: Keine Übergewichtschirurgie!
Magenverkleinerung oder Magenbypass sind körperverstümmelnde Operationen, die ohne Ausnahme eingestellt gehören. Dazu zählen auch ärztlich verordnete Diätferien für Kinder. Von der WHO wird Adipositas als Krankheit definiert. Diese Definition wirft jedoch die Frage auf, ob ein hohes Körpergewicht für alle Menschen ein Krankheitsrisiko oder eine Krankheit selbst darstellt. Die Frage ist auch, ob nicht die Pathologisierung des Übergewichts und die damit verbundene Stigmatisierung selbst krank macht?

4. Forderung: Sofortiger Produktions- und Verkaufsstopp aller Diätmittel!
Dazu zählen Medikamente und Nahrungsmittel zur Gewichtsreduktion, sogennannte Light-Produkte, künstliche Süßstoffe, Diätbücher, usw.

5. Forderung: Größenvariables Mobiliar in allen öffentlichen Einrichtungen, in Verkehrsmitteln, Krankenhäusern, Kinos und Theatern! Straßenbahn-Sitzplätze oder die Sesselchen im Caféhaus werden immer kleiner. Die Drehkreuze in Supermärkten stellen eine Barriere dar. Die Spinde in Hallenbädern oder der Sauna sind besonders eng, die Umkleideräume sind ausgesprochen dickenfeindlich. Medizinische Geräte und Spitalsausstattungen sind nur bis zu einer bestimmten Gewichtsgrenze einsetzbar.

6. Forderung: Tolle Kleidung für alle Körperformen
Hier geht es nicht nur um ein paar Zentimeter Stoff mehr, sondern um entsprechende Kleiderschnitte.

Schlankheitsfanatikerinnen sollen sich dringend merken: Wir haben schon jahrelange oder auch jahrzehntelange Erfahrung mit dem Nicht-Abnehmen. Abnehmversuche sind ein Mittel zum Zunehmen, der berühmte JoJo-Effekt ist ein steter Begleiter. Diäthalten geht nicht ungeschoren an einer vorüber, es ändert den Transmitterstoffwechsel im Gehirn. Therapie- und Präventionskampagnen zur Gewichtsreduktion haben bisher keine dauerhaften Erfolge erzielen können. Es ist schwer, dauerhaft abzunehmen!

Fazit: Jede steckt in ihrem Körper, sei er dick oder dünn. Nur der Körper ermöglicht das Leben, ohne unseren Körper würden wir nicht sein. Unsere Körper sind gut so, wie sie sind, wir müssen sie weder zurichten noch anpassen, und uns nicht dafür rechtfertigen.

Unsere letzte Forderung:
Wehr dich, wenn du mit guten Ratschlägen zum Abnehmen überschüttet wirst!
Hab Mut, den Raum einzunehmen, der dir zusteht!
Zieh an, was du willst!
Iß, worauf du Lust hast und genieße es in vollen Zügen!

Die Scham ist vorbei!
Wir grüßen alle dicken Frauen!

Ein Gedanke zu “Redebeitrag zur Frauendemo am 8.3.

  1. Mir gefällt dieser Post sehr, sehr gut, nur eines daran stimmt nicht. Es ist nicht wahr, dass die blöden Bemerkungen aufhören, wenn man abnimmt! Im Gegenteil, sie werden schlimmer! Bei meiner letzten Diät gelang es mir, ein halbes Jahr auf 53 Kilo zu bleiben, bei einer Größe von 167 cm. Das bedeutete Kleidergröße 38! Statt dass die ständigen Vorwürfe nun endlich aufhörten, wurde mir an meinem früheren Arbeitsplatz eine Magersucht angedichtet! Die ständige Kritik trieb mich zu meinem Hausarzt, dann zu einem weiteren Arzt zur Gesundenuntersuchung, beide stellten keine Magersucht fest, alle weiteren Ärzte ebenfalls keine. Aber die Kolleginnen blieben dabei: Wer Kleidergröße 38 hat und vorher dick war, hat eine Magersucht! Wie bei allen vorigen Diäten trieb mich der Hunger wieder zum Zunehmen. Und ich will nie wieder abnehmen! Meine Motivation abzunehmen ist durch die ständigen unsinnigen Magersuchts-Vorwürfe völlig zerstört! Zur Angst vor dem Hungern kommt jetzt die Erinnerung an die ständigen nervenden, durch nichts zu bremsenden Aufforderungen: „Iss mehr! Iss mehr! Treib weniger Sport! Du stirbst an einer Magersucht!“ Ich bin auch nicht mehr an diesem Arbeitsplatz und hoffe diesen Kolleginnen nie mehr zu begegnen! Ich habe jetzt trotz Sport und gesunder Ernährung 88 Kilo und es ist einfach entsetzlich peinlich, sich ständig verteidigen zu müssen, einmal wegen des einen, dann wieder wegen des anderen Gewichtes!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s