Redebeitrag zur Frauendemo am 25.11.

Redebeitrag der ARGE Dicke Weiber zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, 25. November 2010

Frauendemo 8.3.2010

© ARGE Dicke Weiber

Eine dicke Frau steht vorm Spiegel und sagt: »Spieg’lein, Spieg’lein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land???« Darauf der Spiegel: »Geh mal zur Seite, du fette Sau, ich seh‘ ja nichts!«

Der war gut. Es gibt ja fast nichts mehr über das man noch lachen darf. Rassistische und sexistische Witze, Witze auf Kosten von Menschen mit Gebrechen oder Minderheiten sind ekelhaft, unethisch und verpönt. Zum Glück gibt’s da noch die Dicken. Dickenwitze sind in, Dickenwitze sind lustig und sie passen zu jeder Gelegenheit. Schade, dass die Dicken keinen Humor haben und nicht darüber lachen können. Über die Dicken darf gelacht werden, die sind ja selber schuld. Fettsucht ist inzwischen schon zur »Volkskrankheit« geworden – Moment mal, Krankheit? Das ist doch nicht lustig. Na egal, die sind selber schuld, dass sie krank sind. Oft sind aber auch die Mütter schuld. Versagerinnen, die es zulassen, dass ihre Kinder fett werden gehören gesellschaftlich geächtet und bestraft. Die werden ihre Töchter nie an den Mann bringen, wenn sie sie nicht auf Diätferien schicken und ihnen das Essen verbieten. Wie sollen sie sonst auf das Traummaß 90-60-90 kommen.

A propos 90-60-90:
90 cm Brustweite entspricht Größe 38
60 cm Taille entspricht Kindergröße 134 durchschnittlich für ein 8-9jähriges Kind
90 cm Hüfte entspricht Größe 34 oder Kindergröße 164/170 durchschnittlich für eine 14jährige
Ein Mädchenkörper mit Busen. Das ist es, wovon Männer träumen, ein Mädchen mit Busen, pädokriminelle Phantasien legal ausgelebt.

Eine dicke Frau kommt in ein Geschäft und will eine Jacke kaufen. Sie findet eine, die ihr gut paßt und gefällt und geht damit zur Verkäuferin. Sagt die Verkäuferin: »Na, die Jackn kann ich ihnen aber nicht verkaufen. Sie sind eh schon so mollig und wie schauat denn des dann aus.« Kein Witz, sondern tatsächlich passiert in einem Ledergeschäft in der Mariahilferstraße.

Wozu brauchen die Dicken auch hübsche Kleidung, die sind ja eh so hässlich, die können sich auch ein paar Säcke anziehen. Hauptsache schön weit, damit niemand sieht, wie fett die sind. Schöne Sachen gibt es nur für schöne Körper. Und schöne Körper müssen einer bestimmten Norm entsprechen, sonst sind sie abnormal. Abnorme Hintern passen auch nicht auf normale Straßenbahn-, Kino- oder Flugzeugsitze und Kaffeehausstühle. Na dann sollen sie halt zu Hause bleiben oder stehen, die Dicken, die sollen sowieso nicht soviel herumsitzen.

Eine dicke Frau geht am Gehsteig spazieren. Bleibt neben ihr ein Auto stehen, in dem mehrere Männer sitzen. Sie kurbeln das Fenster hinunter und brüllen grölend hinaus »Schamst di gar net, du fette Sau?« kurbeln das Fenster wieder hoch und fahren weiter. Kein Witz, sondern unser Alltag.

