Redebeitrag zur Frauendemo am 8.3.

Redebeitrag der ARGE Dicke Weiber zur Frauendemonstration am 8. März 2010

Frauendemo 8.3.2010

© ARGE Dicke Weiber

ÜBERGEWICHT MACHT DUMM

»Dicke haben deutlich weniger Hirnmasse. Übergewicht lässt das Gehirn rascher altern.

Dass Übergewicht das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen erhöht, ist hinlänglich bekannt. Laut einer Studie der International Association for the Study of Obesity (IASO) lassen übermäßige Fettdepots aber auch die grauen Zellen im Gehirn schrumpfen. Die Wissenschafter haben Übergewichtige mittels Kernspintomograf untersucht und ihr Gehirn vermessen. Ergebnis: Je höher das Körperfett, desto weniger Nervengewebe gibt es im Gehirn. Warum das Körperfett zu einem Schwund der Gehirnmasse führt, ist noch nicht geklärt.«
Zitat aus der Zeitung Österreich vom 14. Oktober 2009

Aus Medien, Wirtschaft und Werbung, aus Medizin und Sport – von allen Seiten erreicht uns die Botschaft »Schlank ist schön, schlank ist gesund, schlank ist normal und schlank ist produktiv!«. Diese Botschaft bedeutet im Umkehrschluss »Dick ist hässlich, dick ist krank, dick ist abnormal und dick ist unproduktiv!«. Diese Botschaft übt einen immensen Druck auf dicke Menschen aus, sie ist menschenverachtend und sie zerstört das Selbstwertgefühl und die Beziehung zum eigenen Körper tiefgreifend. In einer von Männern dominierten Gesellschaft, in der Frauen noch immer in die Rolle des Schmuck- und Sexobjekts gedrängt werden, sind Frauen und Mädchen in besonderem Maße von dieser strukturellen Gewalt betroffen.

Schönheitsideale, Body-Mass-Index, Diäten und Diätmittel, »Schönheits«operationen und die Pathologisierung des dicken Körpers sind Angriffe auf die Vielfältigkeit und die Gesundheit von Frauen. Sie bedienen patriarchale Vorstellungen von Weiblichkeit. Sie entsolidarisieren Frauen und sind Disziplinierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen um Herrschaftsverhältnisse zu stützen.

Diät- und Fitneßindustrie, Medizin und Pharmazie machen Milliardenumsätze mit dem Geschäft rund um den Frauenkörper. Frauenkörper werden im neoliberalen Patriarchat zur Ware gemacht und diese Ware hat nicht nur schlank zu sein, sondern auch jung, glatt, fit und enthaart. Viele Frauen verschwenden Unmengen an Zeit und Geld um diesen Forderungen zu genügen und ruinieren dabei auch – oft unwiderruflich – ihre Gesundheit.

Dicke Frauen haben keine Lobby, keine Interessensvertretung, daher können sie ungeniert diskriminiert und lächerlich gemacht werden.

Einer jungen Kindergärtnerin wird mit dem Argument, sie wäre auf Grund ihres Körpergewichts ein schlechtes Vorbild für Kinder eine Anstellung verweigert. Einer Anwärterin auf eine staatliche Ausbildung wird gesagt, sie solle erst einmal 30 Kilo abnehmen, bevor sie sich für den Ausbildungsplatz bewerben dürfe. Wenn sich eine dicke und eine schlanke Frau um dieselbe Arbeitsstelle bewerben, wird in 99 von 100 Fällen die schlanke Frau den Job bekommen. Ich denke, viele von euch werden mir in diesem Punkt zustimmen.

In den Medien werden dicke Frauen bestenfalls als Ulknudeln akzeptiert, wenn sie nicht überhaupt als krank, verbittert oder bösartig dargestellt werden. Niemand regt sich auf, wenn Dicke verspottet werden, niemand hinterfragt dickenfeindliche Äußerungen und Witze, selbst emanzipierte Personen finden nichts dabei, eine dicke Frau als »fette Sau« zu bezeichnen, die Wörter »fett« und »hässlich« werden untrennbar miteinander verbunden.

Dagegen wollen wir uns wehren! Wir sind keine Lachfiguren, wir sind nicht dumm oder faul oder hässlich oder schlampig oder welche Vorurteile es auch sonst gibt. Und schon gar nicht sind wir schuldig! Wir sind Teil der Vielfalt und lassen uns nicht klein machen. Wir wollen uns nicht länger schamhaft verstecken und am liebsten unsichtbar sein, wie es von uns verlangt wird.

Wir sind gesund und lassen uns nicht krankreden
Wir sind schön und lassen uns unsere Schönheit und Erotik nicht absprechen
Wir sind aktiv und lassen uns unser Engagement nicht schmälern
Sind wir unbeherrscht?

Wir lassen uns nicht beherrschen von der Meinungsmacherei der öffentlichen Medien. Wir lassen uns nicht beherrschen von gesellschaftlich akzeptierten Normen. Wir lassen uns keine Schuldgefühle einreden, weil wir so sind wie wir sind. Wir stehen auf für unsere Rechte, wir kämpfen dafür, als gleichwertige Menschen behandelt zu werden. Wenn das unbeherrscht ist, ja, dann sind wir es. Dann sind wir unbeherrscht

Die ARGE Dicke Weiber trifft sich jeden 2. Freitag im Monat im Autonomen FrauenLesbenMädchenzentrum Wien.

Ein Gedanke zu “Redebeitrag zur Frauendemo am 8.3.

  1. Die Diskriminierung dicker Frauen und der Schlankheitswahn sind häufig Thema unserer Klientinnen, Mitglieder und Interessentinnen, die unsere Offenen Gruppen für Frauen in bikulturellen Beziehungen und Familien besuchen. Etliche von ihnen fühlen sich zweifach diskriminiert: als Dicke und als Frauen mit Partnern aus sog. „Dritte-Welt-Staaten“. Auch in ihrem Namen wünschen wir euch einen „langen Atem“ und viel Durchhaltevermögen für euren so wichtigen Gegendiskurs und euren Aktivitäten gegen die Diskriminierung und Ausgrenzung von Frauen, die nicht ins Schema eines konstruierten Schönheitsideals passen.
    Mit solidarischen Grüßen
    Mag.a Gertrud Schmutzer, FIBEL

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