Schöne fette Welt von Richard Klein

Eine Buchrezension von Malena Golemis
Richard Klein: Schöne fette Welt

Das Buch beeindruckt gleich zu Beginn mit einer positiven Auseinandersetzung und Einstellung zum Wort Fett. Der Autor selbst schrieb dieses Buch als Reflexion seines eigenen Übergewichts. Thematisiert werden der Jo-Jo-Effekt, unnütze Diäten, Mittel zum Abnehmen und ihre gesundheitsschädlichen Auswirkungen, die stete Verfettung der Menschen, der Einstellungswandel zum Thema Übergewicht im Laufe der Zeit, mögliche Gründe für das Dicksein (welche sehr vielfältig sind) und vieles mehr.

Weiters beschäftigt sich das Buch mit dem Fett an sich, einerseits also mit den Eigenschaften, die wir heute dem Fett zuschreiben, gemeint sind all jene Vorurteile und ihre möglichen Ursachen und andererseits die ursprüngliche Bedeutung des Wortes. So kann man zum Vorurteil »Fett ist ungesund« lesen, dass die »Arzneimittel-Nahrungsmittel-Versicherungs-Schönheits-Industrie (…) seit geraumer Zeit die Ansicht [fördere], dass Fett tötet.« (Klein 1997, 24) Interessant ist auch die Beschäftigung mit der ursprünglichen Form von Fett als Adjektiv, welche gleichbedeutend mit »reich«, »fruchtbar« und »üppig« (Klein 1997, 42) ist.

In diesem Buch geht es vor allem darum, dass Fett lieben zu lernen und somit auch sich selbst.

Zudem werden gesellschaftskritische Fragen gestellt bezüglich eben zum Beispiel der Arzneimittel-Nahrungsmittel-Versicherungs-Schönheits-Industrie. Weiters wird das »fettfreie Fett« (oder Light-Produkte wie Produkte ohne Fett heutzutage gern genannt werden) kritisch thematisiert.

Auch zum Thema der Übergrößenbekleidung äußert sich der Autor kritisch und schreibt: »Dünne glauben nämlich, dass fette Käuferinnen ihr Fett unter diskreten und unauffälligen Kleidern verbergen wollen, um das besser kaschieren zu können, was sie einer stigmatisierenden Welt nur höchst ungern zeigen.« (ebd., 52) So gesellschaftskritisch der Autor auch versucht zu sein und so wertvoll einige seiner Anmerkungen sind, so sollte dieses Buch nicht unreflektiert und unhinterfragt gelesen werden. Insbesondere nicht an dieser Stelle wo sich der Autor über die Kleidung äußert und den Dicken (auch sich selbst) vorwirft sich nur deswegen in auffallend und bunte Kleidung zu hüllen um sich zu verstecken.

Besonderes Themengebiet ist auch die Diskriminierung, der man als fetter Mensch anheim fällt darunter die Verspottung, »Verachtung« und »Verhöhnung« (ebd., 64). Dazu ein sehr wesentlicher und beeindruckender Absatz: »Vor allem aber bedeutet fett zu sein in unserer Kultur, dass man keine Liebe bekommt, weil man keine Liebe verdient. Wenn man fett ist und es damit nicht geschafft hat, die Person zu sein, die man sein sollte, vermutlich sein könnte und – verdammt noch mal – eines Tages auch sein wird, hat man nicht das Recht, Liebe zu erhalten: Man liebt sich selbst ja so wenig, daß man es zugelassen hat, fett zu werden. Das ist die Botschaft, die uns die Welt vermittelt (…)« (ebd., 65). Oder an anderer Stelle kann man lesen: »Die Welt, die Ihr Fett sieht, glaubt, Schlussfolgerungen daraus ziehen zu können, was Sie ››offensichtlich‹‹ getan oder nicht getan haben – gegessen oder sich körperlich bewegt.« (ebd., 66)

Neben diesem kritischen Blick auf die Gesellschaft bietet das Buch viele wunderschöne Bilder von dicken Menschen und erwähnt Künstler/innen, welche sich mit dem Phänomen des Dickseins positiv auseinandergesetzt haben so zum Beispiel Rubens.

Der Autor diskutiert weiters auch die richtige Ernährungsfrage und weist auf, dass es viele verschiedene (auch wissenschaftliche) Meinungen dazu gibt wie man sich richtig ernähren sollte und dass diesbezüglich keine Einigkeit unter den Fachkundigen herrscht.

Eine wichtige Prämisse, die der Autor äußert lautet: » Sogar wenn Fett ungesund ist – was es ist und nicht ist -, so ist es für die Mehrheit der Menschen wahrscheinlich gesünder als die Alternative. Die Alternative ist: Diäten machen, krampfhaft Sport treiben, in übertrieben strenger Weise vegetarisch leben, Schlankmacher schlucken. (…) es [kann] nicht gut für die öffentliche Gesundheit sein, wenn man über lange Zeiträume hinweg einem großen Teil der Bevölkerung starke Medikamente verabreicht.« (Klein 1997, 179f)

Weiters beschäftigt sich der Autor mit der Glaubwürdigkeit wissenschaftlicher Untersuchungen zum Thema Übergewicht. Insbesondere geht er dabei auf die Studie von Dr. Manson ein und erläutert, dass diese nicht nur »in Harvard medizinische Forschungen betreibt, sondern auch als Beraterin für zwei Pharmaunternehmen tätig ist, die sogenannte ››Anti-Obesitäts-Medikamente‹‹ herstellen.« (ebd., 183) Das Unternehmen hat zeitgleich mit der Studie versucht ein neues appetitzügelndes Medikament auf den Markt zu bringen.

Hinterfragt muss das Buch an jener Stelle werden wo der Autor eine Grenze festlegt ab der Menschen als krankhaft fettleibig angesehen werden müssen (nachzulesen auf Seite 180). Auch wenn seine Grenzsetzung wesentlich höher ausfällt als bei den meisten Menschen, so muss die ARGE Dicke Weiber doch bemängeln, dass es überhaupt so eine Grenzsetzung gibt. Denn die Frage, die sich stellt ist: Wer hat das Recht eine solche Grenze zu ziehen und wo soll eine solche Grenze gezogen werden? Die ARGE Dicke Weiber ist davon überzeugt, dass eine solche Grenzsetzung nur zu einem psychischen Druck und einer Angst führt, diese Grenze zu überschreiten. Wir wollen uns schließlich für jede dicke Frau einsetzen gleich wie viel sie wiegt.

Abschließend noch ein kleiner Nachsatz in den Worten des Autors, der trotz der Bedenken, die geäußert wurden, auch den Wert des Buches hervorheben soll: »Wenn sie sich fett fühlt, fühlt sie sich wohl, ihr Fett ist ihre Mutter, ihre Mutter Erde, der Körper der Göttin, die für sie sorgt, die für ihr Wohlbefinden sorgt.« (Klein 1997, 256)

Richard Klein
Schöne fette Welt
Eat Fat oder Ein Lob der Fülle
München: Wilhelm Goldmann Verlag, 1997
288 Seiten, gebunden
ISBN: 978-3442307425

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