Für viele dicke Frauen beginnt ein Spießrutenlauf sobald sie das Haus verlassen. Sie werden ausgelacht, verspottet und oft sogar körperlich attackiert, oft schon von kleinen Kindern, die dieses Verhalten von ihren Eltern lernen. Schon das Einkaufen wird zur Qual, jeder schaut, was die Fette in ihrem Einkaufswagen hat. Immer öfter löst schon der Gedanke, die Wohnung verlassen zu müssen alle Anzeichen akuter Angst, wie Herzrasen und Übelkeit, aus. Sobald die Haustüre hinter ihr ins Schloss fällt, weiß die Frau, dass sie sich »auf feindlichem Gebiet« befindet und hat Angst vor der körperlichen und psychischen Gewalt, die ihr diesmal wieder angetan werden wird. Verächtliche Blicke, Kichern und Tuscheln »Hast die Fette da gsehn?« hinter ihrem Rücken gehören zum Alltag. Auch direkte Beschimpfungen und Anrempeln »Mach Platz da, Fette« passieren fast täglich. Die Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln wird zur Hölle. Die Sitze sind zu eng und beim Stehen werden dicke Frauen gestoßen, beschimpft und angerempelt, auch wenn das Verkehrsmittel nicht so voll ist. Diese ständige Gewalt, der dicke Frauen ausgesetzt sind, die ständigen Demütigungen, die Angst, der Stress sind es, die dicke Frauen krank machen, nicht das Gewicht.

Auch im Familienkreis, bei Freund/innen und Bekannten ist eine dicke Frau oft Verletzungen ausgesetzt. Meistens sind es unbedachte abfällige Bemerkungen, die dann mit einem »Aber so dick bist du ja auch nicht« oder »Dich meine ich ja nicht, du bist ja nett« wieder gut gemacht werden sollen. Diese Äußerungen verunsichern, schmerzen und führen zu einer ungesunden Abwehrreaktion im Körper. Viele dicke Frauen trauen sich nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen, sie verkriechen sich zu Hause und verlieren alle sozialen Kontakte. Diese Isolation führt zu Depressionen, die die Gesundheit sowohl seelisch als auch körperlich schwer schädigen.

Auf Schritt und Tritt, in allen Medien, auf allen Werbeplakaten wird eine dicke Frau mit dem Schönheitsideal des schlanken Frauenkörpers konfrontiert, oft mit dem Hinweis auf das Versagen dicker Menschen, diesem Ideal zu entsprechen. Das alles führt zu Verunsicherung und Selbsthass, zerstört das gesunde Körperempfinden und nimmt jegliche Lebensfreude. Sehr viele dicke Frauen finden ihren Anblick im Spiegel, ihren eigenen Körper unerträglich. Sie quälen sich körperlich und geistig um ein Ideal (90-60-90 – Mädchenkörper mit Busen) zu erreichen, dass sie nicht erreichen können. Diese permanente Frustration macht krank, Selbsthass macht krank, führt zu Depression und Selbstmordgedanken. Die Aussage »Ich möchte lieber sterben, als dick bleiben« ist keine Seltenheit. Und manchmal bleibt es nicht bei dem Gedanken oder den Worten. Es ist egal, ob sich jemand aktiv durch Selbstmord oder passiv durch Vernachlässigung des gehassten Körpers das Leben nimmt, das Ergebnis ist das Selbe – Tod durch gesellschaftliche Gewalt und Missachtung.

Eine dicke Frau kommt zum Arzt. Die Untersuchung ergibt, dass ihre Befunde zum Teil überdurchschnittlich gut sind. Sagt der Arzt: »Na Sie sind halt a gsunde Fette, da muss ich jetzt meinen fetten Ordner nehmen und mit meinem fetten Stift einen fetten Eintrag machen.« Kein Witz, sondern tatsächlich passiert, Name und Anschrift des Arztes sind uns bekannt.

Übergewicht ist die Ursache aller Krankheiten. Aller. Egal ob Atembeschwerden, Grippe oder Schmerzen, so gut wie immer wird das Übergewicht als Ursache angenommen. Statt Grippemittel werden Abnehmpillen verschrieben, bei allen Beschwerden ist der erste ärztliche Rat »Nehmen Sie ab«. Abnehmpillen helfen nicht, meistens sind es Psychopharmaka, die zu Abhängigkeit führen. Sie haben fürchterliche Nebenwirkungen und schädigen den Körper, was bis zum Tod führen kann. Erst vor einigen Tagen wurde wieder ein Präparat, welches zum Abnehmen verschrieben wurde, verboten, da zu viele Menschen daran gestorben sind.

