NZZ: »Es gibt ein Recht darauf, dick zu sein«

Neue Zürcher Zeitung / Matthias Daum interviewt Friedrich Schorb / 7. Dezember 2009

»ES GIBT EIN RECHT DARAUF, DICK ZU SEIN«
Der Soziologe Friedrich Schorb brandmarkt die Übergewichtsprävention als Kreuzzug gegen die Dicken

Die gegenwärtige Fett-Hysterie mache Dicke zu Sündenböcken, sagt der Soziologe Friedrich Schorb. Verbote taugten nichts im Kampf gegen Übergewicht. Sie schürten nur die Angst vor dem Essen.

Interview: Matthias Daum
Friedrich Schorb ist Autor des Buches «Dick, doof und arm? Die grosse Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert» (Droemer-Verlag, 2009). Er promoviert am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen.

Herr Schorb, Übergewicht verursacht in der Schweiz jährlich Kosten von 5,7 Milliarden Franken. Und Sie sprechen von Präventionsfanatismus?
Solche Studien muss man sich sehr genau anschauen. Vielfach sind die unterschiedlichen Datensätze eigentlich nicht miteinander vergleichbar.

Wie beurteilen Sie demnach die neuste Studie des Bundesamtes für Gesundheit?
Die Studie ist ein unseriöses Datenpotpourri ohne Aussagekraft. Die relativen Risiken, auf deren Grundlage die Kosten errechnet wurden, die Übergewichtige verursachen sollen, hat man aus US-amerikanischen Studien zusammengeklaubt. Bei vielen der erwähnten Krankheiten ist ein Zusammenhang mit Übergewicht strittig. Bei einer anderen Auswahl der Studien wäre man auf viel niedrigere Zahlen gekommen.

Die Zunahme von Übergewichtigen lässt sich aber nicht leugnen.
Das tu ich auch nicht. Aber sie ist längst nicht so dramatisch verlaufen, wie häufig behauptet wird. Ausserdem ist leichtes Übergewicht sogar gesund. Es steigert die Lebenserwartung. Und im hohen Alter ist Übergewicht ein Schutzfaktor gegen Krankheiten wie Osteoporose. Zudem wirkt es sich positiv auf den Heilungsprozess nach Krankheiten oder Operationen aus. Das stellt man selbstredend nicht in Rechnung.

Wie erklären Sie sich dann diese immensen Kosten?
Es ist bequem, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen bestimmten Gruppen in die Schuhe zu schieben. Seien es nun die Raucher oder die Übergewichtigen. Die BAG-Studie lastet den Übergewichtigen auch noch einen Teil der Kosten für Verkehrsunfälle an. 413 Millionen Franken bekommen sie dafür in Rechnung gestellt: das Zehnfache der direkten Behandlungskosten für Übergewicht und Adipositas.

Trotzdem: Wieso soll ich als schlanker Mann die Folgen der Fresslust anderer berappen?
Wenn man dies nicht tut, stellt man das ganze System auf den Prüfstand. Dann trifft es auch die Skifahrer und Hobbyfussballer, die sich öfter die Knochen brechen. Die Konsequenz ist ein riesiger Verwaltungsapparat. In den USA verwendet man 30 Prozent der Prämien, um Risiken der Versicherten zu berechnen. Wollen Sie das wirklich?

Aber wer fett isst, muss sich doch nicht wundern, wenn er dick wird.
Es ist nicht nur eine Frage der Ernährung, ob Sie zunehmen. Es liegt mitunter an den Genen. Deshalb ist es nicht gerecht, Dicke an den Pranger zu stellen.

Es gibt ein Recht darauf, fett zu sein?
Auf jeden Fall. Der Körper ist Privatsache. Wir haben ein Recht auf Selbstschädigung.

Der britische Fernsehkoch Jamie Oliver bezeichnete Eltern, die ihren Kindern Softdrinks geben, als «verdammte Arschlöcher und Wichser». Was würden Sie ihm als Vater antworten?
(Lacht) Das geht ihn nichts an, er soll sich um die eigenen Kinder kümmern.

Soll sich der Staat also nicht um die Kinder kümmern, sie nicht vor schlechter Ernährung schützen?
Man soll Familien unterstützen, damit sie ihre Kinder gesund ernähren können. Dies ist auch eine Zeit- und Geldfrage, aber kein Fanatismus! An Schulen soll man keine Verbote für Süsswaren erlassen, sondern attraktive Essangebote schaffen.

Ernährung ist keine Geldfrage. Schliesslich geben wir Schweizer nur 7 Prozent des Haushaltsbudgets für Essen aus.
Die Sache ist komplizierter. Ja, für die Mittelschicht spielt Ernährung in der Budgetplanung eine vergleichsweise kleine Rolle. Aber bei Schlechterverdienenden ist das Essen jene Ausgabe, wo sie am einfachsten sparen können. Denn Miete, Strom, Heizung, Krankenkassenprämien: Diese Ausgaben sind fix und steigen konstant.

Also soll der Staat vermehrt vor ungesunder Ernährung warnen?
In Sprache und Aufmachung richten sich die Kampagnen an die Falschen. Sie erziehen damit diejenigen, die sowieso alles richtig machen.

Wer ist das?
Der Mittelstand, an dessen Bild vom Idealkörper sich dieser Übergewichtsdiskurs orientiert. Debattiert wird das Thema aber nicht als eine Frage der Ästhetik, sondern als ginge es um Leben und Tod. Dagegen lässt sich schlecht argumentieren.

Welche Ziele verfolgen die Präventionsmassnahmen?
Man will die Fettleibigkeit aus der Welt schaffen. Auf die Idee von der drogenfreien Welt folgt jene der fettfreien Welt. Zum Beispiel nimmt der Anteil Übergewichtiger gar nicht weiter zu, sondern pendelt sich ein. Auch in der Schweiz. Die Prognosen, die eine Verfettung der ganzen Gesellschaft voraussahen, erweisen sich als falsch.

Nun könnte man sagen: Nützt es nichts, so schadet es nichts.
Das ist aber falsch. Wenn man jungen Mädchen in der Schule einschärft «Vorsicht vor Dickmachern!», schürt man bei ihnen den Ekel vor Lebensmitteln und die Angst vor dem Essen.

Was schlagen Sie vor?
Wir sollten wieder mehr nur nach dem Appetit essen – und weniger Kalorien zählen.

Quelle: NZZ Online, 07.12.2009, http://www.nzz.ch/nachrichten/panorama/es_gibt_ein_recht_darauf_dick_zu_sein_1.4120934.html

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