Eine Frage des Humors

Nana nach Niki de Saint PhalleDie ARGE Dicke Weiber zum sexistischen Titelblatt des Augustin Nr. 272

Mit Aussagen wie: »Das ist ja nur deine subjektive Meinung!« oder »Du hast einfach keinen Humor!« kann so ziemlich jede Auseinandersetzung im Keim erstickt werden. Dass das Gespräch zwischen der ARGE Dicke Weiber und dem Augustin am 22. April mit genau diesen Worten begann, war also eine denkbar schlechte Voraussetzung. Leider wurden unsere Einwände gegen das diskriminierende und sexistische Titelbild auch nach zwei Stunden nicht ernst genommen und mit unserer Humorlosigkeit abgetan.

Die Vorgeschichte: Die ARGE Dicke Weiber gab der freien Journalistin Ute Mörtl ein Interview. Als Illustration sollten Fotos von der 8. März FrauenLesbenDemo dienen. Diese waren nicht für ein Titelbild geeignet, deshalb entschieden sich die Augustinredakteure ohne Rücksprache und Einverständnis für Comiczeichnungen aus dem Videospiel »Fat Princess«.

Wenn gesellschaftliche Diskriminierung aufgrund des Gewichts vor allem Frauen in tiefe Depressionen bis hin zur Selbstmordgefährdung stürzt, gibt es nichts zu lachen. Wenn sich Frauen, die sich mit erfolglosen Diäten quälen, als Versagerinnen fühlen, ihr ganzes Leben als totalen Fehlschlag in Frage stellen und lieber tot als dick sein wollen, ist Humor in keinster Weise angebracht. Trotzdem wiesen die Vertreter der Redaktion wiederholt darauf hin, dass es sich um eine Persiflage handle. Das klare »Nein!«, auf die Frage ob sie bei Artikeln über MigrantInnen oder JüdInnen auch eine Darstellung, die in parodierender Weise Körpermerkmale betont, verwenden würden, sprach Bände. Warum dann bei dicken Frauen? Schweigen!!!

Als wir in der Rede für den 8. März sagten, »Niemand regt sich auf, wenn Dicke verspottet werden. Niemand hinterfragt dickenfeindliche Äußerungen und Witze«, war uns nicht klar wie punktgenau wir damit ins Schwarze treffen würden. Selbst bei einem Medium wie dem Augustin, dessen Programm das Anschreiben gegen Diskriminierung ist. Leider waren die Redakteure nur kurzfristig bereit einen Fehler einzugestehen, schon gar nicht sich zu entschuldigen, sondern beharrten auf ihrem Standpunkt, dass das Bild lustig und provokant sei. Lustig? Provokant? NEIN!

Auch die Tatsache des Sexismus wurde abgetan. Zeigt doch jedes Augustin Titelblatt fast unbekleidete Frauen, oder?

Das Spiel »Fat Princess«, aus dem die Zeichnung stammt, wurde uns von den Redakteuren als lustiger Gegenpol zu all den gewalttätigen Videospielen geschildert. Das noch dazu von einer Frau entwickelt worden war. Allerdings gaben sie zu, es selbst nicht zu kennen. Liebe Herren Redakteure, bitte recherchiert zumindest ansatzweise das Material, das ihr verwendet. Es dauert eine Minute, nähere Infos aus dem Internet zu bekommen. Prinzessinnen werden entführt, in Verliese gesperrt und gewaltsam gemästet, damit sie zu fett für eine Rettung werden. Ziel der Teams ist es, ihre Prinzessin zu befreien und dabei möglichst viele Gegner zu töten. Es bedient nicht nur sämtliche Dickenklichees, sondern auch patriarchale Geschlechterrollen. Aktiver, starker, kluger Mann rettet passive, schwache, dumme Frau.

Die Botschaft, wer zu fett ist, hat verloren, ist ein Faustschlag ins Gesicht der ARGE Dicke Weiber. Wir haben es satt, von Medien, Wirtschaft und Werbung, von Medizin und Sport vorgeschrieben zu bekommen, wie wir auszusehen haben und wie wir leben sollen. Wir haben es satt, uns krank zu hungern oder mit Magenbändern und Ähnlichem verstümmelt zu werden. Und wir haben es satt, uns zu schämen und still zu sein, wenn wir beleidigt und verletzt werden. Dicke Frauen stehen als Lachnummer nicht zur Verfügung. Wir lassen uns nicht vorführen. Und wir erwarten uns, den uns zustehenden Respekt. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar.