Natürlich sind dicke Frauen genau so oft krank und haben dieselben Krankheiten wie schlanke. Da die Ärzte und Ärztinnen sich aber so oft nur auf das Dicksein konzentrieren, und keine anderen Untersuchungen machen, keine andere Behandlung anbieten, werden gefährliche Krankheiten, die im Anfangsstadium vielleicht noch leicht zu behandeln wären oft viel zu spät erkannt.

Viele dicke Frauen gehen auch bei gesundheitlichen Beschwerden nicht zum Arzt. Sie fühlen sich von den Medizner/innen im Stich gelassen, da sie immer nur auf ihr Übergewicht angesprochen werden. So werden Krankheiten oft über Jahre verschleppt, kaum eine dicke Frau nimmt das Angebot einer Vorsorgeuntersuchung an, und wenn, dann besteht die ganze Untersuchung meistens nur aus dem einen Satz »Nehmen Sie ab«. Sollte eine dicke Frau aber doch einmal zu einer Untersuchung gehen, und sollte sich herausstellen, dass sie völlig gesund ist, dann muss sie sich zynische Bemerkungen, wie vorher zitiert, gefallen lassen. Durch mangelnde medizinische Versorgung macht Dicksein wirklich krank.

Eine dicke Frau kommt zum Arzt. Sie hat Schmerzen in den Füßen und möchte eine Überweisung zu einer orthopädischen Untersuchung. Sagt der Arzt: »Hier haben sie eine Überweisung ins Krankenhaus, für einen Magenbypass. Lassen Sie sich den Magen operieren und belästigen Sie keine Orthopäden.« Kein Witz, sondern tatsächlich passiert. Auch hier sind uns Name und Anschrift des Arztes bekannt.

…und belästigen Sie keinen Orthopäden. Es kann ja nicht sein, dass eine dicke Frau vielleicht nur passende Schuheinlagen braucht, um wieder schmerzfrei gehen zu können, da ist es doch viel besser, ihr einen großen Teil des Magens rauszuschneiden oder den Magen, den Zwölffingerdarm und einen Teil des Dünndarms mit Klammern vom Verdauungssystem abzutrennen. Das ist Verstümmelung auf ärztliches Gebot. Wir alle schütteln den Kopf über Frauen, die sich ein Rippenpaar entfernen lassen, um eine schlankere Taille zu haben, niemand versteht, wie sich eine Frau freiwillig so verstümmeln lassen kann. Dieselben Leute sind aber fest davon überzeugt, dass die weitaus schwerwiegendere Verstümmelung, die Verstümmelung des Magens und des Verdauungssystems gesundheitlich und medizinisch gut und richtig ist. 40%, das ist fast die Hälfte, der Menschen, die diese Operation über sich ergehen haben lassen, leiden danach unter zum Teil massiven gesundheitlichen Problemen, die permanente medizinische Nachbehandlungen und oftmals weitere Operationen zur Folge haben.

Hier nur einige Beispiele:

Durch die Verstümmelung des Verdauungstraktes können auch lebenswichtige Vitamine und Mineralstoffe nicht mehr vom Körper aufgenommen werden. Die Folge sind akute Mangelkrankheiten wie Haarausfall, Blutarmut oder Osteoporose.

Nach der Operation gibt es ein höheres Risiko zur Entwicklung von Gallensteinen. Einige Patient/innen ziehen es deshalb vor, die Gallenblase während des Eingriffs mit entfernen zu lassen, da nach diesem Eingriff die Gallenblase keine Funktion mehr hat.

