frauTV: Diskriminierung von Dicken

WDR / frauTV / 30. September 2010 / Autorin: Inga Thiede

DISKRIMINIERUNG VON DICKEN

Es gibt in Deutschland eigentlich ein Gesetz, das Menschen davor schützen soll, Opfer von Diskriminierung zu werden. So ist es verboten, Menschen aufgrund ihrer »Rasse« oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit, wegen ihres Geschlechts, ihrer Religion oder Weltanschauung, ihres Alters oder ihrer sexuellen Identität zu diskriminieren.

Nicht verboten ist es aber, Menschen, die (stark) übergewichtig sind, zu benachteiligen. Dabei werden diese Menschen, so die Erfahrung der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung, oft nicht so behandelt wie ihre dünnen oder schlanken Mitbürger. Auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitssystem, im alltäglichen Umgang auf der Straße: Dicke werden oft ganz offen diskriminiert.

Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt

Gudrun K. aus Alsdorf hat es selber erlebt. Die ausgebildete Bürokauffrau war durch einen Umzug arbeitslos geworden, und sie hatte sich bei der Agentur für Arbeit arbeitssuchend gemeldet. Vorgestellt hatte sie sich dort, als sie noch 150 Kilo wog. Mehr ein Jahr lang hörte sie nichts von der Agentur für Arbeit. In der Zeit nahm sie mit Hilfe einer Magenoperation über 60 Kilo ab. Auf Nachfrage bei ihrem Sachbearbeiter, warum man ihr keine Stellenvorschläge schicke, bekam sie die Antwort: Jetzt, wo sie schlanker sei, könne man das gerne tun, aber bisher habe sie in der Schublade für unvermittelbare adipöse Menschen gelegen. Und auch mit Arbeitgebern hat Gudrun K. ihre Erfahrungen gemacht: Zweimal wurde sie mit direktem Hinweis auf ihren Körperumfang für Jobs in Konditoreien abgelehnt.

Für die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung sind solche Erfahrungen kein Einzelfall. Oft würden Übergewichtige wegen ihres Gewichts von Arbeitgebern schikaniert, sie würden Aufgaben zugewiesen bekommen, für die sie überqualifiziert seien, sie würden aufgrund von unterschwelligen oder sogar offen ausgesprochenen Vorurteilen versetzt oder sogar entlassen.

Bei Verbeamtungen wird die Diskriminierung sogar staatlich sanktioniert: Bei Verbeamtungen lehnen Verwaltungsbehörden regelmäßig Bewerber mit einem BMI über 30 ab.

Diskriminierung im Gesundheitssystem

Auch im Gesundheitssystem stoßen Übergewichtige häufig auf offene oder versteckte Diskriminierung. Viele Übergewichtige kämpfen damit, dass ihr (Über)-Gewicht bei jedem Arztbesuch thematisiert wird, selbst wenn sie mit Beschwerden zu kämpfen haben, die definitiv nichts mit dem Gewicht zu tun haben. Dazu kommt, dass viele medizinische Hilfsmittel für ihren Körperumfang zu klein sind. OP-Hemden schließen selbst in den größten Größen hinten nicht; Blutdruckmanschetten, Computer- und Kernspintomografen, OP-Tische, Nachtstühle: Meist ist das vorhandene medizinische Gerät für stark übergewichtige Personen nicht mehr benutzbar. Problematisch dabei: Oft ist auch die Einstellung des medizinischen Personals gegenüber stark Übergewichtigen ablehnend bis offen diskriminierend. Sie bekommen Sprüche zu hören wie: »Wer von alleine so dick geworden ist, kann auch alleine aus dem Bett wieder rauskommen.«

Übergewichtigen wird, so die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung, außerdem systematisch die Aufnahme in die private Krankenversicherung und Lebensversicherung verweigert, oder sie müssen deutlich höhere Prämien als durchschnittlich schwere Menschen zahlen.

Diskriminierung im Alltag

Enge Bus- und U-Bahnsitze, der Platzmangel im Flugzeug, enge Drehkreuze in Supermärkten, schmale Stühle in Cafés: Oft finden Übergewichtige in dieser Gesellschaft keinen passenden »Platz«, wird auf sie keine Rücksicht genommen. Der Tenor ist immer der gleiche: Wer dick ist, ist selber schuld, und mit ein bisschen Disziplin kann schließlich jede ihr Übergewicht bekämpfen. Dabei zeigen alle Statistiken, dass eine dauerhafte Gewichtsabnahme von stark Übergewichtigen – und die meisten haben viele Diäten hinter sich – fast unmöglich ist. Denn die Statistik belegt: von 20 Menschen, die mittels einer Diät deutlich abnehmen, schafft es im Durchschnitt nur einer, sein Gewicht wenigstens über ein paar Jahre zu halten. Alle anderen wiegen dann meist mehr als zuvor.

Quelle: frauTV, 30.09.2010, http://wdr.de/tv/frautv/sendungsbeitraege/2010/0930/thema_2.jsp

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