»Alle schönen Dinge sind entweder unanständig, ungesetzlich oder machen dick«

»Zurichtung« ist das Thema der aktuellen AEP-Informationen und Magda Scheiblbrandner von der ARGE Dicke Weiber hat für diese Ausgabe einen Artikel beigesteuert.

AEP-Informationen Nr. 4 / 2010»Alle schönen Dinge sind entweder unanständig, ungesetzlich oder machen dick«

Die Ansichten über Anständigkeit und Gesetzestreue haben sich im Lauf der Jahrzehnte geändert, dafür ist es heute geradezu unanständig, dick zu sein. Gesetze, die es verbieten, dick zu sein, gibt es noch nicht, aber analog zu den Rauchergesetzen könnte es durchaus einmal ein Schlankheitsgesetz geben. Die Haltung gegenüber Dicken wird immer aggressiver, Ratschläge zum Abnehmen sind in Schlankheitsterror übergegangen. Abnehmen ist heute Verpflichtung und Körperverstümmelung wird als medizinische Hilfe verkauft.

Ein Blick 50 Jahre zurück auf die schlanke Linie

Kaum waren die Hungerjahre nach dem 2. Weltkrieg vorbei, begann in den späten 50ern die Schlankheitspropaganda. Auf einem Plakat war eine Frau im Stil der Zeit abgebildet, der Plakattext lautete »Schlank durch Joghurt und saure Milch«. Die Botschaft war klar: Sei schlank!

Aggressionen gegen Dicke gab es auch schon in der Schule oder auf der Strasse. Hier kann man durchaus von Mobbing sprechen, auch wenn dieser Begriff damals noch nicht bekannt war. Die auch damals selbstverständlichen blöden Bemerkungen lauteten z.B. im Turnunterricht »Schneller, Dicke« oder »Grüß dich, Dickerl«. Der Druck, abzunehmen seitens Mutter, Großmutter, Vater war beträchtlich.

Aber es gibt doch einen Unterschied: Dick zu sein war auch in früheren Jahren verwerflich, die einzige Möglichkeit abzunehmen, war jedoch nur, Diät zu halten, also Nahrungsentzug. Die Mutter aller Schlankheitsdiäten war Kalorienzählen. Heute hat die Wissenschaft dieses Thema voll im Griff, die Begriffe schwirren durch den Raum – Kohlehydrate, Proteine, Blutgruppendiät, Cholesterin, Triglyzeride, Ernährungspyramide … . Die Wissenschaft hat für alles eine Antwort, wer trotzdem dick ist, ist selber schuld.

Zum Thema Schlankheit haben sich kollektive Glaubenssätze entwickelt.

Der oberste Glaubenssatz: 90 – 60 – 90. Diese Supermaße erreichen 6 von 10.000 Frauen. Umgerechnet in Konfektionsgrößen hieße das:
90 Brustweite entspricht Konfektionsgröße 38
60 Taille entspricht der Kindergröße 134 für ein 8-9jähriges Kind
90 Hüfte entspricht Konfektionsgröße 34 oder Kindergröße 164/170, für eine 14jährige.

Ein weiterer Glaubenssatz: der Body Mass Index
Der BMI unterscheidet nicht zwischen Körpergewicht und hoher Muskelmasse. Bei einer Körpergröße von 170 cm und 72 kg wäre der BMI 24,9, um den zarten BMI von 18 zu erreichen dürfte Frau bei 170 cm nur 54 kg wiegen!

Glaubenssatz Dicke und Ernährung
Es ist ja so einfach – Dicke essen zu viel, also sind sie dick. Würden sie weniger essen oder die »richtigen« Nahrungsmittel, wären sie nicht dick. Auch von Sünde ist immer die Rede. Wenn genascht wird, dann muss mit Abmagerungskuren gebüßt werden. Abnehmen und Diäthalten haben die Form einer neuen Religion angenommen. Abnehmversuche sind aber ein Mittel zum Zunehmen. Diäthalten geht nicht ungeschoren an einer/einem vorüber, es ändert den Transmitterstoffwechsel im Hirn.

Glaubenssatz Übergewicht als Krankheit
Von der WHO wird »Adipositas« als Krankheit definiert. Der dicke Körper wird prinzipiell pathologisiert. Die Mehrheit der ÄrztInnen fühlt sich daher bemüßigt, für jede Krankheit, und sei es nur ein Schnupfen, das Übergewicht verantwortlich zu machen. Abnehmen wird als Wunderheilmittel und als Lösung aller Probleme verordnet. Sollte schlichtes Fasten nicht zur gewünschten Gewichtsabnahme führen, werden Magenband, Magenbypass oder andere Körperverstümmelungen als medizinische Hilfe verordnet. Beliebt ist auch der Vorwurf, Dicke belasten das Gesundheitssystem besonders. Es gibt aber fitte Dicke und unfitte Schlanke.

Glaubenssatz Bewegung
»Wenn du ganz viel Sport machst, bist du nicht mehr morbid adipös, sondern nur mehr adipös.« Fitnessstudios sind ein Teil der Schlankheitsindustrie. Vermittelt wird eben immer wieder – dick ist die hässlichste Körperform.

Die Zurichtung des weiblichen Körpers zum Schönheitsideal jungschlankschön hat System. Früher konnten Frauen durch rigide Moralvorschriften, Ehegesetze, wirtschaftliche Abhängigkeit und dem Korsett im Zaum gehalten werden. Heute sind Frauen freier, das Patriarchat wird dadurch in seinen Grundfesten erschüttert, es schlägt zurück. Der tiefliegende Hass auf und die Angst vor dem weiblichen Körper zeigt sich auch in Gestalt des Schlankheitsterrors, der weibliche Körper muss domestiziert werden.

Dem etwas entgegenzusetzen, ist die ARGE Dicke Weiber angetreten. Wir sind eine feministische Initiative dicker Frauen gegen Gewichtsdiskriminierung und Schlankheitsterror, für Vielfalt und positive Selbstbilder. Wir engagieren uns aktiv für die Stärkung dicker Frauen und Mädchen, setzen uns politisch mit dem Thema auseinander und führen Aktionen durch. Die Gruppe trifft sich jeden 2. und 4. Freitag im Autonomen FrauenLesbenMädchenZentrum Wien. Jede dicke Frau ist herzlich willkommen!

Dieser Artikel ist erschienen in AEP-Informationen – Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft Nr. 4/2010

Preis: € 5,00 + Versand
Bestellungen: AEP-Frauenbibliothek · Müllerstrasse 26 · A-6020 Innsbruck · Tel & Fax +43 (0)512 583698 · informationen@aep.at · www.aep.at

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