»Der Kampf ums Gewicht«

Am 28. September 2010 fand im Wiener Rathaus die Tagung »Der Kampf ums Gewicht – Körper und Gewicht im Spannungsfeld von Wirtschaftsinteressen, Gesellschaftsnormen, Public Health und Lebensstil« statt. Magda Scheiblbrandner von der ARGE Dicke Weiber hat diese Veranstaltung besucht und war nicht wirklich begeistert.

Der Kampf ums Gewicht»Der Kampf ums Gewicht«

Vordergründig war es keine Schlankheitsveranstaltung. Schlankheitsdiäten wurden nicht angepriesen, keine Kalorien gezählt, Fitnessstudios priesen auch nicht ihre Dienste an. Worauf aber die Tagung »Der Kampf ums Gewicht« am Dienstag, 28. September 2010 im Wiener Rathaus hinaussollte, blieb unklar.

Einige griffige Aussagen aus den elf Vorträgen in Deutsch und Englisch:

  • »It is neither accurate nor fair to blame individuals for their weight«. Sehr schön, aber wie bringt man diese Aussage in ÄrztInnen-, SchulkollegInnen-, Mütter-, FreundInnen- und sonstige Hirne ?
  • »Stay slim«, aber jede und jeder Zweite verweigert diese Botschaft, also sind 50 Prozent der Bevölkerung zu dick, von »Epidemie und Pandemie des Übergewichts« war die Rede.
  • Erfolglose Diätversuche stellen eine Determination für die Entstehung von Adipositas dar. Abnehmversuche sind ein Mittel zum Zunehmen.
  • Sind nach den RaucherInnen die Dicken die nächsten Verfemten?

Zur Schlankheit haben sich kollektive Glaubensätze entwickelt, einer dieser Glaubenssätze ist 90 – 60 – 90. Diese Supermaße erreichen 6 von 10.000 Frauen. Umgerechnet in Konfektionsgrößen hieße das:
90 cm Brustweite entspricht Größe 38
60 cm Taille entspricht Kindergröße 134 für ein 8-9jähriges Kind
90 cm Hüfte entspricht 34 oder Kindergröße 164/170 für eine 14jährige.

Ernährung

Die Frage der Ernährung wurde in Zusammenhang gebracht mit Nachhaltigkeit. Es genügt nicht, die gesundheitlichen Folgen unserer Essgewohnheiten zu betrachten. Wir müssen zunehmend die Umweltlasten der Ernährungsweise mit in Betracht ziehen. So ist der hohe Fleischkonsum extrem umweltbelastend.

Die Lebensmittelindustrie wurde scharf kritisiert: Von Natur aus ist der Mensch mit einem ausgeklügelten Hunger- bzw. Sättigungssystem ausgestattet. Durch zunehmende Industrialisierung der Lebensmittelherstellung kommt es zu einer Zunahme der krankhaften Adipositas. Inwieweit Veränderungen von Lebensmitteln im Rahmen des Herstellungsprozesses sogar suchterregend sind, wird so gut wie gar nicht untersucht, es scheint aber sehr wahrscheinlich zu sein. Werbung für Nahrungsmittel müsste – so wie Zigarettenwerbung – verboten werden. In der EU wurde ein Ampelsystem überlegt – rot/gelb/grün, das wurde durch Lobbying verhindert. Es wäre aber dasselbe gewesen, wie gute Lebensmittel/ böse Lebensmittel.

KrankheitVon der WHO wird Adipositas als Krankheit definiert. Diese Definition wirft jedoch die Frage auf, ob ein hohes Körpergewicht für alle Menschen ein Krankheitsrisiko oder eine Krankheit selbst darstellt. Die Frage ist auch, ob das Erheben von Übergewicht in den Status einer Krankheit und die damit verbundene Stigmatisierung nicht schon selbst tatsächlich krank machend ist.

Der Body Mass Index wurde umfangreich abgehandelt. Es wurde kritisiert, dass der BMI nicht zwischen Körpergewicht und hoher Muskelmasse unterscheidet, auch nicht, wo sich das Körperfett befindet. Aussagekräftig ist der Bauchumfang, dieser ist ab 88 cm bei Frauen als kritisch anzusehen. Entdeckt wurde das »Adipositasparadoxon«: Ein BMI von 27, 28 bei Hochbetagten vermindert das Krankheitsrisiko bei Infektionskrankheiten. Frage in der Diskussion: Ist eine fitte Dicke/ein fitter Dicker gesünder als eine schlanke, unfitte Kranke/ein schlanker, unfitter Kranker?

Das Körperbild ist Bestandteil des Körpermanagements. Wenn die Mutter den eigenen Körper hasst, wirkt sich das auf die Tochter aus. Das perfekte Kind gilt als Objekt und Ware. Die Körperunzufriedenheit ist gewollt, wir sollen uns unzufrieden fühlen, wenn wir in den Spiegel schauen. In Ägypten, Indien, Afrika, der Türkei sind die Frauen weniger unzufrieden mit dem Körperbild.

Der Vortrag »Gender, Gewicht und chronische Erkrankungen« brachte als Erkenntnis, dass Frauen generell ein höheres Krankheitsrisiko haben, dass sie überall niedrigere Werte haben sollten als Männer. Adipöse Frauen haben eine höhere Abhängigkeit von Alkohol und Nikotin. Die Lebenserwartung bei Frauen mit BMI 44 ist um acht Jahre kürzer. Es gibt eine österreichische Adipositasgesellschaft!!!

Erfolglose Diätversuche stellen eine Determination für die Entstehung von Adipositas dar. Abnehmversuche sind ein Mittel zum Zunehmen. Therapie- und Präventionskampagnen in Bezug auf Gewichtsreduktion bei Adipositas haben bisher keine dauerhaften Erfolge erzielen können. Ist Übergewicht Resultat von Faulheit, Krankheit, Willensschwäche, genetisch determiniert, eine chronische Krankheit oder eine Sucht? Es ist schwer, Ernährungs- und Bewegungsmuster zu ändern. Man kann vom Essen NICHT trocken sein (so wie ehemals Akoholkranke).

Was wurde an diesem Tag vermittelt?

Übergewicht/Adipositas ist krankhaft, von der Pathologisierung kommen wir also nicht weg. Schlankheitstipps und Diätvorschläge gab es nicht, Abnehmen sollte Mensch aber schon. Es gab Flugblätter zu den Themen »rundum gesund – Projekt für stark übergewichtige Frauen« und »rundum gesund – Projekt für Familien, die mit starkem Übergewicht kämpfen«. Was in den Vorträgen als große Weisheiten verkündet wurde, ist für uns in der ARGE Dicke Weiber nichts Neues, schließlich haben wir schon jahrelange oder auch jahrzehntelange Erfahrung mit dem Nicht-Abnehmen.

(Magda Scheiblbrandner)

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