Frauenverachtung, Sexismus und Diskriminierung als unsere individuelle Meinung abzutun, zeigt wie wenig die Gesellschaft und auch fortschrittliche Redakteure sich von den herrschenden patriachalen Stukturen abgesetzt haben.

Dieser Text erschien in Augustin 274 – 05/2010

3 Gedanken zu “Eine Frage des Humors

  1. Ich lese immer nur davon, wie Dicke diskriminiert werden. Wenn ich Zeilen lese von wegen „Schlankheitswahn ein Ende setzen“ – was bitte soll man tun wenn ein Mensch erblich bedingt Vollschlank ist?
    Sobald jemand dünnes vorbeiläuft ist derjenige = Hungerhaken?
    Ich habe schon erlebt, dass man mir an der Arbeit bloss einen Salat mitbrachte mit der Entschuldigung „oh, ich dacht du magst nicht mehr“.
    Eine schlanke Person wird als arrogant, charakterarm und oberflächlich etc gebrandmarkt, besonders aber von Dicken (die es eigentlich wissen sollten wie es ist, als Opfer von Klischees und Vorurteilen herzuhalten).
    Charakterarm sind diejenigen, die sich zwanghaft in Schemen einzwängen wollen, was ein Aspekt ist den man keinesfalls durch Optik einschätzen kann.
    Wenn sich Leute auf derart niederen Niveau einstufen lassen und sich selbst der selben Prinzipien bedienen (egal ob rassistisch gegenüber Spezien oder Geschlecht), sind hämische Äusserungen nichts weiter als ein Produkt innerer Frustration, Wut und Unsicherheit.

    • Da kann ich Dir nur recht geben. Menschen sollten endlich aufhören, einander fertig zu machen. Es ist einfach nur falsch und dumm, egal worauf die Diskriminierung abzielt. Der Körperbau ist ohnehin nur ein Merkmal unter Tausenden, welche den Menschen ausmachen. Und man sollte nie vom Gewicht auf die anderen Merkmale schließen. Aber das ist wie gesagt schlichte Dummheit. Viele Leute brauchen anscheinend einen Sündenbock, um ihre eigenen Mängel zu kaschieren. Ein zufriedener, intelligenter Mensch tut so etwas höchst selten. Im Grunde bedauere ich diese armen Geschöpfe, die es nötig haben, andere zu diskriminieren.
      Um mal das Problem „Hungerhaken“ anzuschneiden, da kenne ich eine Geschichte, die einem fast die Schuhe auszieht. Es werden tatsächlich keinesfalls nur dicke Menschen schlecht behandelt – wortwörtlich, im Sinne einer ärztlichen Behandlung. Meine sehr schlanke Schwester plagten schon seit einiger Zeit schlimme Rückenschmerzen, doch der Arzt, zu dem sie ging, nahm das überhaupt nicht ernst. Er meinte tatsächlich, bei ihrer Figur könne man Rückenbeschwerden eigentlich ausschließen, und es handle sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um eine kurzzeitige Überanstrengung oder sowas.
      Da die Schmerzen immer schlimmer wurden, wendete sich meine Schwester schließlich an einen Spezialisten, der einen Bandscheibenvorfall diagnostizierte.
      Es ist einfach nicht zu fassen. Während ein dicker Mensch vermutlich nur das obligatorische „Nehmen sie erstmal ab!“ zu hören bekommen hätte, erntete meine Schwester ein ratloses Schulterzucken á la „Ach, die Weiber und ihre eingebildeten Wehwehchen…“, weil sie ja schlank ist und damit von vornherein gesund. Auch das ist letztlich eine Form von Diskriminierung.
      Jeder Mensch ist ein Individuum und verdient es, ganzheitlich betrachtet zu werden – sowohl beim Arzt, als auch im Alltag. Vorurteile haben in einer aufgeklärten Welt nichts mehr zu suchen.
      LG, Chiyo

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