An den Klammerstellen und Nähten können sich Abszesse und Geschwüre bilden, oft werden diese Klammerstellen auch durchlässig, es treten Verdauungssäfte aus, was zu schwerer Rippenfellentzündung und sogar Blutvergiftung führt.

Oftmals verengt sich die ohnehin schon sehr kleine Öffnung, durch die Speisen in den Darm gelangen durch Narbenbildung und muss regelmäßig mittels Gastroendoskopie gedehnt werden.

Da Zucker und ähnliche Substanzen nicht mehr vom Körper aufgenommen werden, kömmt es häufig zum sogenannten Dumping- oder »sky is falling«- Syndrom. Dabei kommt es zu Herzrasen, kalten Schweißausbrüchen, Beklemmungsgefühl, Durchfall, Erbrechen, Krämpfen, Schwindel und Kreislaufkollaps.

Durch diese Verstümmelung werden aus mehr oder weniger gesunden Dicken schwerkranke Menschen gemacht und das alles im Namen der Medizin und Schönheit. Immer wieder nehmen, vor allem Frauen diese fatale Gefährdung ihres Lebens, die permanenten Schmerzen und Einschränkungen in Kauf, um sich dem vorgegebenen Ideal zu nähern – 90-60-90 – der Mädchenkörper mit Busen

Die ARGE Dicke Weiber fordert:

  • Schluss mit dem Schlankheitsterror!
  • Vielfalt statt normierter Einfalt und eindimensionaler Schönheitsideale!
  • Ärzt/innen, denen es um das Wohl der Patientin geht und nicht um die Verwirklichung eines Schönheitsideals.
  • Keine »Übergewichtschirurgie«! Magenverkleinerung, Magenbypass oder Schlauchmagen sind körperverstümmelnde Operationen, die ohne Ausnahme eingestellt gehören.
  • Sofortiger Produktions- und Verkaufsstopp aller Diätmittel! Dazu zählen Medikamente und Nahrungsmittel zur Gewichtsreduktion, »Light«-Produkte, Diätbücher, usw.
  • Größenvariables (Sitz-)Mobiliar in allen öffentlichen Einrichtungen, Verkehrsmitteln, Krankenhäusern, Kinos und Theatern!
  • Tolle Kleidung für alle Körperformen!
  • Schluss mit Schuldzuweisungen jeglicher Art (ob es nun um das angebliche »Versagen« der Mütter oder der dicken Frauen selbst geht) und das Recht auf den eigenen dicken Körper.
  • Das Überdenken und Umdenken von Vorurteilen die man gegenüber dicken Menschen hat wie faul, undiszipliniert und unsportlich etc. Das Überdenken und Umdenken der eigenen Einstellung gegenüber dicken Frauen.
  • Mehr dicke Frauen in Medien und Werbung!

Und vor Allem fordern wir Respekt und Anerkennung, so wie sie allen Menschen zustehen. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar.
Unser Flugblatt zum Download: ARGE Dicke Weiber Flugblatt (PDF)Icon Acrobat

Ein Gedanke zu “Redebeitrag zur Frauendemo am 25.11.

  1. Immer öfter löst schon der Gedanke, die Wohnung verlassen zu müssen alle Anzeichen akuter Angst, wie Herzrasen und Übelkeit, aus.

    Das klingt verdächtig nach Autoimmunerkrankung der Schilddrüse:
    http://www.kit-online.org/HT-Erstinformationen
    http://www.hashimotothyreoiditis.de/index.php/symptome/unterfunktion

    Psychische Symptome wie Panik oder depressive Verstimmungen haben nicht immer psychische oder soziale Ursachen wie z.B. Diskriminierung. Manchmal steckt eine handfeste Krankheit dahinter, die dann auch erkannt und behandelt werden sollte.

    Ich würde mir wünschen, dass Feministinnen nicht denselben Fehler machen wie viele Ärzte, die Beschwerden von Frauen voreilig psychologisieren.

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